Menschliche Fackeln – Selbstverbrennungen in Tibet

Das Bild des jungen Mannes ging um die Welt: Umringt von Flammen lief der 27-jährige Yampa Jeshe durch die Straßen von Neu-Delhi, das Gesicht vor Schmerz verzogen und nach Freiheit für Tibet rufend. Erst nach zwei Minuten verlässt ihn die Kraft zum Weiterrennen und er fällt zu Boden. Umstehenden gelingt es, das Feuer zu löschen, doch Yampa Jeshe stirbt im Krankenhaus an seinen Verletzungen. Das war 2012. Bis heute hat sich an der Situation in Tibet nichts geändert und so reißen auch die Selbstverbrennungen nicht ab. Erst am 20. Mai hat sich ein Tibeter in der chinesischen Provinz Sichuan wieder verbrannt. Er ist das 140. Opfer in Tibet seit 2009. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

Von diesen 140 Menschen waren laut Angaben von www.savetibet.org 116 Männer und 24 Frauen. Davon starben 113 an ihren Verletzungen. 24 waren jünger als 18 Jahre. Am häufigsten verbrannten sich Menschen in Sichuan, einer chinesischen Provinz, deren Gebiet jedoch mehrheitlich tibetisch geprägt ist. Darunter waren sehr viele buddhistische Nonnen, Mönche und ehemalige Mönche, von denen ein Großteil aus dem Ngawa Bezirk in Sichuan stammt.

Die Orte von Selbstverbrennungen in tibetischen Gebieten und angrenzenden chinesischen Provinzen (mit freundlicher Genehmigung der International Campaign for Tibet)

Die Orte von Selbstverbrennungen in tibetischen Gebieten und angrenzenden chinesischen Provinzen (mit freundlicher Genehmigung der International Campaign for Tibet)

Am Anfang dieser Kette von Selbstverbrennungen steht Thubten Ngodrup, ein Exiltibeter, der in Indien lebte. Er entzündete sich selbst als die indische Polizei 1998 einen Hungerstreik in der Hauptstadt Delhi auflöste. Er erlag im Krankenhaus seinen Verletzungen. Erst 2009 kam es in Tibet wieder zu Selbstverbrennungen. Damit sollte an den Aufstand von 2008 erinnert werden, der mit dem Gedenken an die Flucht des Dalai Lama aus Tibet begann und sich bald zu tibetweiten Protesten auswuchs. Die Forderungen nach der Rückkehr des Dalai Lama aus dem indischen Exil und der Freiheit für Tibet schlugen um in gewaltsame Ausschreitungen vor allem jüngerer Tibeter gegenüber chinesische Zivilisten sowie staatlichen Behörden und Einrichtungen. Um ein Jahr später an diese Unruhen zu erinnern und gegen die seitdem verschärften Kontrollen zu protestieren, verbrannte sich ein junger Mönch des Kirti Klosters im Bezirk Ngawa. In den folgenden Jahren, insbesondere aber 2011 und 2012, folgten zahlreiche buddhistische Mönche und Nonnen seinem Weg.

Selbstverbrennung als letzter Akt individueller Freiheit?

Ab 2012 lässt sich beobachten, dass auch immer mehr Laien den verzweifelten Schritt einer Selbstverbrennung wählten. Gemeinsam haben alle Fälle, dass die Tibeter sich mit Benzin, Kerosin oder ähnlichen brennbaren Flüssigkeiten übergossen und sich in der Öffentlichkeit, meist auf offener Straße, anzündeten. Je nach Fall trugen sie tibetische Fahnen, das Foto des Dalai Lama oder riefen Slogans für dessen Rückkehr. Die Proteste wenden sich auch gegen die chinesischen Besatzer und deren anti-tibetische Politik: Demonstrationen werden von staatlicher Seite kategorisch unterdrückt. Zudem wurden bereits 1994 Fotografien des Dalai Lama verboten und die Zahlen für Mönche und Nonnen begrenzt. Tibetische Sprachschulen wurden geschlossen und religiöse Zentren stehen unter strenger chinesischer Kontrolle. Es ist kaum möglich, all diesen Beschränkungen zu entkommen. Als Ursache für die anhaltenden Verbrennungen kann man ausmachen, dass viele Freiheiten der Tibeter beschnitten und eingeschränkt werden. So erscheint die Opferung des eigenen Lebens oftmals als letzte Freiheit. Und die Selbstverbrennung ist dann die “spektakulärste” Möglichkeit über die Grenzen des eigenen Landes hinaus Aufmerksamkeit zu erregen.

Natürlich versucht die chinesische Regierung mit aller Macht die Selbstverbrennungen einzuschränken. Die Polizeipatrouillen wurden verstärkt und sind mit Brandschutzdecken und Feuerlöschern ausgerüstet. Daher versuchen zur Verbrennung entschlossene Tibeter inzwischen, sich bereits im Haus mit Benzin zu übergießen und dann auf die Straße zu rennen oder die brennbare Flüssigkeit sogar zu trinken.

Selbstverbrennungen in den Medien

Das Interesse der internationalen Medien regte sich erst im Jahr 2012 nachdem bereits 20 Menschen gestorben waren und kein Monat mehr verging, ohne dass sich ein Tibeter anzündete. Allein 2012 töteten sich über 80 Tibeter auf diese Weise. Das Time Magazine bezeichnete die Selbstverbrennungen von Tibetern bereits 2011 als “most ‘underreported’ story”.

Erschwert werden Recherchen von chinesischer Seite, welche die Selbstverbrennungen oftmals als Unfälle bezeichnen und keine Informationen über den Zustand der verletzten oder toten Tibeter herausgeben. Die chinesischen Medien stellen die Verbrennungen als Taten labiler Personen dar, die von der “Dalai-Clique” angestiftet wurden. Sie gehörten zu einem sorgsam ausgearbeiteten Plan der tibetischen Exilregierun, die Tibeter aufzuhetzen. Aus Sicht der Tibeter veranschaulichen die Selbsttötungen die Unterdrückungsmaßnahmen Chinas. Das Opfer der Selbstverbrennung gilt als Held, der eine ultimative Form des Widerstandes demonstriert.

Der Haltung buddhistischer Würdenträger

Wie steht der Dalai Lama, als die Person, auf die sich die Mehrheit der verbrannten Tibeter bezieht, zu den Selbstverbrennungen? Nachdem sich der erste Fall ereignete, äußerte er sich sehr zurückhaltend, verurteilte die Tat nicht, besuchte sogar Überlebende außerhalb Tibets und sprach von den Selbstverbrennungen als Ausdruck tiefer Verzweiflung. Der Dalai Lama machte 2012 auch deutlich, dass er sich in Bezug auf dieses Thema neutral verhalten wolle. Denn würde er sich positiv über die Selbstverbrennungen äußern, würde dies chinesische Behörden und Medien in ihren Meinungen bestätigen; eine negative Haltung würde jedoch die Hinterbliebenen bedrücken und die Motive der Tat herabsetzen. Nichtsdestotrotz sind die Tibeter, die sich verbrannten für ihn Märtyrer, jedoch spiele die Motivation des Einzelnen eine große Rolle. Aus Hass und anderen niederen Motiven heraus könne er keine Selbstverbrennung gutheißen.

Der Vorsteher des Kirti Klosters im Ngawa Bezirk, der 12. Kirti Rinpoche, der derzeit im Exil in Indien lebt, äußert sich deutlicher. Er bezeichnet die Selbstverbrennungen als eine natürliche Reaktion auf die Unterdrückung. Denn bereits seit 2008 stehen die Mönche des Kirti Klosters immer wieder unter Hausarrest. 2013 betonte der Kirti Rinpoche, dass die Kirti-Mönche ihre Selbstverbrennungen immer mit der Forderung nach Freiheit und Rückkehr des Dalai Lama verbanden, nie mit Aufforderungen zu Gewalt gegen China. Er führt weiterhin aus, dass die Selbstverbrennung ein gewaltloses Mittel sei und den Mönchen kein anderes gewaltloses Mittel mehr zur Verfügung stünde.

Selbstverbrennungen im tibetischen Buddhismus

In der in Tibet vorherrschenden Spielart des Buddhismus, dem Vinayana, gibt es keine historische Tradition von Selbstverbrennungen. Doch es gibt vereinzelt Überlieferungen aus dem 9. und 11. Jahrhundert, in denen Selbstverbrennungen vorkommen, um z. B. einen Streit zu beenden oder als Selbstaufopferung. Wovon die Welle von Selbstverbrennung der 2000er Jahre inspiriert ist, lässt sich nicht eindeutig feststellen, da es keine koordinierten Aktionen sind sondern immer noch indviduelle Taten bleiben.

Eine mögliche “Inspirationsquelle” ergibt sich aus der Verbrennung des buddhistischen Mönches Thich Quang Du’c in Vietnam 1963. Er protestierte mit seiner Verbrennung gegen die Buddhismus-feindliche Politik des Landes. Er war der Auslöser für weitere Proteste und auf lange Sicht Veränderung in der Politik Vietnams. Und auch eine zweite Verbrennung diente als Protest gegen bestehende politische Gegebenheiten: Im Dezember 2010 zündete sich in Tunesien Muhammad Bu’azizi an. Dies brachte die Jasmin-Revolution ins Rollen und veränderte mit dem folgenden “Arabischen Frühling”  die Politik der betroffenen Länder nachhaltig.

Es liegt nahe, dass die Tibeter, die sich anzündeten, ähnliche Hoffnungen auf Veränderungen an ihre Tat knüpften. Wenn ja, wurden diese bitter enttäuscht. Denn auch nach 140 verbrannten Menschen hat sich in Tibet nicht viel verändert – nur die Kontrollen wurden verschärft.

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