Peter Scholl-Latour: Umstrittener Nahostexperte und Weltenerklärer

Peter Scholl-Latour 2008

Peter Scholl-Latour 2008

Er galt als „Weltenerklärer“ (ZEIT), „gentleman adventurer“ (FAZ) und natürlich als Nahostexperte; er hat zahlreiche Länder der Erde bereist und einen Bestseller nach dem anderen geschrieben. Das hohe Lob wurde aber immer wieder begleitet von kritischen Stimmen aus Journalismus und Wissenschaft. Am vergangenen Wochenende (16.08.) ist der umstrittene Buchautor Peter Scholl-Latour nach schwerer Krankheit im Alter von 90 Jahren verstorben.

Geboren 1924 in Bochum besuchte er ein katholisches Internat und meldete sich nach seinem Abitur zu den Fallschirmjägern und wurde in Indochina (heute Laos, Vietnam und Kambodscha) eingesetzt. Nach seiner Rückkehr arbeitete er zunächst für französische und deutsche Zeitungen, studierte nebenbei in Paris und Beirut, wo er rudimentär Arabisch lernte. Später führte ihn seine journalistische Tätigkeit immer wieder auf Reisen ins Ausland. Am bekanntesten wurde er für die Begleitung des Ayatollah Khomeini von dessen Exil in Paris in den Iran. Ab den 60er Jahren verfasste er Bücher über die Erlebnisse seiner Reisen, in denen er auch immer wieder Begegnungen mit dem Islam und in islamischen Ländern aufgreift.

Bücher wie „Den Gottlosen die Hölle“ oder „Kampf dem Terror – Kampf dem Islam?“ und Fernsehreportagen wie „Das Schwert des Islam“ haben ihm den Ruf eines Nahostexperten eingebracht – aber auch heftige Kritik von journalistischer und wissenschaftlicher Seite. 1991 bezeichnete der Tübinger Islamwissenschaftler Heinz Halm ihn in der Süddeutschen Zeitung (16/17.02.91) als Panikmacher und forderte zu einer öffentlichen Diskussion auf.

Vorgeworfen wird Scholl-Latour, dass in seinen „Sachbüchern“ nicht die objektive Wissensvermittlung im Mittelpunkt steht, sondern eine Panikmache durch die Unterstützung eines islamischen Feindbildes. Politische Ereignisse des Nahen Ostens werden von ihm verknüpft mit türkischen oder arabischen Bürgern oder Asylbewerbern in Deutschland, die nicht zwingend in Zusammenhang miteinander stehen. Unterstützt wird damit nur ein negatives Bild des Islams in Deutschland. (Eine ausführliche Analyse, wie dieses verzerrte Islambild Vorurteilen in die Hände spielt, haben die Islamwissenschaftlerinnen Verena Klemm und Karin Hörner herausgegeben: Das Schwert des „Experten“. Peter Scholl-Latours verzerrtes Araber- und Islambild.)

Nichtsdestotrotz – und das ist auch ein Grund für seinen anhaltenden Erfolg – hat Peter Scholl-Latour mit vielen seiner Analysen Recht behalten. So waren die Militäreinsätze in Afghanistan und im Irak nicht von Erfolg gekrönt wie er, aber auch viele andere Journalisten und Wissenschaftler, die mit den jeweiligen Regionen vertraut sind, vorausgesagt hatte. Scholl-Latours einfacher und romanhafter Schreibstil jedoch machte seine Analysen einem großen Publikum zugänglich und verständlich. Darin lag wohl seine größte Anziehung: ein komplexes Thema vereinfacht und für jedermann verständlich darzustellen, gespickt mit unterhaltsamen Anekdoten, die er auf seinen Reisen erlebt hatte. Mit seiner Schreibweise hat Peter Scholl-Latour jedoch auch in Kauf genommen, dass die Komplexität der jeweiligen Gemenlage von Lesern nicht erfasst werden kann und dadurch Vorurteilen Vorschub geleistet wird.

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