Al-Andalus – eine multikulturelle Illusion?

Die Iberische Halbinsel um 910. (Quelle: Alexandre Vigo via Wikimedia Commons unter Lizenz CC-BY-SA 1.0)

Die Iberische Halbinsel um 910.

Die Zeit der muslimischen Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel (8. bis 15. Jahrhundert) gilt als kulturelle und religiöse Blütezeit, in der Muslime, Christen und Juden harmonisch miteinander lebten. Im Spanischen wird diese Zeit als „la Convivencia” (die Koexistenz) bezeichnet und al-Andalus, die arabische Bezeichnung der Region, ist fest verbunden mit der Vorstellung einer toleranten Gesellschaft. Klingt zu gut um wahr zu sein? Das denken sich auch viele Forscher und wollen dem Mythos al-Andalus ein Ende bereiten.

Verlässliche Quellen aus der Zeit der Eroberung der Iberischen Halbinsel und der muslimischen Herrschaft sind schwer zu finden. Christliche als auch muslimische Berichte sind gefärbt von jeweiligen Erfahrungen: Einerseits wird von den Grausamkeiten einer brutalen Eroberung durch die Muslime berichtet, andererseits davon, dass Juden die muslimischen Kämpfer als Befreier willkommen geheißen haben, da sie unter gotischer Herrschaft zunehmend Verfolgungen ausgesetzt waren.

Eine der kritischen Stimmen gehört Dario Fernandes-Morera, Professor für Spanisch und Portugiesisch an der Northwestern University in den USA. In seinem Artikel „The Myth of the Andalusian Paradise”, der sich auf christliche Quellen bezieht, berichtet er von Kirchen, die abgerissen oder zu Moscheen umgebaut wurden, von Versklavung, hohen Steuern und Konfiskation christlichen Besitzes. Es habe kaum Genehmigungen für den Bau von neuen Kirchen gegeben noch für die Reparatur alter; Christen seien terrorisiert worden und konvertierte, ehemals jüdische Familien wurden verfolgt. Die Verfolgungen erreichten ihren traurigen Höhepunkt im Massaker von Granada 1066. Der jüdische Wesir Joseph ibn Naghrela wurde von einem muslimischen Mob, der den Palast gestürmt hatte, gekreuzigt und im Anschluss wurde die jüdische Bevölkerung abgeschlachtet. Dabei kamen 4.000 Menschen ums Leben, 1.500 jüdische Familien wurden ausgelöscht.

Fernandes-Morrera kritisiert weiterhin das Überlegenheitsgefühl der muslimischen Eroberer und den Status der Frauen in Andalusien, der sich nicht von der Situation der Frau in anderen muslimischen Gebieten unterschieden habe und fasst zusammen:

„By any objective standards, then, and in spite of its undeniable artistic, literary, and scientific accomplishments, and of modern wishful ‚let-us-all-get-along’ thinking that tries to gloss over evidence to the contrary, Islamic Spain was not a model of multicultural harmony. Andalusia was beset by religious, political, and racial conflicts controlled in the best of times only by the application of tyrannical force. Its achievements are inseparable from its turmoil.” (Fernandes-Morrera, S.9)

Die Errungenschaften des Einflusses islamischer Kultur auf der Iberischen Halbinsel sind tatsächlich nicht zu übersehen. Die Alhambra in Granada und die Moschee von Córdoba sind bis heute Beweise für eine künstlerische und handwerkliche Blüte, welche romanische Architektur gekonnt mit islamischen Einflüssen verschmolz. Besonders unter der Herrschaft von Abd ar-Rahman III. und seinem Sohn und Nachfolger al-Hakam II. florierten Kultur und Wissenschaft. Am islamischen Hof versammelten sich Philosophen, Mathematiker, Astronomen, Dichter und Gelehrte – keineswegs alle Muslime.

Blick auf die Alhambra in Granada. (Quelle: Slaunger via Wikimedia Commons unter Lizenz CC-BY-SA 3.0)

Blick auf die Alhambra in Granada.

Die islamischen Eroberungen im Nahen Osten hatten bereits eine rege Übersetzungstätigkeit begonnen. Besonders bekannt ist die Übersetzerschule von Bagdad, deren Angestellte in der Mehrheit syrische Christen waren, die gut bezahlt und hoch angesehen waren. Das Erbe der griechischen Philosophie und Wissenschaft wurde dort ins Arabische übersetzt und transportierte das Wissen damit in alle Ecken des islamischen Reiches. Da die Bevölkerung von al-Andalus, eine Mischung aus Westgoten, Hispano-Romanen, Juden, Arabern und Berbern, das Arabische schnell als gemeinsame Schriftsprache übernahm, eröffnete sich ihr auch das große Wissen der Antike.

Das spanische Toledo, eine Stadt zwischen christlichen und muslimischen Reichen, wurde im 12. und 13. Jahrhundert das neue Übersetzungszentrum. Arabische Schriften wurden hier ins Lateinische übertragen. Damit wurden die antiken Schriften, aber auch neuere Abhandlungen zu Wissenschaft und Philosophie sowie Grundwerke des Islam (auch der Koran selbst wurde übersetzt) dem lateinischen Europa erstmals wieder zugänglich. Selbst nach der christlichen Rückeroberung Toledos wurde die Übersetzertradition aufrechterhalten: diesmal nicht mehr ins Lateinische, sondern ins Spanische wurde übersetzt.

Über al-Andalus gelangten auch die arabischen Zahlen (die aus Indien kommen) nach Europa und revolutionierten sowohl das Rechnen im Alltag als auch das mathematisch-naturwissenschaftliche Denken. Übersetzungen spielten bei der Weiterentwicklung in Geometrie und Trigonometrie die entscheidende Rolle. Die Astronomie, auch sie mit griechischen Wurzeln, wurde in al-Andalus weiterentwickelt. Bereits im 10. Jahrhundert entstand mit den neuen Erkenntnissen der „Kalender von Córdoba” und ein Jahrhundert später wurde ein Astrolabium entwickelt, welches universal – unabhängig der geographischen Breite – eingesetzt werden konnte. In al-Andalus wurde erstmals ein Versuch der Klassifikation der Tierwelt unternommen, landwirtschaftliche Texte erörterten Bodentypen und dazu passende Bewässerungssysteme sowie Methoden zur Pflanzenveredelung.

Fernandes-Morrera spricht davon, dass al-Andalus behandelt wurde wie andere Gebiete unter islamischer Herrschaft und damit hat er Recht. Bestehende Verwaltungsstrukturen wurden beibehalten und Arabisch als Schriftsprache eingeführt. Die Bevölkerung wurde in unterschiedlichem Maße besteuert: Muslime mussten deutlich geringere Abgaben zahlen als Andersgläubige. Die besondere Steuer der jizya, oft als „Kopfsteuer” bezeichnet, wurde für Christen und Juden fällig. Öffentliche Zurschaustellung nicht-muslimischen Glaubens wurde nicht gern gesehen. Muslime, Christen und Juden lebten oft in eigenen Vierteln, teilweise gab es auf lokalem Niveau eigene Gerichtssysteme. Trotzdem waren Juden und Christen ins politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Leben integriert. Es wanderten sogar Juden aus anderen Teilen Europas ein, weil die Steuern zwar hoch waren, doch im Allgemeinen jeder seinen Alltagsgeschäften nachgehen konnte. Viele Nicht-Muslime konvertierten auch zum Islam – nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern häufig einfach aufgrund der steuerlichen Vorteile.

La Convivencia, die friedliche Koexistenz der drei monotheistischen Religionen, ist also tatsächlich ein Mythos. Und doch mehr als ein Mythos, da er – zumindest zeitweise – Realität geworden war. Muslime, Christen und Juden lebten „[…] zwar nicht konfliktfrei, aber doch über lange Zeiträume hinweg kooperativ” (Bossong, S.9) zusammen. Was al-Andalus zerstörte, waren die Fundamentalismen auf christlicher sowie muslimischer Seite, die eine Konfrontation unausweichlich machten. Dieser Umstand macht das Thema heute wieder hochbrisant. Und so bleibt al-Andalus „nicht das schlechteste Ideal: eben nicht romantisch-verträumt, vielmehr auf Toleranz, Frieden und wechselseitige Befruchtung ausgerichtet – eine politische Utopie, die genau den Werten Ausdruck verleiht, zu denen wir uns heute bekennen.” (Bosong, S. 120)

Literaturempfehlung
Bossong, Georg: Das maurische Spanien. Geschichte und Kultur. Beck, München 2007

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