Jemen – Land der Huthi und Zaiditen

Einflussgebiete der Huthi-Rebellen im Jemen (Quelle: GeoEvan via Wikimedia Commons unter Lizenz CC-BY-SA 3.0 veröffentlicht)

Einflussgebiete der Huthi-Rebellen im Jemen (Stand 2012).

Obwohl die Hauptstadt Sana’a von Rebellen erobert wurde, liest, sieht und hört man wenig in den Medien von den Ereignissen im Jemen. Oftmals werden die Vorgänge dargestellt als eine weitere Auseinandersetzung zwischen Sunniten und Schiiten. Doch zum einen geht es im Jemen nicht um einen Religionsstreit, sondern um politische Vormachtsstellungen. Zum anderen wird außer Acht gelassen, dass es sich beim vorherrschenden Zweig der Schia im Jemen um einen ansonsten nur wenig verbreiteten handelt: die Zaiditen oder auch – jedoch meist abwertend gebraucht – Fünfer-Schiiten.

Mit der Einnahme Sana’as durch die Rebellen haben die Huthisten weltweite Aufmerksamkeit erregt. Doch sind sie schon länger aktiv. Gegründet Ende der 90er Jahre als Erweckungsbewegung Shabab al-Mumin (“Gläubige Jugend”), hat die Familie al-Huthi enormen Einfluss gewonnen. 2004 kämpften Anhänger der Huthis gegen die Regierung des Jemen, die führenden Mitglieder Badr al-Huthi und Hussein al-Huthi wurden getötet, Abdul Malik al-Huthi übernahm die Führung. Danach wurde die Bewegung unterdrückt bis der seit der Vereinigung des Nord- und Südjemen herrschende Präsident Saleh vom eigenen Volk im Verlauf des Arabischen Frühling aus dem Amt vertriebenen wurde. Der Rücktritt schien Platz zu machen für die Oppositionsallianz aus Muslimbrüdern und Stammesföderation, al-Islah, und für eine Regierung der nationalen Einheit unter Präsident Hadi. Aber es verschaffte auch Kräften wie den Huthisten und al-Qaida sowie Separationsbestrebungen mehr Spiel- und Aktionsraum. Und damit wurde der Kampf um die Vorherrschaft im Jemen eröffnet.

Die politische Varianz des Landes geht auch mit einer religiösen einher, denn 50% der Jemeniten gehören der Religionsgemeinschaft der Zaiditen an. Da es jedoch sowohl unter den Huthi-Rebellen Zaiditen gibt als auch unter Regierungsanhängern, ist es übertrieben aus den politischen Wirren einen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten zu konstruieren.

Ursprünge der Zaiditen

Die Zaiditen sind eine Strömung im schiitischen Islam, die in die Anfangszeit des Islam zurückreicht als es um die Nachfolge Muhammads ging. Während sich die späteren Sunniten für den Nachfolger Abu Bakr einsetzten, wollten die Unterstützer Alis (Cousin und Schwiegersohn des Propheten) nur männliche Nachkommen Alis als Nachfolger. Mit jeder Generation sollte es einen Imam geben. Doch da es darüber immer wieder Streit gab innerhalb der Schi’at Ali (später Schiiten), spaltete sich die Bewegung häufig.

Von eben solch einer Abspaltung stammt sowohl der Begriff Zaidit als auch Fünfer Schiit. Denn während die Mehrheit der Schiiten den Enkel von Alis Sohn Husain, Muhammad al-Baqir, als ihren 5. Imam (religiöses Oberhaupt) ansahen, war eine kleine Gruppe überzeugt, dass dessen Bruder – Zaid ibn Ali – der wahre Imam sei. Im Gegensatz zu Muhammad al-Baqir war er politisch aufgetreten und hatte sogar zur Rebellion gegen die herrschenden Ummayyaden aufgerufen und war im Straßenkampf gefallen. Diese Bereitschaft Zaids zum Aufstand gegen einen als ungerecht empfundenen Herrscher ist tief in der Zaidiya verwurzelt.

Bereits im 9. Jahrhundert hatten sich – auch dank dieser kämpferischen Einstellung – zwei zaidistische Reiche herausgebildet. 864 begründete Hasan ibn Zaid im nordiranischen Kufa einen zaidistischen Staat, der bis zur Zwangskonversion der Safawiden zur verbreitetsten Strömung der Schia, den Zwölfer-Schiiten, im 16. Jahrhundert überdauerte. Das 893 von Yahya bin al-Husain begründete zaiditische Reich im Norden des Jemen bestand sogar bis ins 20. Jahrhundert.

Schiiten, Sunniten und Zaiditen

Was die Zaiditen von anderen schiitischen Strömungen unterscheidet ist die Form ihrer Imamatslehre. Demnach wird das Anrecht Alis auf die Nachfolge Muhammads nicht in einer bestimmten Linie seiner Nachkommen vererbt. Vielmehr hat jeder Alide, also jeder der seine Abkunft von Ali herleitet, einen Anspruch auf das Imamat, die religiöse-politische Vormachtstellung. Entscheidend ist dann wie der Anspruch durchgesetzt wird, dazu zählt auch Waffengewalt. Die von den Zwölfer-Schiiten verehrten Imame qualifzieren sich aus zaiditischer Sicht nicht als solche, da sie meist politisch untätig waren.

Stammbaum Zaiditen

Stammbaum von Muhammad bis zum Gründer der Zaiditen, Zaid ibn Ali.

Doch auch wenn die Zaiditen die Unterschiede zu anderen schiitischen und sunnitischen Strömungen betonen, sind es von außen betrachtet lediglich Kleinigkeiten, die sie unterscheiden: die andere Handhaltung beim Gebet und der im Wortlaut leicht veränderte Gebetsruf. Wie flexibel die Zaidiya in ihren Vorstellungen ist, zeigt sich u. a. daran, dass es Zaiditen erlaubt ist, hinter einem sunnitischen Vorbeter zu beten und dass viele muslimische Feste anerkannt und gefeiert werden wie Muharram und Ramadan oder auch der Geburtstag Muhammads. Das im schiitischen Umfeld so bedeutende Aschura-Fest wird zwar begangen jeodch eher als Fasten- oder Schweigetag. Vor 1962 war Id al-Ghadir offizieller Feiertag, damit wurde die Ernennung Alis zum Nachfolger Muhammads gefeiert. Zwischen 2004 und 2008 wurde dieser Feiertag sogar verboten, weil er inzwischen enorm politisch aufgeladen wurde von den Huthi-Rebellen, welche die gemeinsamen zaiditischen Wurzeln zur Mobilisierung der Bevölkerung nutzen.

Denn auch wenn sich bedeutende zaiditische Gelehrte bereits 1990 gegen das Durchsetzen des Imamats mit Waffengewalt aussprachen und es im Jemen zunehmend die Tendenz gab die Imamatslehre von seinen politischen Aspekten zu trennen, zeigen die derzeitigen Ereignisse, dass die Imamatslehre nach wie vor tief im Bewusstsein der Bevölkerung verankert ist. Und sich daher hervorragend eignet, um von verschiedenen Gruppen, allen voran jedoch den Huthisten instrumentalisiert zu werden.

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