Sexualität und Religion

Sex und Religion sind so unterschiedlich und haben doch so viel gemeinsam

Sexualität symbolisiert für uns im Allgemeinen die Körperlichkeit schlechthin. Im biologischen Kontext dient sie der Fortpflanzung und ist ein simpler Akt zur Erhaltung der Art. Doch Sexualität hat viele weitere Aspekte, bei denen nicht die Befruchtung, sondern der Akt der Vereinigung an sich im Mittelpunkt steht. Sexualität geht über den Arterhaltungstrieb hinaus und ist neben ausgefeilten Sexualpraktiken mit Gefühlen, Kommunikation und bestimmten – z. B besitzergreifenden oder zärtlichen – Verhaltensweisen verbunden. Sie wirkt jedoch nicht nur auf die betreffenden Individuen, sondern über eine sich entwickelnde Sexualmoral auch auf die Gesellschaft. Durch gesellschaftliche Normen und Werte wird festgeschrieben, was in sexueller Hinsicht erlaubt oder verboten ist. Wie sehr Sexualität auch durch gesellschaftliche oder religiöse Auflagen eingeschränkt sein mag, ist sie doch immer ein Teil des Menschen. Was bedeutet, dass sich auch jeder Mensch mit seiner Sexualität auseinandersetzen muss – sei es die sexuelle Ausrichtung oder Vorlieben bezüglich Partnerwahl und Praktiken.

Religion hingegen steht für das Geistige, das Erhabene. Es ist ein altes und doch immer wieder neues Bestreben, die Welt mit all seinen Phänomenen zu erklären. Einher gehen damit Vorstellungen von Gut und Böse, richtig und falsch, erlaubt und verboten. Religion kann sich auf alle Bereiche des Lebens auswirken: seien es die Ernährung, der Umgang mit anderen Menschen, der Tagesablauf, oder eben auch die Sexualmoral und das Sexualverhalten. Religion kann Sexualität in bestimmte Bahnen lenken und tut dies auch immer wieder. Je nach religiöser Anschauung fällt die Sichtweise auf Sexualität sehr unterschiedlich aus und kann von Bejahung, über Reglementierung bis hin zur Verneinung alle Facetten aufweisen. Diese Dreiteilung sieht aus religionswissenschaftlicher Sicht wie folgt aus (Schwikart: 2005):

  • Der einbeziehende Typus hat eine sehr positive Einstellung zum Sexuellen, es gehört als maßgeblicher Teil zur religiösen Erfahrung. Religionsrichtungen des einbeziehenden Typus sind z. B. Tantrismus, Naturreligionen und Mysterienkulte.

  • Die abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) akzeptieren Sexualität unter bestimmten Rahmenbedingungen. Allerdings wird alles Religiöse als übergeordnet behandelt und Sexualität auf diese Weise ausgegrenzt, weshalb man diesen Typus ausschließend nennt.

  • Eine völlige Verneinung alles Sexuellem erteilt der antisexuelle Religionstypus, für den Sexualität immer auch ein Hindernis darstellt auf seinem religiösen Weg. Beispiele für diesen Typus sind der Zoroastrismus und Manichäismus.

Bis zu diesem Punkt scheint es, dass Religion der Sexualität immer übergeordnet ist und sie in ihrem Sinne beeinflusst. Doch ebenso wie in der Physik eine Kraft immer auch eine gleich große Gegenkraft erzeugt, so kann man im Verhältnis von Sexualität und Religion auch eher von einem gegenseitigen Sich-Bedingen sprechen. So wird sich eine durch religiöse Vorgaben stark eingeschränkte Sexualität immer eine Bahn brechen zu größerer Freiheit (z. B. die sexuelle Revolution im ‘Westen’) oder diese Religion wird vom Aussterben bedroht (Zoroastrismus). Ebenso wird eine freizügige Sexualität religiöse Gegenbewegungen hervorrufen, die sich für Enthaltsamkeit und Askese aussprechen.

Gemeinsam ist Sexualität und Religion in diesem Rahmen, dass sie stetem Wandel unterworfen und immer darauf angewiesen sind, auf die Herausforderungen der Zeit zu reagieren, wenn sie nicht von der Weltbühne verschwinden wollen.

Wie bereits erwähnt, muss sich jeder Mensch im Laufe seines Lebens mit seiner Sexualität auseinandersetzen. In religiöser Hinsicht stellt sich die Gretchenfrage: „Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?“ (Goethe, Faust I) Auch hier gibt es mannigfaltige Antworten und jeder muss die für sich passende finden. Denn Klarheit bezüglich sexueller und religiöser Überzeugung (oder Nicht-Überzeugung) führt auch zu Klarheit oder zumindest einer Einschränkung der Wahlmöglichkeiten bei vielen anderen Themen. Diese reichen von sexuellen Praktiken bis hin zu Familie, Kindern und Ehe.

Und noch eine kleine, aber erstaunliche Gemeinsamkeit zum Schluss. In der Wortwahl, sowohl im sexuellen als auch religiösen Kontext, gibt es Übereinstimmungen: Liebe, Leidenschaft, Ekstase, Verzückung, Seligkeit – Worte, die mit Religion, aber auch mit Sex in Verbindung gebracht werden.

Quellen:

  • Parrinder, Geoffrey: Sexualität in den Religionen der Welt. 2004
  • Schwikart, Georg: Sexualität in den Religionen. 2005

Habt ihr noch weitere Gemeinsamkeiten oder Kritikpunkte im Kopf? Dann hinterlasst einen Kommentar, ich freue mich schon darauf, von euch zu lesen.

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4 Antworten zu “Sexualität und Religion

  1. Gefällt mir gut. Für die Zukunft würde ich dir empfehlen Schlüsselbegriffe/Quellen als Links anzulegen (z.B. Wikipedia).

  2. Mir gefällt dieser Artikel besonders gut. Wir verwendeten ihn vor einer Woche im ev. Religionsunterricht.

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