Die dunkle Seite des FOCUS. Wie aus dem Islam ein Glaube zum Fürchten wurde.

FOCUS Titelblatt

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Anfang November, am 03. um genau zu sein, veröffentlichte der FOCUS “Die dunkle Seite des Islam – Acht unbequeme Wahrheiten über die muslimische Religion”. Seither hat der Leitartikel von Michael Klonovsky für Furore gesorgt. Bereits am Veröffentlichungstag nahm Yassin Musharbash für die ZEIT zu den Äußerungen Stellung und entlarvte die ungenügenden Quellen und die wenig journalistische Herangehensweise Klonovskys. Auch einige Tage später bei The European kam der FOCUS nicht viel besser weg, auch wenn Christoph Giesa sich zurückhaltender äußerte als sein ZEIT-Kollege. Dennoch haben mich beide neugierig gemacht, ob der Artikel wirklich so schlecht recherchiert sei. Machen wir es kurz: Ja, ist er. Und doch kann man als regelmäßiger Zeitungsleser und Nachrichtenkonsument nicht umhin, an mancher Stelle zu zweifeln, ob nicht doch ein bisschen Wahres an diesen “acht Wahrheiten” ist. Deshalb möchte ich – ausgehend von jenen acht Punkten Klonovskys – eine andere Sicht auf den “Glauben zum Fürchten” aufzeigen.

Bereits der bildliche Einstieg in den Artikel gibt die sprachliche Richtung vor. Zu sehen ist laut Bildunterschrift ein “Salafistenprediger” mit gebleckten Zähnen und wutverzerrtem Gesicht, der seine zahlreichen Zuhörer “gegen die Ungläubigen auf[peitscht]”.

DEN Islam gibt es nicht.

Überrraschung! Er besteht aus zahlreichen “Glaubensrichtungen, Strömungen, Lehrmeinungen, Schulen”. Daran ist nur leider nichts “magisches”, denn jede Religion – wenn man sich denn die Mühe macht, genauer hinzusehen – ist kein monolithischer Block, sondern setzt sich aus vielen lebendigen und sich verändernden Traditionen zusammen. Trotzdem gibt es gemeinsame Ansichten und Praktiken – angefangen mit dem Glauben an einen Gott und seinen Propheten Muhammad – die es rechtfertigen, dass all diese Vorstellungen unter dem Begriff Islam zusammengefasst werden.

Die Ausläufer des Nahostkonfliktes

Bevor Klonovsky seine acht Thesen über den Islam aufstellt, stellt er noch fest, dass die “Ausläufer des Kriegs in Nahost […] uns längst erreicht [haben].” Die gewalttätigen Auseinandersetzungen der letzten Zeit, seien es die Aufmärsche der Rechtsradikalen, antiisraelische Demonstrationen oder Straßenschlachten sind nicht gut zu heißen. Doch das Beispiel einer Auseinandersetzung zwischen Tschetschenen und Jesiden in Celle beschreibt er als “Jagd” auf die Jesiden. Dass es zu dieser Eskalation gekommen war, weil BEIDE Seiten provoziert haben, verschweigt er. Ein weiteres Beispiel: “junge Männer aus Deutschland kämpfen im Irak und in Syrien”. Das ist traurige Wahrheit, aber es ist ebenso wahr, dass es Rückkehrer gibt, die von ihren Erfahrungen berichten und desillusioniert sind von den Vorstellungen, die sie ursprünglich in den nahen Osten zogen (siehe Diskussion Religion und Gewalt im Deutschlandfunk vom 29.10.2014).

Unterscheidung Islam und Muslime

Klonovsky schließt sich der Unterscheidung zwischen dem Islam und den Muslimen an, wie sie von dem Autoren Hamed Abdel Samad aufgestellt wurde. Viele Muslime lebten ja friedlich und lehnten Gewaltexzesse wie die des Islamischen Staates ab, doch der Islam sei nicht unbeteiligt an den Gewaltausbrüchen. Mir erscheint diese Unterscheidung völlig widersinnig. Wie soll der Islam diese Gewalt verüben, wenn es doch Menschen sind, die seine Lehren auslegen und ihnen folgen? Es sind Menschen, die sich für eine friedliche Auslebung ihres Glaubens entscheiden und es sind ebenso Menschen, die sich dafür entscheiden mit religiöser Legitimation Gewalt und Tod zu verbreiten. Ist es nicht viel wichtiger und notwendiger danach zu fragen, warum letzteren eine gewalttätige Auslegung ihrer Religion notwendig scheint? Nur der Religion an sich die Schuld zu geben ist äußerst kurzsichtig und führt nur zur Herausbildung und Festigung von Klischees und Vorurteilen. Und diese zeigen sich besonders in Klonovskys acht Thesen.

These: “Der Islam will das gesamte Leben bestimmen.”

Es ist die Funktion einer Religion, eine gewisse Ordnung ins Leben zu bringen, Halt und Orientierung zu geben. Der Islam bildet da keine Ausnahme. Es gibt viele Themen und Bereiche des Lebens, die bereits im Koran erläutert werden. Nicht alle in einer eindeutigen Art und Weise und noch seltener als eindeutige Anweisungen. Es gibt viele Spielräume, die in der Exegese des Korans seit Jahrhunderten ausgeleuchtet und diskutiert werden. Und wieder taucht der Mensch als Akteur auf, der den Dschihad als tatsächlich bewaffneten Kampf interpretiert und jener Mensch, der ihn als inneren Kampf gegen die eigenen Dämonen auffasst.

These: “Der Islam ist intolerant.”

“Intoleranz liegt im Wesen von Religion, könnte man einwenden. Doch der Buddhismus ist nicht intolerant.” Oh, wo fange ich an? Zunächst einmal haben auch Buddhisten schon Intoleranz unter Beweis gestellt, man muss nur nach Birma/Myanmar schauen, wo Buddhisten muslimische Rohingya vertreiben und töten. Soviel dazu.

Was die inhärente Intoleranz des Islam betrifft: ja, es gab unter muslimischer Herrschaft in der Geschichte keine Religionsfreiheit nach heutiger Vorstellung und es gab Auflagen für andere Religionsgemeinschaften. Aber es gab auch unter muslimischer Herrschaft lange Zeit ein friedliches Nebeneinander verschiedener Religionen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Iberische Halbinsel wurde im 8. Jahrhundert von Muslimen erobert, Christen und Juden konnten ihre Religion nach wie vor ausüben, sogar in hohe politische Ämter aufsteigen. Als Dhimmis (von dhimma, arab. für Schutz, Obhut) hatten sie zwar eine spezielle Steuer zu entrichten, waren aber keine “Menschen zweiter Klasse” sondern besonders geschützt. Im Vergleich dazu wurden Muslime und Juden nach der Rückeroberung von der Iberischen Halbinsel vertrieben oder zur Konversion gezwungen.

These: “Der Islam unterdrückt Frauen.”

“Dieser Punkt bedarf keiner ausführlichen Begründung.” Dem würde ich dann doch ganz gern widersprechen! Männer und Frauen sind im Islam vor Gott gleichgestellt, auf Erden kommen ihnen jedoch unterschiedliche Rechte und Pflichten zu, auch um einer Gleichmacherei entgegenzuwirken. Ohne die Einwilligung der Frau ist eine Heirat und ein Ehevertrag nach islamischem Recht nicht gültig. Dass Regelungen des islamischen Rechts und Zitate des Korans dazu genutzt werden, um Frauen in ihrer Bewegungs- und Entscheidungsfreiheit einzuschränken, soll an dieser Stelle nicht bestritten werden. Doch darf man auch nicht vergessen, dass es innerhalb des Islams eine Feminismusbewegung gibt und sich diese nicht durch einen Verzicht auf eine Kopfbedeckung auszeichnet. In Deutschland wird nämlich das Kopftuch oder die Burka immer noch als Zeichen der Unterdrückung der Frau interpretiert. Aber es gibt sehr viele selbständige und selbstbewusste Frauen, die sich bewusst für die ‘Verschleierung’ entschieden haben und dafür allzu oft belächelt oder bemitleidet werden.

These: “Der Islam ist innovationsfeindlich.”

Es stimmt, viele muslimisch geprägte Länder sind nicht vorn dabei, wenn es um “wissenschaftliche und wirtschaftliche Leistungfähigkeit” geht. Doch daran ist nicht der Islam per se Schuld. Viele muslimisch geprägte Länder liegen in Regionen, die vor 100 Jahren noch von europäischen Großmächten kolonisiert waren und wirtschaftlich ausgebeutet wurden. Doch der Abzug der Kolonialherren beendete weder die wirtschaftlichen Interessen noch hinterließen sie geordnete politische Verhältnisse. Wenn es Ländern dennoch gelang, die eigene Arbeitskraft oder die natürlichen Ressourcen zu nutzen um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, wie es sowohl Indonesien, Malaysia, Saudi-Arabien und Katar gelang, ist es laut Klonovsky nicht eigener Verdienst, sonder liegt entweder an der “asiatische[n] Mentalität” oder dem Erdölreichtum. Ohne westliche Hife wären “[w]eder Ölförderung noch Städtebau” möglich. Welch westliche Arroganz! Ohne muslimische Erkenntnisse in Wissenschaft und Forschung wären wir heute nichts! Es waren muslimische Gelehrte, die antikes Wissen vor mittelalterlicher christlicher Ignoranz retteten und weiter entwickelten. Darüber hinaus ist heutige “westliche Hilfe” nur allzu oft an knallharte politische und wirtschaftliche Interessen geknüpft, die in erster Linie dem Helfenden zu Gute kommen und den Empfänger in genehmer Abhängigkeit halten.

These: “Die islamische Welt ist heute islamistischer als vor 100 Jahren.”

Diese Aussage muss in dieser Form bejaht werden. Doch auch hier lohnt ein Blick auf die Hintergründe, die zeigen, dass die ‘westliche Welt’ an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig ist. Der Islamismus ist in der Tat ein modernes Phänomen, welches im Zuge des Kolonialismus aufkam. Die Frage, wie es möglich war, von den europäischen Mächten derart überrollt zu werden, führte zu einer Krise innerhalb des Islams, aus der sich verschiedene Reformbestrebungen entwickelten. Viele davon sahen den Grund für die Missstände darin, dass man sich zu weit vom reinen Islam und seinen Lehren entfernt hatte. Schließlich sah man im geschichtlichen Rückblick, dass islamische Reiche zu Blütezeiten in Wissenschaft und Wirtschaft Vorreiter gewesen waren. Von einer Rückkehr zu den Wurzeln des Islams versprach man sich, diese Blütezeiten wieder auferstehen zu lassen.

These: “Die Anpassung der Muslime an europäische Sitten ist rückläufig.”

Wonach Klonovsky hier verlangt, ist im Prinzip die Assimilation von Muslimen. Doch man muss sich klar machen, was das bedeutet: nichts anderes als das Ablegen jeglicher unterscheidender Merkmale und das Aufgehen in der großen Masse. Das große Ziel, wie die deutsche Regierung nicht müde wird zu betonen, ist die Integration, nicht die Assimilation. Und diese ist sogar noch schwieriger, weil es bedeutet, sich sowohl der Mehrheitsgesellschaft anzupassen als auch die eigene Tradition zu bewahren. Dieser Spagat ist unglaublich schwierig und Muslimen wird es in Deutschland nicht einfach gemacht. Besonders wenn Muslime als solche erkennbar sind, werden sie diskriminiert oder zumindest gemieden.

These. “Der Islam eignet sich zum Missbrauch durch Extremisten.”

Richtiger ist wohl eher zu sagen, dass Religion im Allgemeinen gern von Extremisten missbraucht wird. Das dieser Missbrauch mit allen Religionen funktioniert, zeigt wieder das Beispiel Birmas/Myanmars: Dort werden mit Rechtfertigungen aus der buddhistischen Lehre Muslime verfolgt. Wiederum ist in diesen Fällen die Religion jedoch das Instrument, welches zur Mobilisierung von großen Menschenmengen missbraucht wird. Das insbesondere junge Männer für die radikalen Spielarten des Islams empfänglich sind, ist in der Tat besorgniserregend. Doch statt dem Islam eine Generalschuld zuzuschieben, wäre es da nicht viel sinnvoller kritisch der Frage nachzugehen, WARUM diese Radikalität so anziehend wirkt?

These: “Der Islam braucht einen Luther.”

Auch in der ZEIT hat Jakob Börner bereits gefragt: “Wo bleibt ein Imam der 95 Thesen?” und den Ruf nach einer Reformation im Islam formuliert. Doch wie der Islamwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza in der ZEIT bereits seinem Kollegen erwiderte, gibt es diese Reform doch bereits im Islam – die Salafiyya, die sich um nichts anderes bemüht als eine Rückbesinnung auf das Wesentliche der eigenen Religion. Nichts anderes tat Luther, als er die Geschäftemacherei der Kirche anprangerte und für eine Rückbesinnung auf die christliche Lehre eintrat. Ähnlich wie bei der christlichen Reformation auch, unterscheiden sich jedoch die Ansichten der islamischen Reformatoren und reichen von progressiven Auslegungen bis hin zur wortwörtlichen Lesart des Korans.

Alles in allem arbeitet sich Klonovsky durch alle gängigen Klischees über den Islam. Anstatt jedoch Ängste abzubauen und Möglichkeiten zur konstruktiven Diskussion und Kritik zu schaffen, werden antiislamische Gefühle befeuert und bei der Verbreitung des FOCUS werden viele seiner Leser begeistert zu allen Oberflächlichkeiten nicken anstatt von journalistischer Arbeit inspiriert zu werden, den Islam fundiert zu betrachten und die eigenen Vorurteile zu hinterfragen.

Inzwischen hat Michael Klonovsky auf seiner Internetseite noch einmal Stellung genommen zu dem Artikel. Wirklich besser geworden ist es dadurch leider nicht. Aber überzeugt euch selbst: http://www.michael-klonovsky.de/acta-diurna

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2 Antworten zu “Die dunkle Seite des FOCUS. Wie aus dem Islam ein Glaube zum Fürchten wurde.

  1. Danke für den Link! Herr Klonovsky war mir bis jetzt nicht bekannt. Finde auf seiner Homepage jede Menge Wahrheiten. Nicht nur (aber auch) über den Islam.

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