Hassan al-Banna und die Muslimbruderschaft

Hassan al-Banna. (Quelle: Wikimedia Commons)

Hassan al-Banna.

Die Reformer des Islam Jamal ad-Din al-Afghani, Muhammad Abduh und ihre Schüler haben viele Denker in der islamischen Welt beeinflusst. Dabei hat sich die Reformidee in sehr unterschiedliche Richtungen entwickelt. Besonders Rashid Rida legte mit seiner Ablehnung der Trennung von Staat und Religion sowie seiner Annäherung an den Wahhabismus die Grundlage für salafistisches und islamistisches Gedankengut heute. Einer der bedeutendsten Vertreter einer von Rashid Rida beeinflussten antikolonialen und streng islamischen Denkweise ist Hassan al-Banna (1906-46), welcher die Muslimbruderschaft begründete.


Hassan al-Banna wurde 1906 in al-Mahmudiya als ältestes von sieben Kindern geboren. Sein Vater war Uhrmacher, der in der heimatlichen Kleinstadt auch die Ämter des Vorbeters und des Freitagspredigers innehatte. Hassan besuchte als Kind zunächst eine private Schule mit ausschließlich religiös ausgerichtetem Lehrplan und wechselte 1918 auf eine staatliche Schule, deren Lehrplan über Religion hinausging. Nebenbei half er seinem Vater in der Uhrmacherwerkstatt.
Mit 13 besuchte er das Seminar für Grundschullehrer in der Provinzhauptstadt Damanhur und machte nach seinem Abschluss eine Lehrerausbildung in Kairo. Nach seiner Ausbildung wurde Hassan nach Ismailia geschickt, einer Stadt in der Suezkanalzone. Der Aufenthalt dort hat ihn stark geprägt, denn ihm wurden die eklatanten Unterschiede in den Lebensumständen von Briten und Ägyptern deutlich vor Augen geführt.

Bereits in seiner Schulzeit hatte Hassan al-Banna einen Verein zur Unterbindung unislamischen Verhaltens gegründet. Enge Verbindungen zum sufischen Hasafiya-Orden ermöglichten ihm die Gründung einer Hasafitischen Wohltätigkeitsgesellschaft, welche Charakteristika eines Sufi-Ordens mit denen eines Vereines verband. Auch dieser Verein hatte das Ziel unislamisches Verhalten einzuschränken und den regen missionarischen Bemühungen evangelikaler Christen in Ägypten entgegenzuwirken.

Logo der Muslimbruderschaft, ein Koran über gekreuzten Schwertern, darunter

Logo der Muslimbruderschaft, ein Koran über gekreuzten Schwertern, darunter „und bereite vor“ auf Arabisch.

Seine Erfahrungen in Ismailia befeuerten seinen Antikolonialismus und sein Werben für den Islam. 1928 gründete er mit Gleichgesinnten die Muslimbruderschaft (arab. al-ichwān al-muslimūn) – oder offiziell die Vereinigung Muslimischer Brüder. Das Programm der Muslimbrüder umfasste zunächst vor allem Bildungsangebote, die zumeist von al-Banna selbst gegeben wurden. Nachdem die Bruderschaft 1930 als wohltätiger Verein offiziell registriert war, wurden in den Folgejahren eine Moschee, eine Jungen- sowie eine Mädchenschule eröffnet.

1932 ließ sich Hassan al-Banna nach Kairo versetzen und baute die Muslimbruderschaft weiter aus. Die Vereinigung organisierte dienstägliche Gespräche, Konferenzen und vereinseigene Publikationsmöglichkeiten. Ihre Offenheit für alle Bevölkerungsschichten – sowohl Unter- und Mittelschicht als auch Intellekutelle, Studenten und Religionsgelehrte – machte die Muslimbrüder zu einem Massenphänomen. Hassan al-Banna reiste zudem durch Ägypten, baute Zweigstellen auf und warb bei den Verantwortlichen in den Provinzen für seine Organsiation. Innerhalb von drei Jahren wuchs die Zahl der Zweigstellen von 15 auf über 100. Auch über die ägyptischen Grenzen hinaus wurde für die Muslimbrüder geworben, besonders durch Anhänger und Sympathisanten, die im Ausland studierten.

Mit dem Umzug nach Kairo zeigten die Muslimbrüder verstärkt politische Ambitionen. Besonders deutlich wurde dies zu Beginn des palästinensischen Aufstandes 1936 für den die Muslimbrüder Massendemonstrationen organisierten und zu Spenden für den arabischen Widerstand aufriefen. Dadurch gerieten sie erstmals ins Visier der Polizei.

Hassan al-Banna mit Anhängern. (Quelle: Wikimedia Commons)

Hassan al-Banna mit Anhängern.

Die britische Vorherrschaft in Ägypten wurde von al-Banna in immer deutlicheren Worten kritisiert. Um seinen Einfluss einzuschränken, wurde er 1941 zunächst strafversetzt und später verhaftet. Nachdem Zehntausende mittels einer Petition gegen die Verhaftung protestierten, musste al-Banna wieder aus der Haft entlassen werden. Die zuvor verbotenen Publikationen und Treffen der Muslimbrüder blieben weiterhin untersagt. Nachdem Hassan al-Banna zweimal versuchte ins Parlament gewählt zu werden und nur mit politischen Zugeständnissen an die Muslimbrüder davon abgebracht werden konnte, musste er auf britischen Druck hin den staatlichen Schuldienst verlassen.

Vor seinem Engagement bei den Muslimbrüdern ließ Hassan al-Banna sich dadurch nicht abbringen. Vielmehr organisierte er die Vereinigung nach dem Zweiten Weltkrieg neu. Frauen wurden verstärkt eingebunden, in der Medizin und Industrie wurden durch den Aufbau von Apotheken und Fabriken aktiv Arbeitsplätze geschaffen. Während der Nachkriegszeit wurde jedoch auch die militärische Ausbildung der Mitglieder vorangetrieben. Erste Anschläge auf britische und ägyptische Behörden und Einrichtugen wurden verübt.

Die Muslimbrüder engagierten sich zudem für den palästinensischen Kampf gegen den 1948 gegründeten israelischen Staat. Da sie dafür auch auf jüdische Einrichtungen in Ägypten Anschläge verübten, wurde die Bruderschaft von der Obrigkeit aufgelöst. Doch Hassan al-Bannas Engagement blieb ungebrochen, bis er am 12. Februar 1949 einem Attentat zum Opfer fiel, von dem man heute annimmt, dass es auf das Konto der ägyptischen Geheimpolizei geht.

Mit dem Tod al-Bannas gewann die Muslimbruderschaft ihren ersten Märtyrer, der bis heute sehr verehrt wird. Doch alle Bestrebungen der Obrigkeit, die Muslimbrüder mit dem Mord ihres bedeutendsten Anführers zu zerschlagen, scheiterten.

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