Kategorie-Archiv: Jahresrückblick 2014

Jahresrückblick 2014 – Die Themen des Jahres

Papst Franziskus 2013 in Brasilien (Quelle: Agencia Brasil via Wikimedia Commons unter CC-BY-3.0 BR Lizenz veröffentlicht)

Papst Franziskus 2013 in Brasilien

Im Jahr 2013 musste sich die katholische Kirche nach dem Rücktritt ihres obersten Hirten neu organisieren und wurde gebeutelt von Missbrauchs- und Finanzskandalen. Ein Jahr später haben sich die Wogen geglättet: der neue Papst Franziskus lebt die Bescheidenheit, geht gegen Missbrauchsvorwürfe vor, organisiert die vatikanischen Finanzen neu und hat verlorenes Vertrauen zurückerobert.

Er unternahm zahlreiche Auslandsreisen, u. a. nach Brasilien und in den Nahen Osten, machte aber auch Station in Südkorea, Albanien und der Türkei. Franziskus traf sich mit politischen und religiösen Größen – vom orthodox ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel über den Großmufti von Istanbul bis hin zu Mahmud Abbas, Shimon Peres und Recep Tayyip Erdogan. Er präsentiert sich als Vermittler in Konflikten und Ansprechpartner für interreligiösen Dialog. Darüber hinaus bleibt Papst Franziskus – und das sollte man bei aller Begeisterung nicht aus den Augen verlieren – der Repräsentant der katholischen Kirche und verfolgt in dieser Funktion deren Interessen. So verzichtete der Papst auf ein Treffen mit dem in Rom weilenden Dalai Lama, um die derzeitige Annäherung zwischen dem Vatikan und China nicht zu gefährden.

Doch auch innerhalb der Kirche trifft das Gebaren das Papstes nicht immer auf Gegenliebe. Vielleicht hören auch deshalb die Spekulationen nicht auf, dass Franziskus‘ Vorgänger Benedikt im Schatten des Vatikan agiert und dadurch die Gefahr einer Herausbildung zweier Machtzentren innerhalb des Vatikans besteht. Denn auch wenn sich der emeritierte Papst Benedikt aus den Tagesgeschäften im Allgemeinen heraushält, trägt er weiterhin die dem Papst vorbehaltene weiße Soutane und besteht auf der Anrede „Eure Heiligkeit“. Dadurch entsteht bereits in der äußeren Erscheinung der Eindruck zweier Päpste, der jedoch in offiziellen Stellungnahmen von allen Seiten bestritten wird. Den Gerüchten tut dies keinen Abbruch, sie halten sich nach wie vor hartnäckig.

Dass sich Papst Franziskus weltweit für Christen einsetzt, zeigte sich im Fall der Sudanesin Mariam Yahya Ibrahim Ishaq. Die 27-jährige Christin war im Mai 2014 wegen Gotteslästerung und Apostasie zum Tod durch Erhängen verurteilt worden. Diese Verurteilung hatte international für Bestürzung und Proteste gesorgt. Hintergrund des Prozesses war, dass der Vater Ishaqs Muslim, die Mutter jedoch orthodoxe Christin ist. Traditionell werden sudanesische Kinder in solchen Fällen muslimisch erzogen und damit wäre Miriam Ishaq vom islamischen Glauben abgefallen. Da sie jedoch aufgrund der Abwesenheit des Vaters christlich erzogen wurde, ist der Vorwurf der Apostasie hinfällig.

Ein Berufungsgericht hatte den Fall aufgrund des internationalen Interesses noch einmal geprüft und Ishaq wurde im Juni 2014 vom Vorwurf der Apostasie freigesprochen. Die von der Familie daraufhin geplante Ausreise aus dem Sudan wurde von der sudanesischen Regierung zunächst verhindert. Nachdem Mariam Ishaq mit ihrem Mann und den zwei Kindern in die amerikanische Botschaft geflüchtet war, verhandelten die USA und Italien mit dem Sudan über die Ausreise der Familie. Ende Juli 2014 verließen alle vier den Sudan in einem italienischen Regierungsflugzeug. Während des Zwischenstopps in Rom traf Ishaq auf Papst Franziskus, der ihr für „ihre mutige und treue Glaubenbezeugung“ dankte. Mariam Ishaq lebt heute mit ihrer Familie in New Hampshire in den USA, wo sie sich für andere Opfer religiöser Verfolgung einsetzt.

Im Sudan  kommt es immer wieder zu Verletzungen der Religionsfreiheit insbesondere gegenüber Christen. Sie müssen nicht nur damit rechnen, jederzeit befragt oder verhaftet zu werden, auch ist der Bau neuer christlicher Kirchen seit Juli 2014 verboten.

Minderheiten sind aber auch in anderen afrikanischen Ländern von Repressionen und Gewalttaten betroffen. Die Boko Haram in Nigeria machen leider schon länger mit der Ermordung von Christen und dem Anzünden von Kirchen Schlagzeilen. Dabei blieb es in diesem Jahr jedoch nicht. Die Gewalttaten erstrecken sich nun auch auf Muslime, welche die Ansichten der Boko Haram nicht teilen. So wurden im November 2014 bei einem Moscheebrand 120 Menschen getötet und über 250 weitere Menschen verletzt. Der Anschlag galt einem muslimischen Kritiker der Boko Haram, Muhammad Sanusi. Bereits im Frühjahr hatten die Boko Haram ihre Menschenverachtung zur Schau gestellt als sie über 200 Mädchen in Chibok, im nordöstlich gelegenen Bundesstaat Borno, entführten. Die zumeist christlichen Mädchen waren nach der Schule entführt worden und die Familien haben auch nach fast 250 Tagen nicht aufgehört für die Rückkehr ihrer Töchter zu kämpfen (#BringBackOurGirls). Über den Verbleib der Mädchen ist wenig bekannt. Einige von ihnen konnten aus der Gefangenschaft fliehen und berichten von Zwangskonversion, Misshandlung und Vergewaltigung. Noch immer befinden sich 219 Mädchen in der Gewalt der Boko Haram.

Beherrschend in diesem Jahr in den Medien waren jedoch die Ereignisse im Nahen Osten. Da war natürlich der „Islamische Staat“, der zu Beginn des Jahres durch Militäraktionen massiv an Territorium gewinnen konnte und der im Juni ein weltweites Kalifat ausrief. Die Organisation beansprucht derzeit die Gebiete der Staaten Syrien und Irak und kontrolliert ca. ein Drittel dieses Gebietes.

Die Länder des Nahen Ostens: rot die von IS kontrollierten Gebiete, gelb die von IS beanspruchten Gebiete (Quelle: Spesh531 via Wikimedia Commons unter CC-BY-SA 3.0 Lizenz)

Die Länder des Nahen Ostens: rot die von IS kontrollierten Gebiete, gelb die von IS beanspruchten Gebiete

Die von der IS angewandte Brutalität in ihrem Vorgehen sorgte weltweit für Entsetzen, insbesondere weil IS diese medienwirksam inszenierte – mit öffentlichen Enthauptungen, die dann im Internet veröffentlicht wurden. Dem schnellen Vorankommen der IS-Truppen hatte die irakische Armee wenig entgegenzusetzen und so entspann sich schnell eine Diskussion über ein internationales militärisches Eingreifen. Bereits im Juni 2014 hatte der Iran Bodentruppen und Drohnen zur Unterstützung der iraksichen Armee gesandt. Ab August startete auch das US-Militär einen großangelegten Luftangriff.

Die Gemengelage umfasst jedoch mehr als die Auseinandersetzung zwischen einer terroristischen Organisation und einem internationalen Bündnis, das gegen sie vorgeht. Denn auch IS baut sich ein Netzwerk an Verbündeten auf: die Militärführung der libyschen Stadt Darna unterstützt IS und gehört zum Kalifat des Islamischen Staates, die Nusra-Front und al-Qaida-Unter- und Splittergruppen stehen mindestens in Gesprächen oder haben bereits Unterstützung zugesagt.

In engem Zusammenhang mit IS steht natürlich auch der syrische Bürgerkrieg, in dem IS nach wie vor aktiv ist und ihn weiter anheizt. Im Norden haben die Kurden die Gunst der Stunde genutzt und ebenfalls ihren eigenen Staat begründet, den sie nun auch mithilfe deutscher Waffenlieferungen verteidigen. Die Hauptleidtragenden sind und bleiben jedoch Zviilisten. Besonders betroffen sind religiöse Minderheiten wie man am Beispiel der im Sindschar-Gebirge eingeschlossenen Jesiden sehr dramatisch sehen konnte.

Der zweite Konflikt, der für weiteren Zündstoff im Nahen Osten sorgt, ist der zwischen Israelis und Palästinensern. Im Sommer 2014 hat die Entführung und spätere Ermordung dreier jüdischer Schüler für eine erneute Eskalation gesorgt. Auf der Suche nach den Jungen wurden Hunderte Palästinenser festgenommen und Hausdurchsuchungen durchgeführt. Dabei kam es immer wieder zu Gewaltausbrüchen, die Israel im Juli mit der Operation „Protective Eagle“ beantwortete. Im Verlauf dieser Operation – bei der sowohl Boden- als auch Luftangriffe stattfanden – wurden auch UN-Einrichtungen zerstört. Auf die Vermittlung der USA wurden mehrere Waffenruhen abgeschlossen, aber sie wurden immer wieder gebrochen. Erst Ende August gelang es Ägypten, beide Seiten zu einer unbefristeten Waffenruhe zu bewegen.

Seitdem tut sich auf diplomatischer Seite wieder etwas, wenn auch nicht zwischen den eigentlichen Konfliktparteien. Schweden hat im November den Staat Palästina anerkannt, wie es der frisch gewählte Ministerpräsident Stefan Löfven im Oktober angekündigt hatte. Auch in den Parlamenten Spaniens und Großbritanniens wird eine Anerkennung diskutiert. Desweiteren hat die Arabische Liga den UN-Sicherheitsausschuss einen Vorschlag vorgelegt, der die Umsetzung einer Zwei-Staaten-Lösung innerhalb eines Zeitraumes von zwei Jahren vorsieht.

Zum Ende des Jahres, was eigentlich eine Zeit der Versöhnung und des Friedens sein soll, ist der Islam – vielmehr die Islamophobie – ein großes Thema. Bereits im November hatte der FOCUS (nicht zum ersten Mal) in mehreren Artikeln Vorurteilen und Ängsten gegenüber dem Islam Vorschub geleistet (in diesem Artikel untersuche ich die Argumentation des Leitartikels) und damit einer Bewegung wie Pegida zugearbeitet. Denn unter der Initiative „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ stehen zum Großteil „ganz normale“ Bürger, die aussprechen, was viele denken oder zu wissen glauben. Nichtsdestotrotz sind diese Meinungen nicht nur abwertend gegenüber einer Minderheit sondern bedienen sich an Vorurteilen, wie sie auch vom FOCUS in seinem Artikel wiedergegeben werden. Während der montäglichen Demonstrationen in Dresden mischen sich in die Pegida-Menge auch Rechtsradikale und Menschen, die eben nicht nur gegen eine Islamisierung sondern gegen den Islam im Allgemeinen sind.

Dies als Ende eines Jahresrückblickes stehen zu lassen, wäre doch sehr deprimierend, daher hier noch die Erinnerung daran, dass 2014 das Jahr war, in dem eine Nonne „The Voice“ in Italien gewonnen und den Saal gerockt hat; dass sich die rechtspopulistische Ukip in Großbritannien mit der Unkenntnis religiöser Gebäude blamierte und über Twitter weitergebildet wurden (#ThingsThatAreNotMosques) und – worauf ich persönlich sehr stolz bin – dass es von mir ein erstes Sciebook gibt!

Vielen Dank, dass ihr bis hierher tapfer durchgehalten habt. Ich wünsche euch allen ein besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

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