Sexualität im Judentum

Tefillin tragende Jüdin betet an der Jerusalemer Klagemauer. (Quelle: Inbalabnl via Wikimedia Commons unter Lizenz CC-BY-SA 3.0)

Tefillin tragende Jüdin betet an der Jerusalemer Klagemauer.

Das Judentum ist außergewöhnlich offen im Umgang mit Sexualität. Es erachtet sie nicht als menschliche Schwäche, sondern als wichtigen Bestandteil des menschlichen Lebens. Jüdische Sexualität lebt die enge Verbindung von Körper und Seele. Sie kann als geheiligter Akt gelten.

Geschlechterrollen

Männer und Frauen sind durch die Schöpfung als ebenbürtig geschaffen, allerdings kommen ihnen nicht die gleichen Rechte zu. Der männliche Herrschaftsanspruch wird darüber legitimiert, dass die Frau als „Gehilfin“ des Mannes erschaffen wurde. Das bedeutet einerseits, dass ihnen – bis auf einige Ausnahmen – die gleichen religiösen Pflichten auferlegt sind. Doch haben sich Frauen  in den vergangenen Jahren auch das Recht auf viele diese religiöse Pflichten erstritten, zum Beispiel das Recht auf das Tragen der Tefillin (Gebetsriemen) beim Gebet. Andererseits werden Männer vor dem jüdischen Gesetz und in der Gesellschaft begünstigt.

Im Talmud ist eine gewisse Verächtlichkeit für die Frau zu finden, doch wird ihnen im häuslichen Bereich eine wichtige – auch religiöse – Funktion zugeschrieben. Zum Beispiel zündet die Frau des Hauses am Sabbat die Kerzen an und liest die Lobpreisungen. Gewarnt wird jedoch vor den Verführungskünsten der Frau, vor ihrer Anfälligkeit für Hexerei, Schwatzhaftigkeit und Eifersucht. Gleichzeitig wird ihr aber eine höhere Intelligenz als Männern zugeschrieben.

Im Kontext der Entstehung des Judentums betrachtet war die Stellung der Frau außergewöhnlich, denn im Gegensatz zu den Nachbarvölkern wurde ihr deutlich mehr Anerkennung zuteil. Ein matriarchalisches Element, dass die Zeit in dieser patriarchalisch geprägten jüdischen Welt bis heute überdauert hat: Wessen Mutter Jüdin ist, der ist selbst von Geburt Jude.

Sex in der Ehe

So offen im Judentum mit Sexualität umgegangen wird, so bleibt doch ein wichtiger Punkt zu beachten: Sie sollte nur in der Ehe ausgelebt werden. In den progressiven jüdischen Strömungen wird inzwischen auch eine langjährige Beziehung als eheähnlich betrachtet. In der Ehe ist dann alles erlaubt, was beiden Partnern gefällt. Es gibt sogar ein Recht auf Befriedigung für die Frau, abhängig von Beruf des Mannes reichen die Empfehlungen von täglich bis alle dreißig Tage. Und auch wenn sie nicht zu Sex auffordern soll, darf frau doch „mit ihrer Anmut reizen“ (Schwikart).

Die Ehe wird als religiöse Pflicht angesehen, dann nur ein verheirateter Mann ist ein rechter Mann. Der hohe Stellenwert zeigt sich auch darin, dass religiöse Autoritäten eine Heirat empfohlen wurde – für Hohepriester war sie sogar verpflichtend.

Jüdische Hochzeiten

Für die Hochzeit und die Ehe gibt es verschiedene Richtlinien und Einschränkungen. Dies beginnt bei Verwandtschaftsgraden, unter denen es keine Heirat geben darf. Einzige Ausnahme bildet hier die sogenannte Levitatsehe, bei der die kinderlose Witwe vom Bruder des Verstorbenen geheiratet und geschwängert wird. Praktiziert wird das heutzutage kaum noch, doch in orthodoxen Kreisen muss der Bruder die Witwe der Form halber freigeben. Darüber hinaus darf ein außerehelich geborenes Kind nur ebenfalls außerehelich Geborene oder jemanden, der zum Judentum übergetreten ist, heiraten.

Traditionell wird nicht an Feiertagen oder am Schabbat geheiratet. Die Trauung wird vom Baal Kidduschin durchgeführt, das kann ein Rabbi sein, muss aber nicht. Üblicherweise sucht die Braut vor der Hochzeit das rituelle Bad (Mikwe) auf und der Bräutigam wird in der Synagoge zum Lesen der Tora aufgefordert.

Jüdische Hochzeit mit Chuppa in Wien. (Quelle: Gryffindor via Wikimedia Commons unter Lizenz CC-BY-SA 2.5)

Jüdische Hochzeit mit Chuppa in Wien.

Am Hochzeitstag selbst fastet das Brautpaar bis zum Beginn der Riten. Diese werden unter einem Traubaldachin (Chuppa) ausgeführt, der als Symbol für das Bundeszelt steht. Der Bräutigam umkreist seine Braut siebenmal. Sie trinken gesegneten Wein und tauschen die Ringe. Nach den Segenssprüchen für das Paar zertritt der Bräutigam mit dem rechten Fuß ein Glas. Dies gedenkt der Zerstörung des Tempels in Jersualem. Nach der Zeremonie darf das Brautpaar einige Momente unter sich sein (meist um eine Kleinigkeit zu essen) bevor die Feier mit der Familie beginnt.

Jüdische Scheidung

An sich ist die Frau mit der Hochzeit in den Besitz des Mannes übergegangen. Damit sie für sich sorgen kann – sollte der Mann sterben oder es zur Scheidung kommen – wird vom Brautvater eine Mitgift gezahlt, die von Ehemann um die gleiche Summe erhöht wird. Dieses Geld wird  im Fall des Todes oder der Scheidung ausgezahlt.

Denn auch wenn eine Scheidung nicht empfohlen wird, ist sie im Judentum möglich. Eine Scheidung, in Form eines Scheidebriefs (Get), der alle Angelegenheiten von Kindern bis zu den Finanzen regelt, kann nur mit Einwilligung der Frau vorgenommen werden. Um einer voreiligen Scheidung vorzubeugen, ist es für Männer zwar einfacher die Scheidung in die Wege zu leiten, doch geht dann die gezahlte Mitgift an die Frau. Ist der Ehepartner verschollen, ist eine Scheidung nicht möglich.

Polygamie, Verhütung und Abtreibung

In der Bibel kommen immer wieder Geschichten von polygamen Herrschern (Salomon, David) vor, doch war die Mehrehe vermutlich schon damals im einfachen Volk nicht verbreitet. Im 11. Jahrhundert wurde die Polygamie dann endgültig verboten.

Im Allgemeinen soll die Ehe Kinder hervorbringen, das Familienideal ist für viele ein Sohn und eine Tochter. Dem Mann ist es verboten zu verhüten, daher werden orthodoxe Paare keine Kondome verwenden. Verhütungsmethoden, die von der Frau ausgehen, wie beispielsweise Pille, Pessar oder Temperaturmessung sind erlaubt, doch nur dann, wenn Gefahr für die Frau besteht (sei es, dass sie stillt, schwanger oder sehr jung ist). Kommt es zur Schwangerschaft, ist eine Abtreibung nur gerechtfertigt, wenn er die Gesundheit der Frau gefährdet, wenn sie durch eine Vergewaltigung schwanger wurde oder eine „reumütige Ehebrecherin“ ist.

Sex außerhalb der Ehe

Abweichungen von der sexuellen Beziehung innerhalb der Ehegemeinschaft werden nach jüdischem Recht unter schwere Strafe gestellt. Prostitution ist dabei besonders verpönt, da zur Entstehungszeit des Judentums im Römischen Reich die Tempelprostitution weit verbreitet war. Ehebruch wird jedoch nur dann schwer geahndet, wenn ein Mann mit der Frau eines anderen Mannes schläft, da er auf diese Weise die „Eigentumsrechte“ des betrogenen Mannes verletzt. Daher steht darauf nach jüdischem Recht die Steinigung für beide Ehebrecher. In der Praxis wurde das jedoch selten umgesetzt. Üblicher war und ist es, sich scheiden zu lassen.

Problematisch ist auch Homosexualität im Judentum. Als Strafe steht darauf der Ausschluss aus dem jüdischen Volk oder der Tod. Dabei ist es weniger der Umstand, dass zwei Männer Sex haben (lesbische Beziehungen werden kaum thematisiert), sondern dass dabei Samen ‚verschwendet‘ wird. Besonders beim Thema Homosexualität unterscheiden sich die jüdischen Glaubensrichtungen frappierend. Während es im orthodoxen Judentum ein absolut verneinende Haltung gegenüber diesem Thema gibt, wird sie von den Konservativen zwar abgelehnt, doch oft genug stillschweigend hingenommen. In liberalen Gemeinschaften werden Schwule und Lesben üblicherweise gleichermaßen akzeptiert. Es gibt für sie auch Trauungen nach traditionellem Riten.

Aufgrund der ‚Samenvergeudung‘ wird auch Masturbation als sündig erachtet, denn es führt zu ritueller Unreinheit. Ebenso unrein wie Samen ist Blut, weshalb Sex mit einer menstruierenden Frau unter Strafe steht. Auch in der Ehe sollten Paare während und nach der Menstruation keinen Sex haben bis sich die Frau einer rituellen Reinigung unterzogen hat.

In der Praxis werden die genannten Empfehlungen und Anweisungen natürlich vielerorts nicht buchstabengetreu befolgt. Wie in vielen anderen Religionen hat sich der Umgang mit der Tradition gelockert und insbesondere in den liberalen Strömungen des Judentums haben viele Neuerungen Einzug gehalten.

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