Völkermord an Herero und Nama: Klage gegen Deutschland

Herero (Quelle: Deutsches Kolonialarchiv via Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Herero

Der Völkermord an den Herero und Nama ist ein Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte, das viel zu selten thematisiert wird. Auch eine Auseinandersetzung auf politischer Ebene gibt es lediglich sporadisch. 2012 hat das Auswärtige Amt zwar die Gewalttaten als Völkermord bezeichnet, doch gab es von deutscher Seite keine Entschuldigung für die begangenen Gräueltaten oder Entschädigungszahlungen. Daher haben die Interessenvertretungen der Herero und Nama „den Stier bei den Hörnern gepackt” und vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag Klage eingereicht.

112 Jahre ist es her, dass der Aufstand der Herero in Deutsch-Südwestafrika gegen die deutsche Kolonialherrschaft begann. Dürren und Auseinandersetzungen über Weideland zwischen Herero und Nama waren dem vorausgegangen. Die zunehmende Ausbreitung deutscher Siedlungen und die rassistische Behandlung, denen die Einheimischen ausgesetzt waren, führte zur Eskalation der Lage. Unter der Führung von Samuel Maharero erhoben sich die Herero und verzeichneten zunächst bemerkenswerte Erfolge. Die Reichsleitung schickte daraufhin eine Truppenverstärkung, sodass sich die Krieger der Herero 15.000 deutschen Soldaten gegenübersahen. Sieben Monate dauerte der Widerstand. Der Aufstand wurde in der Schlacht am Waterberg entschieden und die Herero flohen in die Omaheke-Wüste.

Karte von Deutsch-Südwestafrika (später Namibia) 1904. (Quelle: Bries via Wikimedia Commons unter Lizenz CC-BY-SA 3.0)

Karte von Deutsch-Südwestafrika (später Namibia).

Damit hätte dieses Kapitel abgeschlossen sein können, wenn der Befehlshaber Generalleutnant Lothar von Trotha die Wüste nicht hätte abriegeln lassen. Zusätzlich wurden die wenigen Wasserquellen der Wüste überwacht und Schutzsuchende vertrieben oder erschossen. Nur wenige Herero konnten sich auf britisches Gebiet retten oder entkommen. Die Verachtung für das Volk der Herero wird in einer Proklamation des General von Trotha deutlich, die als „Vernichtungsbefehl” bekannt wurde:
„Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück, oder lasse auf sie schießen. Das sind meine Worte an das Volk der Herero.” (Dissertation Universität Halle, S. 195)
Die Veröffentlichung der Proklamation löste in der deutschen Bevölkerung heftige Kritik aus, sodass sie wieder zurückgenommen werden musste.

Im Oktober 1904, nur zwei Monate nachdem die Herero ihre bittere Niederlage erlitten hatten, erhob sich eine zweite Volksgruppe gegen die Kolonialherren, die Nama. Sie wurden von Jakob Morenga und Hendrik Witbooi angeführt. Sie hatten aus der Niederlage der Herero gelernt und sich gegen eine offene Konfrontation entschieden. Stattdessen agierten sie wie Guerillas und waren daher für die deutsche Armee schwer zu fassen. Ihr Aufstand zog sich über mehr als drei Jahre. Als jedoch ihre Anführer getötet wurden, verloren die Nama ihren Kampfgeist und der Aufstand fiel in sich zusammen. Daher stimmten die Nama einem Unterwerfungsvertrag zu, der am 31.03.1908 unterschrieben wurde.

Überlebende der Herero. (Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Überlebende der Herero.

Mit den Überlebenden – sowohl der Herero als auch der Nama – wurde nicht weniger grausam verfahren als die Kämpfe waren. Sie wurden bereits seit 1904 in Konzentrationslagern inhaftiert. Vorbild hierfür waren ähnliche Lager der Briten für die Buren. Die Lage in den deutschen Konzentrationslagern in Deutsch-Südwestafrika waren miserabel: Sie waren überbelegt und schlecht mit Wasser versorgt. Die Internierten wurden einseitig ernährt und dienten als Forschungsobjekte der grassierenden Krankheiten wie Skorbut, Typhus und Ruhr. Die Hälfte der Insassen starb in den Konzentrationslagern. Die nackten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache der Vernichtung: Umfassten die Herero 1904 noch zwischen 80.000 und 100.000 Menschen, waren sie 1911 auf 15.310 geschrumpft. Es starben demnach ca. 80% der Herero-Bevölkerung. Von den Nama gibt es weniger detaillierte Zahlen, aber ihre Opfer beliefen sich auf mindestens 10.000 Menschen.

Bis heute erinnert der Hererotag im heutigen Namibia an die Ereignisse. Die Interessenverbände von Herero und Nama bemühen sich um die Anerkennung, dass es sich bei den Tötungen um Völkermord handelte. 1948 definierte die UN in der „Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes” diesen als Straftatbestand.
„In dieser Konvention bedeutet Völkermord eine der folgenden Handlungen, die in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören:
(a) Tötung von Mitgliedern der Gruppe;
(b) Verursachung von schwerem körperlichem oder seelischem Schaden an Mitgliedern der Gruppe;
(c) vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe, die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen;
(d) Verhängung von Maßnahmen, die auf die Geburtenverhinderung innerhalb der Gruppe gerichtet sind;
(e) gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.” (Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes, Art. II)

Bis zum Jahr 2012 hatte die deutsche Bundesregierung zu dem Massenmord an Herero und Nama keine Stellung genommen und die Verantwortung von sich geschoben. Bei Staatsbesuchen (wie dem von Helmut Kohl 1995) wurde ein Zusammentreffen mit Herero-Vertretern vermieden. Offiziell bedauerte die Bundesregierung, was den Herero und Nama widerfahren war, verneinte jedoch, dass es sich um einen Völkermord handele, da die Konvention von 1948 nicht rückwirkend gelte. Eine herausragende Stellung in der Auseinandersetzung mit dem Genozid nimmt der Besuch der damaligen Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Heidemarie Wieczorek-Zeul, ein. Sie besuchte Namibia zum 100. Jahrestag der Schlacht am Waterberg und war damit die erste deutsche Repräsentantin, die an einer Gedenkfeier für die Herero und Nama teilnahm. Sie bezeichnete den Völkermord nicht nur als solchen, sondern sprach auch von der politischen und moralischen Verantwortung Deutschlands. (Aufzeichnung der Rede) 2012 zog das Auswärtige Amt nach und benutzte die Bezeichnung Völkermord. Inzwischen hat sich diese Sichtweise allgemein durchgesetzt und in der Regierungspressekonferenz vom 10. Juli 2015 wird er als solcher bezeichnet.

Herero-Frauen heute. (Quelle: Bries via Wikimedia Commons unter Lizenz CC-BY-SA 1.2)

Herero-Frauen heute.

Zudem führt die Bundesrepublik Deutschland Gespräche mit namibischen Regierungsvertretern in denen es um die Forderung nach Entschädigungszahlungen und Entschuldigungen geht. Genau das ist aber eines der Probleme, warum die Interessensverbände von Herero und Nama die Klage am Internationalen Gerichtshof eingereicht haben. Sie sind an den Gesprächen nicht beteiligt und fungieren der namibischen Seite lediglich als Berater. Obwohl es 2006 einen Beschluss der Nationalversammlung von Namibia gab, der den Verbänden eine Beteiligung an den Gesprächen garantierte, sind sie von den Verhandlungen ausgeschlossen. Daher haben sich die Vertreter der Herero und Nama für den Schritt zum Internationalen Gerichtshof entschieden, nach dem Anfang 2016 ein Ultimatum für Gespräche abgelaufen war, welches sie der deutschen Regierung gestellt hatten.

Bis heute hat es von deutscher Seite keine Entschuldigung für den Völkermord an den mindestens 75.000 Herero und Nama gegeben. Entschädigungszahlungen hat es nie gegeben und wird es auch in naher Zukunft nicht geben, da Deutschland argumentiert mit der Namibia zuteilwerdenden Entwicklungshilfe sei diese Forderung abgegolten. Allerdings erreicht ein sehr geringer Bruchteil dieser Zuwendungen die Herero und Nama.

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