ISIS – die neue Macht im Irak und Syrien?

ISIS ist die neue Terrororganisation, die überall in den Nachrichten ist und deren Vorgehen mit dem der Boko Haram in Nigeria verglichen wird. Aber auch vom „Blitzkrieg“ kann man immer wieder lesen. Doch ist ISIS wirklich so neu, wie viele Medien Glauben machen wollen und ist ihr Auftauchen tatsächlich derart unerwartet?

Bereits beim Namen der Organisation gibt es dank Übersetzungsschwierigkeiten verschiedene Varianten: ihr arabischer Name heißt ad-dawla al-islāmīya fī l-ʿirāq wa-sch-schām, also islamischer Staat im Irak und, tja, asch-schām enthält die Krux. Ursprünglich bezeichnet es eine Nordgegend, genauer den Norden des frühen Ausbreitungsgebietes des Islams im Gegensatz zu den Orten seiner Entstehung auf der Arabischen Halbinsel. Es ist auch der alte Name für die syrische Hauptstadt Damaskus. Heute wird mit dem Begriff asch-schām meist Syrien verbunden, oder auch Großsyrien, wie es sich der Panarabismus vorstellte. Im Allgemeinen ist heute der syrisch-palästinensische Raum gemeint und wird häufig auch als Levante bezeichnet. Daher stammen auch beide Abkürzungen: ISIS – Islamischer Staat im Irak und (Groß)Syrien und ISIL – Islamischer Staat im Irak und der Levante. Gemeint ist in beiden Fällen die gleiche Organisation, die im arabischen Raum unter dem Kürzel Dāʿisch firmiert.

Aus dem Namen lässt sich ebenfalls das Hauptziel dieser Organisation ableiten, nämlich im Gebiet des irakischen und syrisch-palästinensischen Raums einen geeinten islamischen Staat zu errichten. Hinter dieser ehrgeizigen Idee steht der Anführer von ISIS, von dem es nur wenige Bilder gibt und der unter dem Pseudonym Abu Bakr al-Baghdadī agiert. Er soll aus Samarra stammen und einen PhD in Islamischen Studien von der Universität Bagdad haben. 2005 soll er in amerikanische Gefangenschaft geraten sein, wo er die Bekanntschaft mit al-Qa’ida-Kämpfern machte. Er schloss sich zunächst al-Qa’ida an, entkoppelte sich jedoch stückweise und trennte sich endgültig 2013 von ihnen.

Wieviel Mitglieder ISIS hat, lässt sich schwer sagen, aber im Irak sollen es um die 8.000 sein. In Syrien, wo ISIS-Kämpfer gegen das Assad-Regime intervenieren, ist eine Schätzung noch schwieriger, da sich oftmals keine klare Grenze ziehen lässt zwischen ISIS, der Freien Syrischen Armee, der Nusra-Front und anderen Gruppierungen. Und auch die Allianzen untereinander verschieben sich immer wieder. Noch im August 2013 überfiel ISIS gemeinsam mit Kämpfern anderer Gruppen mehrere Dörfer alawitischer Familien in der syrischen Provinz Latakia, bei denen mindestens 190 Menschen getötet und 200 Frauen und Kinder verschleppt wurden. Inzwischen hat ISIS mit der Nusra-Front gebrochen, weil Erstere sich weigert, die bestehenden Landesgrenzen anzuerkennen, da dies ihrem Ziel eines islamischen Staates entgegensteht.

Gebiete in Syrien und im Irak (weiß), die ISIS kontrolliert (dunkelrot) und in denen sie operieren (hellrot)

Gebiete in Syrien und im Irak (weiß), die ISIS kontrolliert (dunkelrot) und in denen sie operieren (hellrot) (Quelle: Spesh531 via Wikimedia Commons unter cc-by-sa-3.0 Lizenz)

Bereits im letzten Jahr wurden viele Städte im Norden Syriens von ISIS erobert, darunter Manbudsch, ar-Raqqa und Dair az-Zūr. Von Nordsyrien ist es nur ein kleiner Schritt in den Norden des Irak und bereits im Dezember konnten die ISIS-Kämpfer die Stadt Falludscha einnehmen und mit ihr den Großteil der Provinz al-Anbar.

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2 Antworten zu “ISIS – die neue Macht im Irak und Syrien?

  1. Gereon Vogel-Sedlmayr

    Interessante Informationen.

    Teilweise auch schwer vorstellbar: 8000 Kämpfer sollen im Irak ein so riesiges Gebiet kontrollieren?

    Für den Religionswissenschaftler kurios, dass sich der Name der altägyptischen Isis mit der hierzulande geläufigen Abkürzung „I.S.I.S.“ (warum so häufig ohne Punkte?) doppelt. Als ob wir es mit einer kämpfenden Göttin zu tun hätten. Läd ein zu Wortspielen mit „Isis unveiled“.

  2. Danke.

    Ja, 8.000 Kämpfer kann ich mir selbst auch schwer vorstellen. Aber es war die einzige Zahl, die dazu zu finden war. Mit etwas mehr zeitlichen Abstand zu den Ereignissen wird es dann hoffentlich auch sicherere Angaben geben.

    Na, ich will doch hoffen, dass wir es hier nicht mit einer kämpfenden Göttin zu tun haben. Auch wenn das für uns Religionswissenschaftler äußerst spannend wäre. Für weniger Verwirrung würde sicherlich sorgen, wenn sich ISIL durchgesetzt hätte. (Ohne Punkte, weil es inzwischen bei vielen Abkürzungen für Organisationen sehr geläufig ist, wie mir bei EU, UNESCO und DRK spontan einfällt.)

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