Die Ausweisung der Juden aus England 1290

Die Ausweisung der Juden aus Spanien ist wohl die bekannteste Vertreibung dieser religiösen Gemeinschaft, doch es ist bei weitem nicht die einzige in der europäischen Geschichte. Zwischen dem 12. und 17. Jahrhundert haben mindestens 18 Länder wiederholt dafür gesorgt, dass die jüdische Bevölkerung auswandern musste. Eines dieser Länder war England, welches 1290 ein Ausweisungsedikt erließ und erst 360 Jahre später – wenn auch nicht aufhob so doch zumindest nicht mehr durchsetzte.

Ausweisung von Juden in Europa zwischen 1100 und 1600. (Quelle: Ecelan via Wikimedia Commons, Lizenz CC-BY-SA 3.0)

Ausweisung von Juden in Europa zwischen 1100 und 1600.

Die erste jüdische Gemeinde nennenswerter Größe ist in England für das 11. Jahrhundert belegt. Im Zuge der Eroberung durch Wilhelm I. waren auch Juden mit ihm auf die britischen Inseln gekommen. Wie in vielen Ländern Europas übernahmen in England Juden die Aufgabe von Geldverleihern. Das Verbot, Zinsen zu nehmen, galt ausschließlich für Christen. In der jüdischen Religion gibt es für Juden und Nicht-Juden kein solches Verbot. Dies hatte zur Folge, dass die wirtschaftliche Rolle von Juden in England enorm war.

Ergänzend dazu war das gesellschaftliche Verhältnis zum König ein ganz anderes als für den Rest der Bevölkerung. Waren Letztere zunächst einmal ihrem Lord oder ähnlichem unterstellt, waren die jüdischen Gemeinden direkt dem König untergeordnet. Das bedeutete auch, dass der König sie direkt besteuern konnte ohne das Parlament einbestellen zu müssen. Je nach herrschendem König konnte sich das auf das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben der Juden positiv oder negativ auswirken.

Aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit waren Juden in weiten Teilen der englischen Bevölkerung und der Kirche nicht beliebt. Wurden sie noch dazu vom König milde besteuert, verhärtete sich der vorherrschende Antisemitismus. Es zirkulierten Legenden von Ritualmorden und von der Jagd auf Kinder. Angeblich würden Juden das Blut der Kinder benutzen, um zum Pessachfest Matzen (ungesäuertes Brot) zu backen. Immer wieder kam es in der englischen Geschichte zu Massakern an und Aufständen gegen Juden, insbesondere während des Vorabends des Dritten Kreuzzuges im 12. Jahrhundert (1189 in London, 1190 in York). Im Vorfeld des Vierten Kreuzzuges wurde von Seiten der Regierung Vorsichtsmaßnahmen getroffen, die erneute Ausbrüche dieser Art verhinderten.

Das bedeutete jedoch nicht, dass Juden von staatlicher Diskriminierung verschont blieben. Ab 1218 waren sie erstmals verpflichtet ein Abzeichen als Kennzeichen ihrer Religion zu tragen. Bereits drei Jahre nach dem Regierungsantritt von König Edward I. wurde 1275 das „Statute of the Jewry” erlassen. Das Statut verbot die Verleihung von Geld mit Zinsen, schränkte die Bewegunsfreiheit ein und führte zur Verhaftung von mehr als 300 Juden. Ab 1276 wurden Juden von Edward I. stark besteuert, um seinen Krieg gegen Wales zu finanzieren.

Vermutliches Bildnis Edwards I. (Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vermutliches Bildnis Edwards I.

Erstes Vorzeichen für das, was den englischen Juden bevorstand, war 1287 die Ausweisung der Juden aus der Gascogne, ehemals französisches Gebiet jenseits des Kanals. Der jüdische Besitz wurde von der englischen Krone eingezogen und ausstehende Schulden gingen ebenfalls an die Krone über. Nachdem Edward I. 1289 nach England zurückkehrt war, wollte er die Staatskasse mit heftigen Steuern seiner Ritter wieder auffüllen. Um diesen den finanziellen Verlust zu erleichtern, versüßte er ihn mit der Aussicht auf die Ausweisung aller Juden aus England.

Sowohl in Hof- und Regierungskreisen als auch in der einfachen Bevölkerung stieß die Aussicht auf ein Ausweisungedikt auf Zustimmung. 1290 wurde das Edikt erlassen und sofort durchgesetzt. Im Allgemeinen leisteten die Juden kaum Widerstand. Manchen wurde gestattet, ihren Besitz vorher zu verkaufen, doch die meisten Betroffenen mussten mit dem gehen, was sie tragen konnten. Ziel der meisten Emigranten waren nahegelegene Länder: Schottland, Frankreich, die Niederlande. Doch auch Polen war beliebt, da Juden dort zu jenem Zeitpunkt unter besonderem Schutz standen.

Bis zur offiziellen Rückkehr der Juden 1655 finden sich von ihnen keine offiziellen Spuren mehr in England. Auch wenn bereits ab 1310 Versuche unternommen wurden, das Ausweisungsedikt zu kippen, scheiterten sie allesamt. Nachdem auch auf der Iberischen Halbinsel 1492 ein Ausweisungsedikt erlassen wurde, könnte es im Geheimen auch Flüchtlinge nach England verschlagen haben. Doch ihre Zahlen bleiben gering. Denn wer unter Verdacht gerät, Jude zu sein, muss im besten Fall mit Verhaftung rechnen. Im schlimmsten Fall kostet der Verdacht das Leben.

Im 17. Jahrhundert unterbreitete der Rabbi der jüdischen Gemeinschaft von Amsterdam, Menasseh Ben-Israel dem herrschenden Lordprotektor Oliver Cromwell den Vorschlag, das Ausweisungedikt aufzuheben und wieder offiziell Juden in England leben zu lassen. Auch wenn es zunächst nicht gelang, die formale Aufhebung durchzusetzen, wurde das Edikt zumindest nicht mehr durchgesetzt. Dieser Entscheidung waren heftige Diskussionen und ein regelrechter „Pamphlet Krieg” zwischen Befürwortern und Gegnern vorausgegangen. 1657 wurde die erste Synagoge Englands wieder eröffnet und bis 1690 hatten sich 400 Juden wieder permanent in England niedergelassen.

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