Die Sepharden – das Erbe von al-Andalus

Die Zeit der muslimischen Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel hat nicht nur im christlichen Europa tiefe Spuren hinterlassen. Auch die jüdische Kultur ist bis heute geprägt von „al-Andalus”, wie die sephardische Tradition eindrücklich zeigt.

Migration sephardischer Juden ab dem 15. Jahrhundert. (Quelle: Universal Life via Wikimedia Commons unter Lizenz CC-BY-SA 3.0)

Migration sephardischer Juden ab dem 15. Jahrhundert.

Das Judentum war auf der Iberischen Halbinsel bereits vor der muslimischen Herrschaft tief verwurzelt. Bereits seit der Zerstörung des Zweiten Tempels in Jerusalem durch Kaiser Titus 70 u. Z. lebten Juden nachweisbar unter römischer Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel. Nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches übernahmen die Westgoten die Herrschaft auf der Halbinsel. Die Westgoten gehörten der christlichen Spielart des Arianismus an, der Jesus Christus zwar als gottähnlich erachtet, ihn jedoch nicht Gott gleichsetzt.

Zwischen den Westgoten und ihren jüdischen Untertanen herrschten enge Kontakte bis der gotische König Rekared 587 zum katholischen Christentum übertrat. Danach verschlechterten sich die Beziehungen durch neue Regelungen zum Umgang zwischen Christen und Juden deutlich. Die Ehe mit Christen wurde Juden verboten, sie durften nicht mal mehr gemeinsam an einem Tisch essen. Zudem wurde Juden untersagt, Sklaven zu besitzen. Dies geschah jedoch nicht aus humanitären Idealen heraus: Offiziell sollten christliche Sklaven vor jüdischem Einfluss geschützt werden, vor allem bedeutete der Verlust von Sklaven für deren Besitzer jedoch erhebliche wirtschaftliche Einbußen.

Anfang des 7. Jahrhunderts wurden die Juden der Iberischen Halbinsel erstmals Ziel eines Gesetzes zur Zwangsbekehrung. Sie standen vor der Wahl einer Konversion zum Christentum oder sie wurden des Landes verwiesen. Viele der Juden, die ihre Heimat nicht verlassen wollten, traten formal zum Katholizismus über und bewahrten jüdische Bräuche im Privaten. Daher wurden bis 694 weitere antijüdische Gesetze erlassen. Es war dann verboten jüdische Schriften zu lesen, sich beschneiden zu lassen oder den Sabbat zu heiligen. Der Verzicht auf Schweinfleisch konnte lebensgefährlich sein.

Der sephardische Großrabbiner Yitzhak Yosef. (Quelle: Government Press Office of Israel - Mark Nayman via Wikimedia Commons unter Lizenz CC-BY-SA 3.0)

Der sephardische Großrabbiner Yitzhak Yosef.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass viele der auf der Iberischen Halbinsel verbliebenen Juden die von Nordafrika eindringenden muslimischen Eroberer als Befreier begrüßten. Denn auch wenn ihnen die jizya, die Kopfsteuer, als Anhänger einer abrahamitischen Religion auferlegt wurde, so konnten sie ihre Religion doch freier ausüben als es selbst unter den Westgoten möglich gewesen war. Im von den Muslimen begründeten al-Andalus „[…] kam [es] zu der welthistorisch einzigartigen Verschmelzung von jüdischer und arabischer Kultur, die das goldene Zeitalter des mittelalterlichen Sephardentums ausmacht” (Bossong, S. 21). Die Sepharden unterschieden sich in ihrer Konfession nicht von ihren Glaubensbrüdern. Vielmehr schlug sich diese Verschmelzung in Sitten, Gebräuchen und in der Auslegung einzelner biblischer Vorschriften nieder. Das Hebräische verdankt den Sepharden seine Wiederbelebung, insbesondere außerhalb des religiösen Bereichs.

Mit der Übernahme der Herrschaft der Almoraviden (1090) begann für die sephardischen Juden wieder eine Zeit der Ausweisungen und Auflösung von jüdischen Gemeinden. Auch Zwangskonversionen standen wieder auf dem Programm. Viele Juden flüchteten in dieser Zeit in den Norden der Iberischen Halbinsel, weil die christlichen Könige ihnen freie Religionsausübung garantierten. Während der Rückeroberung (Reconquista) der muslimischen Gebiete durch christliche Herrscher durften Juden in den eroberten Gebieten bleiben, Muslime hingegen wurden enteignet und vertrieben. Besonders unter König Alfons X. von Kastilien (1221-1284) blühte die jüdische Kultur wieder auf. Juden waren für die vom König geförderten Übersetzungsarbeiten sehr wertvoll, da sie sowohl des Arabischen als auch des Hebräischen mächtig waren. In Kastilien und Aragon gab es eine eigene jüdische Gerichtsbarkeit, Synagogen durften gebaut werden (mit Größen- und Zahlenvorgaben durch die Herrscher), der Sabbat sollte nicht gestört werden.

Die Förderung der jüdischen Bevölkerung war jedoch meist auf die Schicht der Herrschenden in Adel und Klerus begrenzt. Im einfachen Volk war Judenhass weit verbreitet, denn ihr Dasein wurde als fortwährende Herausforderung des christlichen Absolutheitsanspruchs gesehen. Zudem haftete den Juden immer noch der Makel des „Christusmörders” an. Hinzu kam, dass der Geldverleih oftmals von Juden betrieben wurde, da diese Beschäftigung Christen verboten war. Zieht man dann noch in Betracht, dass für die im 14. Jahrhundert wütende Pest in Europa ebenfalls allerorten Juden verantwortlich gemacht wurden, verwundert es kaum, dass der Judenhass sich auch auf der Iberischen Halbinsel in Pogromen Bahn brach. Synagogen gingen in Flammen auf und Juden hatten die Wahl zwischen „Tod oder Taufe”.

Wiederum führten die Zwangstaufen jedoch zu dem Problem, dass viele der getauften Juden im Privaten nach wie vor ihren jüdischen Glauben praktizierten. Diese „Kryptojuden” wurden auch für die Herrschenden zum Problem, denn „[m]it echten Juden konnte man sich arrangieren, mit falschen Christen aber nicht.” (Bossong, S. 48) Die Bevölkerung spaltete sich in „alte” und „neue” Christen. Um dem entgegenzuwirken und das Kryptojudentum auszurotten, baten die katholischen Könige Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragon den Papst um die Erlaubnis eine „Institution zur Gewissenserforschung” einrichten zu dürfen. Mit päpstlicher Erlaubnis wurde eine eigenständige spanische Inquisition eingerichtet, welche Scheinchristen überführen sollte.

Um effektiv gegen die offen jüdisch lebende Bevölkerung vorzugehen, die ab 1483 bereits aus dem ehemaligen al-Andalus (außer Granada, das bis 1492 muslimisch blieb) vertrieben wurde, erließen die Katholischen Könige (1496 vom Papst verliehener Herrschertitel für Isabella und Ferdinand) 1492 ein Edikt zur Ausweisung aller Juden aus den von ihnen beherrschten Gebieten. Dies war eine Katastrophe für das sephardische Judentum. Doch auch in ihrer sephardischen Heimat war die Ausweisung zu spüren: Das Handwerk wurde durch den Auszug talentierter Handwerker schwer getroffen. Noch schwerer traf es jedoch das Finanzwesen, welches ohne die Goldfunde aus dem „neu entdeckten” Amerika zu kollabieren drohte.

Drei Monate hatten Juden Zeit das Königreich zu verlassen. Viele flüchteten ins benachbarte Portugal, doch sahen sich die Geflüchteten nach acht Monaten vor der Wahl zwischen Taufe oder Versklavung. 1496 wurde auch hier ein Ausweisungsedikt erlassen. Von Portugal aus führte der Weg vieler Juden entweder in den Norden – nach England, Deutschland, in die Niederlande und nach Italien oder in den Süden nach Nordafrika und ins Osmanische Reich.

Der aschkenasische Großrabbi Israels David Lau. (Quelle: ידידיה לאו via Wikimedia Commons unter Lizenz CC-BY-SA 4.0)

Der aschkenasische Großrabbi Israels David Lau.

So katastrophal die Ausweisungsedikte für die Betroffenen waren, trugen sie dazu bei das sephardische Erbe in Europa und im Nahen Osten zu verbreiten. Bis heute leben dort Nachkommen von Sepharden der Iberischen Halbinsel und das geübte Ohr kann in der Aussprache des Hebräischen noch den Einfluss der spanischen Aussprache heraushören. Auch in Israel gibt es bis heute zwei Oberrabbiner: derzeit sind das David Lau und Yitzhak Yosef. Während David Lau in der schwarzen Tracht der Orthodoxen die aschkenasische Tradition vertritt, repräsentiert Yitzhak Yosef mit seinem runden Hut und dem bestickten Talar die Sepharden.

Seit dem vergangenen Herbst werden Sepharden auch in den Ursprungsländern dieser jüdischen Tradition besonders gewürdigt. Spanien und Portugal haben als eine Art der Wiedergutmachung beschlossen, den Nachkommen der ausgewiesenen Juden die Beantragung der spanischen bzw. portugiesischen Staatsbürgerschaft zu erleichtern. Damit kehren Sepharden auch symbolisch auf die Iberische Halbinsel zurück.

Literaturempfehlung: Bossong, Georg: Die Sepharden. Geschichte und Kultur der spanischen Juden. Beck, München 2008.

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