Muslimische Reformdenker des 19. Jahrhunderts – Reformislam II

Der wohl bekannteste Reformer, Jamal ad-Din Afghani. (Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Der wohl bekannteste Reformer, Jamal ad-Din Afghani.

Als Gründungsväter des Reformislam gelten bis heute Jamal ad-Din al-Afghani (1838-1897), Muhammad Abduh (1849-1905) und Rashid Rida (1865-1835). Allen drei ist gemeinsam, dass sie eine innere Reform des Islam als einzig mögliche Antwort auf das Unterlegenheitsgefühl gegenüber dem Westen sahen. Als Ursache dieses Gefühls machten sie ein unflexibles Verständnis vom Islam aus, welches auf der Rückbesinnung auf den Koran in blinder Nachahmung der Vorväter beruht.

Jamal ad-Din al-Afghani (korrekte Umschrift: Ǧamāl ad-Dīn al-Afġānī) wurde als Saiyid Muḥammad ibn Ṣafdar al-Ḥusainī 1838 im Westen des heutigen Iran geboren. Er stammt aus einer schiitischen Familie und änderte seinen Namen, damit er sunnitischer klang und so seine Ideen mehr Aussicht auf Erfolg hatten. Al-Afghanis zahlreiche Reisen führten ihn in die verschiedensten Gebiete der islamischen Welt und darüber hinaus: Afghanistan, Irak, Ägypten, Indien, Großbritannien und Frankreich. In Ägypten gewann er viele seiner Schüler, u.a. Muhammad Abduh. Dort war es auch, dass al-Afghani erstmals von der britischen Obrigkeit als potentieller Unruhestifter wahrgenommen wurde, da er zu politischen Aktionen gegen die Kolonialherrschaft aufrief. Er stellte sich deutlich gegen den Kolonialismus und Imperialismus des Westens.

Al-Afghani vertrat die Ansicht, dass Muslime ihre Schwäche gegenüber den Kolonialmächten überwinden können, wenn sie sich zusammenschließen und die festgefahrene islamische Orthodoxie aufbrechen. Mit einem reformierten und modernisierten Islam, der sich westlicher Technologie und Wissenschaft bedient, könnten sich die Muslime von westlicher Abhängigkeit befreien. Dem ägyptischen Khediven, Taufiq Pascha, schlug er ein Staatssystem vor, dass sich der britischen Vorherrschaft entledigt und eine Vereinigung aller Muslime vorsah. Dafür wurde er 1879 aus Ägypten ausgewiesen. Al-Afghani ging zunächst nach Indien. Dort erlebte er die brutale Niederschlagung des Sepoy-Aufstandes durch die britischen Machthaber. 1882 siedelte er nach London über.

In Großbritannien und später in Frankreich warb er für seine Überzeugungen, in deren Zentrum der Kampf gegen den Kolonialismus und Imperialismus sowie die Bemühungen um eine islamische Einheit standen. Seinen Lebensabend verbrachte al-Afghani in Konstantinopel, wohin ihn der Sultan Abdülhamid II. eingeladen hatte. Nachdem ein Anhänger al-Afghanis den persischen Shah erschossen hatte, verhinderte der Sultan weitere Reisen und hielt Afghani in Konstantinopel fest, wo er 1897 an Krebs starb.

Muhammad Abduh

Muhammad Abduh. (Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Muhammad Abduh.

Der bedeutendste Schüler al-Afghanis war Muhammad ʿAbduh, der die Gedankenwelt al-Afghanis systematisierte und in einem Lehrsystem zusammenfasst. Mit Abduh veröffentlichte al-Afghani gemeinsam die Zeitschrift al-ʿUrwa al-Wuṯqā (das unauflösliche Band) während ihrer Zeit in Paris.

Abduh lernte al-Afghani 1870 während seines Studiums an der Azhar-Universität Kairo kennen, dass er 1866 begonnen hatte. Von seinem Lehrer übernahm Abduh die Überzeugung, dass ein reformierter Islam mit westlichem Wissen und westlicher Technik die Überlegenheit des Westens abschütteln könne. Abduh wandte diese Erkenntnisse auf sein Heimatland Ägypten an und wollte das Land mit höherer Bildung und der „richtigen” Religiosität modernisieren. Dabei wandte er sich gegen die Fremdherrschaft der Briten und musste daraufhin mehrmals das Land verlassen. Über Umwege via Tunis und Beirut kehrte Abduh immer wieder nach Ägypten zurück.

Gemeinsam mit seinem Schüler Raschid Rida veröffentlichte er ab 1897 die Zeitschrift al-Manār (der Leuchtturm), die sich für die Überwindung innerislamischer Gegensätze einsetzte. Obwohl ihre Ideen umstritten waren, wurde Abduh 1899 die Ehre zuteil zum Großmufti von Ägypten ernannt zu werden. Dieses Amt übte er bis zu seinem Tod 1905 aus.

Muhammad Abduhs Arbeit ist gekennzeichnet durch sein Bestreben, eine Synthese zu schaffen zwischen westlichen Errungenschaften und muslimischen Vorstellungen. Dem liegt die Überzeugung zugrunde, dass Religion und Vernunft miteinander vereinbar sind. Dabei befürwortete er eine Rückkehr zu den islamischen Wurzeln, ist daher ein wichtiger Salafiyya-Vertreter. Trotzdem argumentierte er gegen eine blinde Nachahmung früherer Rechtsgelehrter, denn nur der Koran stelle die letzte Autorität dar.

Rashid Rida

Rashid Rida. (Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Rashid Rida.

Der Name Muḥammad Rašīd ibn ʿAlī Riḍā, kurz Raschid Rida, ist bis heute verbunden mit der Zeitschrift al-Manar (der Leuchtturm), den Rida auf Wunsch Muhammad Abduhs veröffentlichte. Al-Manar unterstütze nicht nur die Verbreitung Abduhs Ideen sondern auch der von Rida. Bis zu seinem Tod gab Rida die Zeitschrift weiter heraus und auch nach seinem Tod wurde sie weitergeführt.

Rida ist der prominenteste Schüler Abduhs und führte dessen Ideen weiter und in neue Richtungen. Beschäftigte er sich in seiner Jugend noch mit dem Sufismus, wandte er sich später vom mystischen Islam ab und beschäftigte sich mit rationalistischen Reformern. Dabei lernte er auch die Reformbewegung unter al-Afghani kennen und schloss sich wenig später Muhammad Abduh als Schüler an.

Nach dem Tod Abduhs wendet sich Rida einem strengeren Islam zu, beschäftigt sich intensiv mit den Schriften Ibn Hanbals und Ibn Taimiyas. Eine Trennung zwischen Religion und Staat, wie sie der Abduh-Schüler ʿAlī ʿAbd ar-Rāziq vertrat, lehnte Rida grundlegend ab. Den Säkularismus sah er als ernste Bedrohung für die muslimische Identität. Ideologisch näherte er sich dem Wahhabismus an und sah in ihm den wahren Verfechter des Glaubens. Mit seinen konservativen Einstellungen hat er die Grundsteine für den modernen Islamismus gelegt und beeinflusste sowohl den Begründer der Muslimbruderschaft, Ḥasan al-Bannā, als auch den islamistischen Denker Saiyid Quṭb.

Die beiden Schüler Muhammad Abduhs, Rashid Rida und Ali Abd ar-Raziq, geben die beiden sehr unterschiedlichen Richtungen vor, welche die Reformidee gegangen ist. Rida bricht mit dem Westen und folgt einer salafistischen Linie des Islam. Sein Gedankengut beeinflusst den Salafismus und Islamismus bis heute. Abd ar-Raziq hingegen lehnt die Kalifatsidee ab und bemüht sich, religiöse und politische Aspekte des Korans zu trennen. Eine Trennung von Religion und Staat verhindert seiner Ansicht nach den Missbrauch der Religion für politische Zwecke. Er gilt vielen als geistiger Vater des islamischen Säkularismus.

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