Fokus: Beschneidung 2/3 – Die Diskussion

Das Urteil des Kölner Landgerichts hat in den Medien und der Öffentlichkeit eine hitzige Debatte über die Beschneidung von Jungen ausgelöst. Um bei all den Artikeln, Kommentaren und Beiträgen den Überblick zu behalten, habe ich die wichtigsten Argumentationspunkte zwischen Religionsfreiheit und Kindeswohl zusammengetragen.

Religionsfreiheit (Art. 4 GG)

  • Pro: Die im Grundgesetz formulierte positive Religionsfreiheit erlaubt die Ausübung religiöser Praktiken und Bräuche. Damit auch die Beschneidung als Ritus zur Aufnahme in eine Religionsgemeinschaft. Da die Religionsfreiheit ein Grundrecht ist, kann sie nur durch andere Grundrechte oder durch die Verletzung der Rechte Dritter eingeschränkt werden.
  • Kontra: Dieses Grundrecht gewährt auch die negative Religionsfreiheit, d.h. den Verzicht auf die Ausübung religiöser Praktiken oder auch den Austritt aus einer Religionsgemeinschaft. Ist letzteres der Fall, kann die Beschneidung als irreversibler Makel betrachtet werden.

Beschneidung als Tradition

  • Pro: Die Beschneidung ist eine jahrhunderte-, sogar jahrtausendealte Tradition, die in den betreffenden Religionen tief verwurzelt ist. Sie wird dadurch ein nicht zu vernachlässigender Faktor bei der Herausbildung der kulturellen und religiösen Identität.
  • Kontra: Die Tradition der Beschneidung ist auch innerhalb der Religionsgemeinschaften nicht unumstritten und die Bedeutung und Notwendigkeit werden diskutiert. Zudem lässt sich hinzufügen, dass sich die Haltung gegenüber anderen traditionellen Ansichten (bspw. zur Rolle der Frau, Homosexualität) verändert hat.

Weibliche ‚Beschneidung‘ vs. Männliche Beschneidung

  • Pro: Im Gegensatz zur weiblichen Genitalverstümmelung ist die Beschneidung bei Männern weniger gewaltsam, sie dient nicht der Diskriminierung, sondern der feierlichen Aufnahme in die Gemeinschaft und verursacht nicht das gleiche Maß an körperlichem und psychischem Schaden.
  • Kontra: Trotzdem ist auch die männliche Beschneidung eine Verletzung der körperlichen Unversehrtheit, zudem bei religionsunmündigen Jungen, die diese Entscheidung meist nicht selbst getroffen haben.

Hygiene

  • Pro: Das Entfernen der Vorhaut hat hygienische Vorteile, dadurch kann bestimmten Entzündungen und Erkrankungen vorgebeugt werden.
  • Kontra: Messbare Effekte lassen sich nur für aride Gebiete mit schwacher Gesundheitsinfrastruktur belegen. Des Weiteren birgt der Eingriff selbst ein (wenn auch geringes) Risiko für Entzündungen u. Ä. in sich.

Erziehungsrecht der Eltern (Art. 6 GG), Recht auf körperliche Unversehrtheit (Art. 2 Abs. 2 GG) und Kindeswohl (§1631 BGB)

  • Pro: Eltern haben das Recht, ihr Kind nach ihren Überzeugungen zu erziehen. Dies bedeutet auch, dass sie es in ihrer Religion erziehen dürfen, d.h. auch, dass Eltern bis zur endgültigen Religionsmündigkeit mit 14 für ihr Kind entscheiden dürfen.
  • Kontra:  Jedes Kind hat das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Wenn Schläge schon inakzeptabel sind, wie sehr dann ein medizinisch nicht notwendiger Eingriff? Zudem verletzt er die körperliche Unversehrtheit des Kindes, die ebenso ein Grundrecht ist, wie die Religionsfreiheit.

Zum Abschluss noch die Empfehlung für einen wirklich spannenden Artikel eines jüdischen Arztes, der sich mit der Frage auseinandersetzen muss, ob sein neugeborener Sohn beschnitten werden soll. Viel Spaß beim Lesen und schreibt mir, wie ihr die Beschneidungsdebatte seht! Ich freue mich auf eure Beiträge.

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