Die Kultur der Ambiguität – Rezension

Mach dich bereit, die Geschichte des Islam aus einem völlig anderen Blickwinkel zu betrachten! So oder so ähnlich könnte man ohne weiteres für das Buch von Thomas Bauer werben. Bauer ist seit 2000 Professor für Islamwissenschaft und Arabistik an der Universität Münster. Im Jahr 2006 und 2007 war er Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin, wo er zur „Kultur der Ambiguität” forschte und aus diesem Kontext auch das Buch entstanden sein dürfte.

Ambiguität meint nichts anderes als Mehrdeutigkeit. Bauers Theorie besagt, dass islamische Gesellschaften bis ins 19. Jahrhundert eine hohe Toleranz für mehrdeutige Interpretationen einer Sache aufwiesen. Besonders durch den Einfluss westlicher Gesellschaften wurde diese Ambiguitätstoleranz verdrängt von dem Bedürfnis nach Eindeutigkeit und der Suche nach einer einzigen Wahrheit.

Bauer wendet diese These zunächst auf das zentrale Element des Islam an, den Koran. Ein Text habe immer mehrere Lesarten und der Koran bildet da keine Ausnahme. Es haben sich sieben (manchmal auch zehn) Lesarten etabliert, die zu den wahrscheinlichsten zählen. Doch bemerkt Bauer, dass keine davon für sich in Anspruch nimmt die wahre, nur die am wahrscheinlichsten zu sein. Ebenso verhält es sich mit der Sunna. Die Hadithwissenschaft kennt verschiedene Sammlungen von Hadithen, doch weder eine Sammlung noch bestimmte Hadithe werden als die einzig wahren dargestellt. Auch hier ist die Ambiguitätstoleranz aufzuspüren.

Anwendung finden Koran und Sunna im islamischen Recht und so wendet sich Bauer diesem zu und zeigt auf, dass Meinungsverschiedenheiten ein integraler Bestandteil des Rechts bilden. Das folgende, sechste, Kapitel ist ein Appell gegen die „Islamisierung des Islams”. „Das Bild einer restlos von Religion durchdrungenen islamischen Gesellschaft ist ein Zerrbild, das sich aber gut in den kolonialen Diskurs fügte und das heute für politische Zwecke auf vielerlei Weise ausgenutzt werden kann.” (S. 222)

Die darauffolgenden Kapitel wenden sich weltlichen Themen zu, in die jedoch auch religiöse Aspekte eingewoben werden. Die Literatur nimmt in islamischen Gesellschaften eine hohe Stellung ein. Literarische Texte sind nicht nur ambiguitätstolerant sondern die Mehrdeutigkeit ist sogar erstrebenswert und wertet den Text auf. Selbst wissenschaftliche Texte „spielten” mit der Ambiguität und zeigten dem Leser, dass „Ambiguität nie beseitigt, sondern immer nur gezähmt werden kann.” (S. 267)

Das Thema Sexualität ist durch westlichen Einfluss auf Entweder-Oder-Bekenntnisse begrenzt wurden, welches in deutlichem Gegensatz zu dem ungezwungenen Umgang islamischer Gesellschaften mit menschlicher Lust steht. Und wenn es um Macht und Herrschaft geht, waren islamische Gesellschaften lange vorbildlich in der Lage, politische Konzepte zu würdigen, die herrschende Gegebenheiten in Frage stellten. Wiederum ist es der Kontakt mit dem Westen, der eine Ambiguitätsintoleranz eingeführt hat, die nun islamischen Gesellschaften vorgeworfen wird.

„Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islam.” ist ein Buch, das hält, was es verspricht. Bauer eröffnet mit seiner Anwendung der Theorie der Ambiguitätstoleranz eine völlig neue Perspektive auf die Geschichte des Islam und kontextualisiert moderne Entwicklungen auf leicht nachvollziehbare Weise. Eine unbedingte Leseempfehlung!

Bauer, Thomas: Die Kultur der Ambiguität (Affiliate-Link) Eine andere Geschichte des Islams. Verlag der Weltreligionen, Berlin 2011. 34,95€

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Eine Antwort zu “Die Kultur der Ambiguität – Rezension

  1. Jasmin Wimpersinger

    Danke für die Rezension. Klingt sehr lesenswert.

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