Kakure Kirishitan – Die „versteckten“ Christen von Japan

Marienfigur getarnt als Bodhisattva Kannon. (Quelle: PHGCOM via Wikimedia Commons unter Lizenz CC-BY-SA 3.0)

Marienfigur getarnt als Bodhisattva Kannon.

Mit dem katholischen Missionar und Mitbegründer des Jesuitenordens Francisco de Xavier (im Deutschen oft Franz Xaver) beginnt 1549 die Geschichte des Christentums in Japan. Er legte das Fundament für eine außergewöhnliche Verbreitung des christlichen Glaubens auf den japanischen Inseln. Die nachfolgenden Missionare konnten erstaunliche Erfolge verzeichnen – nicht einmal hundert Jahre später waren fast 10% der Bevölkerung zum Christentum konvertiert. Was hätte einer der größten Siegeszüge einer Religion werden können, endete abrupt mit dem Verbot des Christentums und der Unterdrückung, Verfolgung und dem Tod von Tausenden Konvertiten. Es führte gleichzeitig zu der Entstehung einer der faszinierendsten religiösen Gemeinschaften, den kakure kirishitan, den „versteckten” Christen von Japan.

Zur Zeit der Ankunft des Missionars Francisco de Xavier ist Japan in einem chaotischen Zustand: Der Tennō übt schon lange keine faktische Macht aus und das ehemals durch die Führung eines Shōguns organisierte Reich zerfällt in kleine Fürstentümer. Die dort herrschenden Daimyō verbünden und bekriegen sich untereinander, sodass die Zeit zwischen 1467 und 1603 auch sengoku jidai genannt wird, die Zeit der streitenden Reiche. Der Beginn einer Vereinigung der Daimyō gelingt erst ab der Mitte des 16. Jahrhunderts durch die berühmten drei Reichseiniger: Oda Nobunaga, Toyotomi Hideyoshi und Tokugawa Ieyasu.

Während der für die Landbevölkerung entbehrungsreichen Zeit der Reichseinigung fällt die christliche Botschaft der Nächstenliebe auf fruchtbaren Boden. Die Missionare kümmern sich um Verletzte und Kranke, geben Armen Kleidung und Hungernden Essen. Das beeindruckte nicht nur die Betroffenen, sondern imponierte auch einigen Daimyō, die sich zur Konversion entschlossen. Bis in die 1630er-Jahre konvertierten etwa 750.000 Japaner zum Christentum.

Die neuen Christen waren den Reichseinigern jedoch ein Dorn im Auge. Toyotomi Hideyoshi sah im Konzept des „Königreich Gottes” Konkurrenz zu seinen Staatsvorstellungen und erließ ein Verbot des Christentums. Dies behinderte die Missionare zunächst nicht in ihrem Schaffen, da das Verbot nicht durchgesetzt wurde. Doch kurz vor dem Tod Toyotomis ließ er in Nagasaki 26 ausländische und japanische Christen als Abschreckung vor den Toren der Stadt kreuzigen.

Die Kreuzigung der 26 Märtyrer Japans vor den Toren Nagasakis. (Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain)

Die Kreuzigung der 26 Märtyrer Japans vor den Toren Nagasakis.

Nachdem 1603 Tokugawa die Macht übernommen hatte und das neue Shogunat gefestigt war, ging auch er gegen die Christen vor. Christliche Missionare wurden des Landes verbannt und spanische sowie portugiesische Händler, die nicht bereit waren Handel und Religion zu trennen, wurden ausgewiesen. Lediglich Holländer und Chinesen war es weiterhin gestattet auf einer künstlich geschaffenen Insel vor Nagasaki, Dejima, mit den Einheimischen Handel zu treiben. Abgesehen von Dejima war Japan für knapp 200 Jahre weitestgehend von äußeren Einflüssen abgeschottet (sakoku).

Dies diente dem Zweck, das aufblühende Christentum in Japan zu ersticken. Tokugawa Ieyasu und seine Nachfolger machten sich gründlich daran, die christlichen Japaner auszurotten. Bekannte Christen mussten ihrem Glauben öffentlich abschwören und Kreuze verbrennen oder christliche Bilder mit Füßen treten. Es wurden Belohnungen ausgesetzt für jene, die Christen denunzierten. Jeder Japaner musste in einem buddhistischen Tempel registriert sein, sonst drohten Folter und Tod. Wer unter Verdacht stand, Christ zu sein, dessen Besitz wurde durchsucht, er wurde peinlichst befragt oder musste beispielsweise eine Marienstatue anspucken. Zwischen 1597 und 1873 sollen in Japan etwa 40.000 Christen gestorben sein.

Christliche Messe in Japan im 16./17. Jahrhundert. (Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain).

Christliche Messe in Japan im 16./17. Jahrhundert.

Trotzdem haben Christen in Japan überlebt. Sie haben schriftliche Zeugnisse vernichtet und ihr Wissen ausschließlich mündlich weitergegeben. Sie verzichteten weitgehend auf Kreuze und christliche Darstellungen oder versteckten sie geschickt. Kreuze wurden in das Gebälk eines Hauses integriert. Bildnisse und Statuen wurden stark an buddhistische Darstellungsweisen angepasst, sodass eine Marienfigur für eine Darstellung des Bodhisattva Kannon gehalten werden konnte. Rituale wurden auf ein Minimum beschränkt: Es gab keine Sonntagsgottesdienste, da sie zu auffällig gewesen wären. Ostern und Weihnachten wurden jedoch gefeiert und waren die wichtigsten Feste im Jahreslauf.

Es gab auch weiterhin eine Priesterschaft, die sich dem Wohl der Gläubigen widmete, doch bestand diese in einer Gemeinde meist nur aus maximal drei Personen. Einem Leiter der Zeremonien und Rituale; jemandem, der die Taufe durchführte und einer Person, die bei den Zeremonien assistierte. Über die Zeit und je nach dem, wie abgelegen die Gemeinde lebte, verschmolzen diese Aufgaben miteinander und wurden auf eine Person vereint. Statt Wein und Brot wurde bei den Zeremonien Reis, Fisch und Sake verwendet. Die Gebete und Rezitationen waren auf Portugiesisch, Spanisch oder Latein und wurden mit der Zeit der japanischen Aussprache angepasst. Dies führte jedoch dazu, dass sie heute kaum noch Sinn ergeben, wenn sich ihre Herkunft nicht mehr rekonstruieren lässt.

Erst nach der erzwungenen Öffnung Japans für den Rest der Welt durch US-Kriegsschiffe unter Commodere Matthew Perry 1853 kamen wieder Christen von außerhalb ins Land. Niemand wusste bis zu jenem Zeitpunkt, dass es auch innerhalb Japans noch versteckte Christen gab. Doch 1865 berichtete der katholische Priester Bernard Petitjean, dass 15 Bauern nachts zu ihm kamen und ihn fragten, ob er an das gleiche glaube wie sie: O Deusu Sama, O Yasu Sama, O Maria Sama – Gott (lat. Deus), Jesus und Maria. Petitjean war begeistert von dieser Entdeckung und ermunterte die versteckten Christen dazu, sich zu erkennen zu geben und ihren Glauben offen zu leben. Doch war das Christentum offiziell noch immer verboten. Es folgte eine Verhaftungswelle, von den 3.400 Gefangenen sollen viele gefoltert worden sein, 36 fanden den Tod.

1870 wurde endlich das Verbot des Christentums aufgehoben. In der neuen japanischen Verfassung, die 1889 erlassen wurde (Meiji-Restauration), wurde erstmals eine allgemeine Religionsfreiheit festgeschrieben. Danach zog es nicht nur Katholiken sondern auch Protestanten nach Japan, welches in seiner Auslegung auf die Samurai anziehend wirkte, die nach der Meiji-Restauration ihre angestammte Rolle in der japanischen Gesellschaft verloren hatten. Auch viele kakure kirishitan hatten sich Katholiken oder Protestanten angeschlossen, doch die Mehrheit schien sich nach der Verfolgungswelle im 19. Jahrhundert wieder zurückgezogen und im Geheimen praktiziert zu haben.

Heute ist bekannt, dass es in der Präfektur Nagasaki in den Distrikten Ikitsuki-Hirado, Sotome und auf den Goto-Inseln noch kakure kirishitan gibt, die durch den Dokumentarfilm „Otaiya” von Christal Whelan einem breiteren Publikum bekannt wurden. In den kommenden Jahren und Jahrzehnten könnten diese einzigartigen Gemeinschaften jedoch aussterben. Denn auch die kakure kirishitan bleiben von niedrigen Geburtenzahlen, der Überalterung der Gesellschaft und der Abwanderung junger Menschen in die Städte nicht verschont. Die meisten Jugendlichen interessieren sich zudem nicht für ihr christliches Erbe.

Schätzungsweise könnte es 300 bis 400 kakure kirishitan Familien geben, dazu kommen noch verstreute Einzelpersonen. Aufgrund der tief verwurzelten Tradition der Geheimhaltung sind genaue Zahlen unmöglich zu finden. Bis heute könnte es noch mehr kakure kirishitan geben, die ihre Religion verheimlichen. Nicht, weil sie Angst vor Verfolgung haben, sondern aus Respekt vor ihren Ahnen, die sich für ihre religiöse Überzeugung aufopferten.

Quelle: Kasahara, Kazuo: A History of Japanese Religion. Kosei Publishing, Tokyo 2001. Chapter 16 Christianity in the Edo Period. S. 421-440

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.