Tadschikistans Kampf gegen die Islamisierung? Mit Highheels und ohne Bärte

Tadschikische Frauen mit Kopftuch

Tadschikische Frauen mit Kopftuch

Frauen an der Universität von Dushanbe müssen Absatzschuhe tragen und Musliminnen werden angehalten, das Kopftuch abzulegen. Muslimischen Männern mit langem Bart wird dieser von der Polizei abrasiert. Kinder sollen keine ‚muslimischen‘ Namen bekommen und von den Eltern nicht mit in die Moschee genommen oder anderweitig ‚indoktriniert‘ werden. 

All diese Maßnahmen werden unter der Ägide des tadschikischen Präsidenten Emomali Rahmon erlassen und dienen angeblich dem Zweck, eine Ausbreitung des Islamismus zu verhindern. Tatsächlich jedoch geht es um Macht und die Unterdrückung politischer und gesellschaftlicher Opposition.

Provinzen Tadschikistans mit Nachbarländern. (Quelle: TUBS via Wikimedia Commons unter Lizenz CC-BY-SA 3.0)

Provinzen Tadschikistans mit Nachbarländern.

Tadschikistan ist mit seinen 143.000 km2 nur ein Drittel so groß wie Deutschland und gehört damit in Zentralasien zu den geographischen wie auch politischen Zwergen. Die knapp acht Millionen Tadschiken gehören mehrheitlich muslimischen Glaubensrichtungen an. Nachdem die Religionsausübung unter sowjetischer Herrschaft streng reglementiert wurde und ein säkulares Tadschikistan propagiert wurde, ist seit dem Ende der Sowjetunion und den sich daran anschließenden Bürgerkrieg in Tadschikistan zu spüren, dass der Islam zunehmend auch in der Öffentlichkeit gelebt wird.

Plakat von Emomalii Rahmon in Duschanbe

Plakat von Emomali Rahmon in Duschanbe

Unter der Regierung von Präsident Rahmon, der dieses Amt bereits seit 1994 bekleidet, wurden jedoch in den vergangenen Jahren systematisch Schritte unternommen, insbesondere Muslime in ihrer Glaubensfreiheit einzuschränken. Dazu gehören zahlreiche Maßnahmen, die darauf abzielen den Islam und Muslime aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verbannen.

Schwarz ist nicht tadschikisch

In der tadschikischen Hauptstadt Dushanbe hat der Bürgermeister im April 2015 gefordert, dass keine schwarzen Kleidungsstücke mehr verkauft werden sollen. Traditionelle Gewänder seien bunt und farbenfroh und schwarze Kleidung passe eben nicht zur tadschikischen Kultur und Tradition. Bereits im März hatte der Präsident kritisiert, dass tadschikische Frauen ‚ausländische‘ Kleidung tragen. Dadurch würde ein „neuer extremistischer Trend“ geschaffen. Ein Dorn im Auge sind den politischen Verantwortlichen insbesondere die – meist schwarzen – Kopftücher (ḥiǧāb) muslimischer Frauen. Aus diesem Grund ist es seit 2005 in Universitäten und Schulen verboten, einen ḥiǧāb zu tragen. Zudem berichtete das Staatsfernsehen, dass Frauen, die Kopftücher tragen, Prostituierte seien.

Keine arabischen Kindernamen

Doch nicht nur Frauen sind von derartigen Einschränkungen betroffen: Im gesamten Jahr 2015 wurden fast 13.000 Männern der Bart gekürzt oder entfernt. Von der Polizei werden Männer auf der Straße aufgehalten und wenn ihr Bart zu lang oder ‚wild‘ ist, müssen sie sich von ihrer Bartpracht trennen. Und auch vor Kindern macht die anti-islamische Politik nicht Halt. Sie dürfen nicht mit in die Moschee genommen werden und ein Gesetz, welches ‚ausländische‘ Namen verbieten soll, ist in Arbeit. Insbesondere arabisch klingende Namen. Es gibt sogar Überlegungen, diese Regelung nicht nur auf Neugeborene anzuwenden, sondern auf alle Einwohner Tadschikistans. Damit müsste jeder Tadschike mit ausländisch, islamisch oder arabisch klingendem Namen einen neuen ‚tadschikischen‘ Namen auswählen.

Zentralmoschee in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe

Zentralmoschee in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe

Schutz vor Islamismus

Laut offiziellen Angaben ist das Ziel der Säkularisierungskampagne Rahmons, dass der islamische Extremismus in der zunehmenden islamischen Frömmigkeit keine Grundlage für seine Ausbreitung findet. Diese Bedenken sind nicht völlig von der Hand zu weisen. Für die Taliban im benachbarten Afghanistan stellen die armen tadschikischen Dörfer in den Grenzregionen lukrative Rekrutierungsplattformen dar. Zudem hat im letzten Jahr ein hoher Offizier des tadschikischen Militärs, Oberst Gulmurod Khalimov, mit seinem Überlauf zum Islamischen Staat (IS) für Aufsehen gesorgt. Die Angst, dass besonders junge Männer, die ihr Zuhause noch vor einigen Jahren gen Russland verließen um Arbeit zu finden, nun für die Taliban oder den IS in den Krieg ziehen, ist groß. Es besteht durchaus ein berechtigtes Interesse daran, dem islamischen Extremismus Einhalt zu gebieten. Doch ist es fraglich, ob dies mit dem Abrasieren von Bärten gelingen kann. Vielmehr könnten die zahlreichen religiösen Restriktionen den gegenteiligen Effekt erzielen. Extremisten kann die undemokratische Politik Tadschikistans in die Hände spielen und immer mehr junge Männer anlocken, die sich dem Islamismus zuwenden, weil sie sich nicht mehr anders gegen die religiösen Repressionen zur Wehr setzen zu wissen. Ebensolche Gründe gab Oberst Khalimov für seine Hinwendung zum IS an.

Politische Opposition

Das Verbot der Islamischen Renaissance Partei (IRP) fügt sich in diese Säkularisierungsflut nahtlos ein und geht beinahe darin unter. Aufgrund einer Formsache wurde das Verbot eingeleitet – nicht in jedem Distrikt und jeder großen Stadt war es der Partei möglich mit einem Büro präsent zu sein und gemäß den Vorgaben muss eine Partei dies gewährleisten. Zehn Tage hatte die IRP im August 2015 Zeit bekommen, ihre Büros im ganzen Land zu schließen. Im Oktober wurden 23 Mitglieder der IRP festgenommen und stehen offiziell unter dem Verdacht einen bewaffneten Aufstand vorbereitet zu haben. Mit diesen Schritten hat Rahmon auf einen Schlag die wichtigste Oppositionsgruppe des Landes ausgeschaltet. Bereits im Bürgerkrieg war die IRP der wichtigste Gegenspieler Rahmons und bis zu ihrem Verbot kamen immer noch die meisten Kritiker aus ihren Reihen.

Gefährliches Spiel des Präsidenten

Es geht also in der Politik Emomali Rahmons keineswegs ausschließlich um den Schutz der Bevölkerung vor der Islamisierung, sondern vielmehr um seinen eigenen Machterhalt und das Ausschalten religiöser sowie politischer Opposition. Außerdem hält es das von Rahmons Anhängern geschaffene Bild des Präsidenten als „Vater der Nation“ aufrecht. Um dieses Bild weiter zu untermauern, betont Rahmon seine eigene muslimische Identität und Spiritualität, indem er beispielsweise medienwirksam an der islamischen Pilgerfahrt nach Mekka (aǧǧ) teilnimmt.

Ein hausgemachter Bürgerkrieg

Doch die Unzufriedenheit in der tadschikischen Bevölkerung wächst. Die Freiheiten und Privilegien, die sich der Präsident gönnt, erzürnen die Tadschiken. Erst im Dezember wurde Rahmon und seiner Familie lebenslange Immunität zugesichert. Hingegen werden Oppositionelle und Kritiker des Regimes oftmals unter fadenscheinigen Vorwürfen, vorzugsweise der Organisation von terroristischen Akten, verhaftet. Als Reaktion auf die religiösen und politischen Einschränkungen kam es in den letzten Jahren bereits mehrfach zu Unruhen, die jedes Mal von der Regierung niedergeschlagen wurden. Wie lang das gelingen kann, ohne dass es im Land wieder zu einem Bürgerkrieg kommt, ist fraglich.

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