Rezension: „Islamische Kultur und Geschichte“ von Peter Ortag

Die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung hat die zweite Auflage ihres Islambuches „Islamische Kultur und Geschichte. Ein Überblick” herausgebracht. Bereits im Vorwort verspricht der Autor Peter Ortag Informationen „jenseits von mehr oder weniger begründeten Ängsten, aber auch von verklärender Orient- und Multikulti-Romantik” (S. 9). Die Lektüre des Buches verfehlt jedoch sein Ziel „durch Wissen mehr Gelassenheit im Umgang mit dem Islam zu erreichen” (S. 9), vielmehr gibt es vorhandenen Ängsten Nahrung und weist zudem deutliche Schwächen in Form und Inhalt auf.

Zunächst einmal die Basisinformationen: „Islamische Kultur und Geschichte” ist ein 172 Seiten starkes Büchlein, welches dem interessierten Leser den Zugang zum Thema Islam eröffnen soll. Für diesen Zweck besteht der Text aus zwei Teilen. Der erste Teil beschäftigt sich mit den Grundlagen des Islam. Dazu zählt der Autor einerseits die religiösen Grundlagen wie den strikten Monotheismus, die sogenannten „fünf Säulen”, die Rolle der Frau, die Scharia sowie die verschiedenen Strömungen innerhalb des Islam. Andererseits behandelt er die Bedeutung von Koran und Sunna, Moscheen, Feierlichkeiten nach islamischem Kalender und die bedeutende Rolle des Arabischen. Damit werden von ihm die grundlegenden Überzeugungen im Islam behandelt, er geht jedoch auch auf umstrittene Themen ein wie Dschihad und Kopftuch.

Der zweite große Teil gibt einen Überblick über die „Geschichte des Islam”. Es ist eine Mammutaufgabe, Jahrhunderte islamischer Herrschaft auf drei Kontinenten zu behandeln – noch dazu auf knapp 100 Seiten. Der Autor spannt den Zeitrahmen von Muhammad und den vier rechtgeleiteten Kalifen über die Kalifate von Damaskus und Bagdad, das Osmanische Reich bis hin zu Kolonialismus, Unabhängigkeitsbestrebungen nach dem Zweiten Weltkrieg sowie modernen Konflikten und Entwicklungen. Zudem wurde noch jeweils ein Kapitel zum Islam in Amerika und Europa angehängt.

Inhaltliche Schwächen und problematische Einseitigkeit

Bereits im Inhaltsverzeichnis fallen die zahlreichen Unterkapitel auf. Davon ließen sich einige zusammenfassen ohne übermäßig lange Abschnitte entstehen zu lassen. Beispielsweise behandeln die Kapitel über den „Einen Gott” und die „eine Religion” den strengen Monotheismus des Islam. Im Kapitel über Ver- und Gebote, Religion im Alltag und die Rolle der Frau mischen und wiederholen sich Elemente des Familienlebens, wobei Verbote im Vordergrund stehen. Die Kapitel im historischen Teil sind noch stärker fragmentiert, sodass größere Zusammenhänge kaum zu erfassen sind. Der Nahostkonflikt taucht z. B. an zwei unterschiedlichen Stellen auf. Dem Verständnis ist das nicht zuträglich.

Auffallend ist neben der dem Umfang des Buches geschuldeten Oberflächlichkeit eine Einseitigkeit in der Behandlung umstrittener Themen, die geradezu tendenziös ist. Der Islam sei „für das christliche Europa immer eine Schreckensvision” (S. 8) geblieben. Frankreich und Großbritannien stünden „vor dem Scheitern ihrer Integrationsmodelle” (S. 9) und auch Deutschland sieht Ortag in Gefahr. Angefügt an diese dramatische Eröffnung sind Übersichten über den muslimischen Anteil am Bevölkerungswachstum der nächsten Jahre. Es fehlt jedoch eine Einordnung dieser Zahlen. Wozu sollen sie dienen? In welchem Zusammenhang stehen sie mit dem Vorhaben des Autors? Und warum sind sie bedeutsam genug, um ins Vorwort aufgenommen zu werden? Auf diese Frage findet sich keine Antwort im Buch.

Dem Ende des Buches fehlt zwar ein Fazit, doch das hält den Autor nicht davon ab, die eingangs beschworene Dramatik der Situation in Deutschland hervorzuheben. „Kontakte zwischen Deutschen und den muslimischen Mitbürgern und Zuwanderern gibt es nur marginal.” (S. 161) „[Die] Kluft zwischen den islamischen Ethnien und den ‚Eingesessenen’ scheint zu wachsen” (ebd.) Es wird weder geklärt, was „islamische Ethnien” sein sollen, noch wird die Arbeit der Islamkonferenz, privater Initiativen oder Aktionen von Unternehmen, die zur Integration sowohl von muslimischen als auch nicht-muslimischen Zuwanderern beitragen, für erwähnenswert gehalten. Engagement, das auch in Sachsen mit Auszeichnungen gewürdigt wird, wie dem jährlich verliehenen Integrationspreis. Zwar sieht Ortag die Religion als Identitätsstifter, doch nur als „Kitt, der die Diaspora in ‚Feindesland’ zusammenhält” (S. 161) Verschwiegen wird, dass die religiöse Identität nicht nur Integrationshemmer sein kann, sondern auch Integrationsmotor. Dies zeigen viele muslimische und Moscheevereine sowie andere Organisationen, die ihren Besuchern Deutschunterricht anbieten und beim Ankommen in der neuen Heimat helfen.

Der Rolle der Frau wird ein ganzes Kapitel gewidmet, in der sie sich jedoch maximal zur freiwillig Kopftuch tragenden, aus dem Hintergrund agierenden Familienfigur aufschwingt. Von der progressiven Haltung, welche die Rolle der Frau in der Entstehungszeit des Islam darstellte, ist nicht die Rede. Und schon gar nicht vom modernen islamischen Feminismus, den es nicht nur im europäischen Kontext gibt sondern auch in islamischen Ländern.

Viel Aufmerksamkeit widmet der Autor Peter Ortag jedoch dem Dschihad. Er findet sogar im Kapitel über die „Fünf Pfeiler” des Islam Platz, obwohl er – wie der Autor einräumt – nicht zu ihnen gehört. Warum der Dschihad trotzdem in dieses Kapitel aufgenommen wurde, bleibt unbegründet. Im Zentrum steht wenig überraschend der kriegerische Aspekt des Dschihad, erst „[die] moderne islamische Theologie fasst den Begriff des Dschihad weiter als nur im  militärischen Sinne.” (S. 26) Doch bereits im Koran handelt der Großteil der Dschihad-Erwähnungen nicht von Kriegsführung, sondern von dem Einsatz für die Sache Gottes. Zudem spielte selbst in der Anfangszeit des Islam das kriegerische Konzept des Dschihad hauptsächlich in den Gebieten eine Rolle in denen es tatsächlich zu kriegerischen Auseinandersetzungen kam, andernorts war der Dschihad eher unbedeutend.

Umschrift und Formfragen

Die erste Auflage des Buches war leider noch voller Rechtschreib- und Grammatikfehler. Diese wurden glücklicherweise für die zweite Auflage korrigiert. Immer noch fehlt bei dem Großteil der zahlreichen Abbildungen jedoch eine Quellenangabe, sodass unklar bleibt, ob der Autor sie eigens für das Buch erstellt hat und aus welchen Quellen die Angaben stammen. Über den Autor selbst finden sich weder im Buch Informationen noch lässt eine Internetrecherche eindeutige Rückschlüsse auf die Profession von Herrn Ortag zu. Es scheint zumindest unwahrscheinlich, dass er eine arabistische, religionswissenschaftliche oder journalistische Ausbildung durchlaufen hat.

Darauf deutet bereits die Verwendung der Umschrift für arabische, türkische und persische Begriffe hin. Dem Leser wird zu Beginn des Buches der Hinweis gegeben, dass die Transkriptionen „nicht immer gleich und eindeutig” (S. 12) seien. Doch hat sich selbst bei eingedeutschten Begriffen meist eine bestimmte Schreibweise durchgesetzt und darüber hinaus gibt es die wissenschaftliche Umschrift gemäß der DMG (Deutsche Morgenländische Gesellschaft), welche der Autor bei seiner Übersicht über die arabische Sprache (S. 56/57) – wenn auch fehlerhaft – nutzt. Inzwischen ist diese Umschrift bei gängigen Begriffen sogar auf den jeweiligen Seiten der Wikipedia zu finden.

A propos Begriffe: Im Verlauf der Lektüre des Buches tauchen immer wieder veraltete oder unpassende Begriffe auf, dazu gehören „mohammedanisch”, „die Lehre Mohammeds”, „Schismatiker” und „Ungläubige”. „Die Lehre Mohammeds” und „mohammedanisch” benutzte man bis ins 20. Jahrhundert als Synonym für „muslimisch” oder „islamisch”, verzichtet inzwischen jedoch darauf, da Muhammad als Prophet zwar eine zentrale Position im islamischen Glauben einnimmt, aber nicht Gegenstand der Anbetung ist. Die Bezeichnung von Nicht-Muslimen als „Ungläubige” ist in dieser Häufigkeit – trotz Anführungszeichen – unpassend. Es gibt ausreichend alternative Beschreibungen diese Gruppe zu charakterisieren, um auf die Verwendung eines negativ besetzten Begriffes verzichten zu können. Es schadet zudem der Neutralität des Textes. Besonders auffällig ist zudem die häufige Verwendung des Wortes „Schismatiker” für Anhänger schiitischer Glaubensströmungen. Es ist für eine Einführung, die neutral über einen Gegenstand berichten sollte, unangemessen. Da Ortag gerne christliche Vergleiche heranzieht, wäre dies in etwa so als würde man Protestanten heute noch als Schismatiker bezeichnen.

Koranübersetzung und Islam-Einführungswerke

Vielleicht liegt die Verwendung veralteter Begriffe auch darin begründet, dass der Autor die „allgemein respektierte deutsche Koran-Ausgabe des Max Henning” (S. 46) benutzt. Die Übersetzung stammt von 1901 und auch wenn es sich um eine solide Übersetzung handelt, ist sie heute schlicht überholt. Es gibt inzwischen bessere Alternativen: Wem es um leichte Lesbarkeit geht, dem sei Hans Zirker empfohlen. Für wissenschaftliche Zwecke eignet sich die Übersetzung von Rudi Paret. Hartmut Bobzin verbindet in seiner Koranausgabe Lesbarkeit mit philologischen Ansprüchen.

Jedem Interessierten am Thema Islam kann ich nur empfehlen, sich nicht mit Peter Ortags „Islamische Kultur und Geschichte” aufzuhalten. Es gibt bereits ebenso kurz gehaltene, aber fundierte Einführungswerke zum Thema. Der Islamwissenschaftler Heinz Halm hat auf unter 100 Seiten eine kurzweilige Einführung zum Islam geschaffen, erschienen in der Beck’schen Reihe für kleines Geld. Etwas ausführlicher und mit besonderem Augenmerk auf aktuellen Entwicklungen ist „Islam. Eine Ideengeschichte” von Rüdiger Lohlker, erschienen in der UTB-Reihe. Mit über 600 Seiten eine Mammuteinführung bietet Rainer Brunner, der ganz frisch 2016 „Islam. Einheit und Vielfalt einer Weltreligion” herausgegeben hat, welches gute Chancen hat, zum Standardwerk zu avancieren. Egal mit welcher Intensität der interessierte Leser in das Thema eintauchen will, alle drei Werke übertreffen das Büchlein der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung bei Weitem.

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