Islamischer Staat – theoretisches Konzept und praktische Umsetzung

Palmyra (Quelle: James Gordon via Wikimedia Commons unter Lizenz CC-BY-SA 2.0)

Palmyra – Teile der Wüstenstadt wurden bereits von IS zerstört.

Die neueste Aktion der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) ist die Zerstörung der jahrhundertealten Tempel in der Wüstenstadt Palmyra (Tadmur). Und doch ist es nur die aktuellste Grausamkeit in einer langen Liste von Gräueltaten an Menschen und Kulturgut. IS will damit angeblich für Frieden und Sicherheit im Kalifat sorgen, das 2014 ausgerufen wurde. Doch ein islamischer Staat sah und sieht auch heute nicht immer so aus, wie sich das die Anhänger von al-Baghdadi vorstellen.

Die Gründungserklärung des IS wurde im Oktober 2006 in einem Video verlesen. Darin wird ein islamischer Staat sowohl religiös als auch politisch begründet. Politisch gesehen hätten Sunniten im Gebiet des Irak immer noch kein eigenes Staatswesen – im Gegensatz zu Kurden und Schiiten. Sie würden immer noch einer Fremdherrschaft unterliegen. Ein eigener Staat stehe ihnen also zu. Dies wird noch weiter untermauert mit einer religiöser Begründung. Gemäß überlieferter Hadithe muss ein Befehlshaber (amir) ernannt werden, wenn sich drei muslimische Personen auf fremdem Boden befinden. Daraus leite sich der Anspruch auf einen muslimisch geführten Staat ab. Das Ziel des IS ist es, “Invasoren” und “Aggressoren” aus dem Irak zu vertreiben. Um danach für Frieden und Sicherheit zu sorgen sei eine buchstabengetreue Auslegung und Ausführung der Scharia notwendig. Nur dadurch lassen sich vorhandene Ressourcen gerecht verteilen.

In der 2007 veröffentlichten Schrift “Benachrichtigung der Gläubigen über die Geburt des Islamischen Staates” berufen sie sich für die religiöse Rechtfertigung einer Staatsgründung auf Koranverse. Das ist auch der Grund, warum in dem Dokument Bezug auf die Gemeindeordnung von Medina als Urkeim eines islamischen Staates genommen wird. Neben dem Vorbild der Ordnung des Propheten Muhammad, verteidigt IS seinen Führungsanspruch aber auch mit der „Ursupation durch die Unterwerfung mit dem Schwert”. Dabei reagiert die Bewegung auch auf Kritik, wie z. B. auf die des Kuweiter Rechtsgelehrten Hamid Abdallah al Ali, der Zweifel an der Rechtmäßigkeit eines Treueides (bai’a) äußerte, der auf einen unbekannten und unsichtbaren Imam geleistet wird. Mit dem Auftreten des IS-Anführers al-Baghdadi in Videos sollten solche Argumente entkräftet werden, da damit einer sichtbaren Person ein Treueid geleistet werden kann.

Doch auch wenn IS sich auf den Propheten und die vier rechtgeleiteten Kalifen beruft, haben sich laut IS spätere Kalifate und das Osmanische Reich vom puren Islam entfernt. Mit der Errichtung eines eigenen Kalifats wollen sie die Rückkehr zu diesem ursprünglichen Islam erwirken.

Auch wenn es in der islamischen Geschichte immer wieder Denker gab, die sich mit der Idee eines islamischen Staates beschäftigt haben, hat sich die Vorstellung eines islamischen Staates als theokratisches Konzept erst im 19. und 20. Jahrhundert entfaltet. Seitdem spielt es im politischen Denken in der islamischen Welt immer wieder eine große Rolle. Allerdings ist anzumerken, dass sich aus dieser Idee keine einheitliche islamische Staatstheorie entwickelt hat. Gemeinsam ist allen Vorstellungen eines islamischen Staates die Inkorporation der Scharia in den Staat und ihre Durchsetzung mit Hilfe einer Religionspolizei oder ähnlichen Organen. Daher wird anhand des Merkmals der Durchsetzung der Scharia oftmals zwischen Staaten mit Scharia und Staaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit und islamischer Kulturprägung unterschieden.

Islamische Welt (Quelle: Ichwan Palongengi via Wikimedia Commons unter Lizenz CC-BY-SA 3.0)

Islamische Welt – islamische Staaten (dunkelgrün), Staaten mit islamischer Staatsreligion (hellgrün), säkulare Staaten (blau) und andere (orange).

Zu den Staaten mit einer vollen oder partiellen Integration der Scharia in das staatliche Rechtswesen gehören: Saudi-Arabien, Oman, Jemen, Iran, Pakistan, Afghanistan und Mauretanien. Staatsreligion ist der Islam in Ägypten, Marokko, Tunesisen, Algerien, Libyen, Jordanien, Irak, Somalia, Bangladesch und Malaysia.

Die Idee eines islamischen Staates hat sich in der Folge des Kolonialismus und Imperialismus als Reaktion auf Verwestlichungsängste herausgebildet. Um der Verwestlichung entgegenzuwirken, haben Denker wie Jamal ad-Din al-Afghani oder Muhammad ’Abduh ein politisches Modell eines Staates aus dem Islam abgeleitet. Dem gegenüber gab es auch Versuche der Neuordnung nach westlichem Vorbild wie in der Türkei (Tanzimat 1839-1876). Doch auch hier entstand eine Gegenbewegung, die den Haschimiten Hussein ibn Ali nach der Absetzung des letzten osmanischen Kalifen 1924 zum neuen Kalifen ausrief, mit dem Anspruch über alle Muslime zu herrschen. Gedanklicher Hintergrund waren hier u. A. die Ideen des Reformers Muhammad Raschid Rida, der die Ansicht vertrat, ein Kalif sei im Idealfall ein führender Gelehrter für alle Muslime. Da die Machtübernahme von Hussein ibn Ali jedoch ein Plan des britischen Militärs war, lehnte die Mehrheit der Muslime den Kalifen ab und der Aufbau eines islamischen Kalifats scheiterte. Das Konzept eines Kalifats wurde in der Folge auch von den Muslimbrüdern aufgenommen: Da der Islam alle Bereiche des Lebens umfasse, sei er Religion und Staat zugleich. Folglich sollten alle Muslime in einem Kalifat und nach der Scharia leben.

Doch bereits in den 1920er-Jahren wurde ebenso die Trennung von Religion und Staat postuliert, z. B. 1925 von Ali Abd ar-Raziq in seiner Abhandlung „Der Islam und die Grundlagen des Regierens”. Darin legt er dar, dass es sich beim Islam um eine Religion und keinen Staat handele. Muhammad sei Prophet gewesen, kein Staatsmann. Der Denker Gamal al-Banna baute mit der Vorstellung eines „zivilen Staates” darauf auf, in dem der Islam nicht die Rahmenbedingungen für diesen Staat setzt.

Auch heutzutage gibt es im Gegensatz zu Argumenten des IS für einen islamischen Staat auch weiterhin Befürworter eines säkularen Staates ohne Scharia. Dazu gehört beispielsweise der amerikanisch Juraprofessor Abdullahi Ahmed an-Na’im, der einen säkularen Staat befürwortet, der sich neutral gegenüber Religionen verhält. Auch er argumentiert, dass die Scharia keinen Rahmen für einen Staatsapparat bilden kann. Die Scharia vom Staat durchsetzen zu lassen, ist nicht wünschenswert, da die Scharia selbst der menschlichen Interpretation von Koran und Hadithen entstammt und damit eine menschlich geschaffene Konstruktion ist. In einem säkularen Staat kann sich der gläubige Muslim jedoch dafür entscheiden, der Scharia zu folgen – ohne staatlichen Druck und ohne, dass dadurch andere Religionen unterdrückt werden. Das bedeutet für an-Na’im nicht, dass der Islam aus dem politischen Leben ausgeschlossen wird. Denn jeder Muslim kann durch seine politischen Entscheidungen die Prinzipien seiner Religion einbringen. Werden die islamischen Prinzipien jedoch vom Staat aufoktroyiert, zeigt sich nur die politische Macht, aber es ist kein Zeichen einer überlegenen islamischen Autorität. Ein säkularer Staat bedeutet eben nicht automatisch, dass die Gesellschaft auch säkular ist, sondern Religion sollte nach dem Modell an-Na’ims auch weiterhin eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen dürfen.

Auch wenn IS immer wieder die Medien beherrscht, ist es doch eine Minderheit der Muslime, die für diesen Islamischen Staat kämpfen. Daneben gibt es verschiedene andere Staatskonzepte – vom islamischen Staat, in dem die Scharia partiell umgesetzt wird über einen Staat, in dem der Islam Staatsreligion ist bis hin zu säkularen Staaten, in denen der Islam mit anderen Glaubensgemeinschaften gleichgestellt ist. So vielfältig der Islam an sich ist, so vielfältig sind auch die Vorstellungen, wie sich diese Religion in ein Staatsgebilde einfügen soll.

Euch hat der Artikel gefallen? Dann würde ich mich über einen Kommentar freuen oder über einen Klick auf den Flattr-Button.

Weiterführende Literatur:

Jung, Dietrich: Religion und Politik in der islamischen Welt. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) 42-43/2012.

Khan, Muqtedar: Demokratie und islamische Staatlichkeit. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) 26-27/2007.

Münch-Heubner, Peter L.: Der islamische Staat. Grundzüge einer Staatsidee. Hans-Seidel-Stiftung 2012.

Rosiny, Stefan: „Des Kalifen neue Kleider“. Der Islamische Staat in Irak und Syrien. GIGA Focus 6/2014.

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.