Judentum I: Einführung

Thorarolle in Köln. (Quelle: HOWI via Wikimedia Commons, CC-BY-SA 4.0)

Thorarolle in Köln.

In Deutschland leben derzeit ca. 100.000 Juden (Quelle: remid, Stand 2015). Im Fokus jüdischer Themen steht meist der Holocaust, der schätzungsweise sechs Millionen Anhängern dieser Religion das Leben kostete. Doch das jüdische Leben umfasst mehr als nur die lange, wechselvolle Geschichte der ältesten der drei abrahamitischen Religionen. Das Judentum ist eine facettenreiche Religion mit sehr unterschiedlichen Strömungen, denen gemeinsame Glaubensvorstellungen und daraus erwachsene religiöse Praktiken zugrunde liegen.

Im Zentrum jüdischen Glaubens steht ein einziger Gott, der jedoch mit verschiedenen Gottesnamen und -attributen ausgestattet wurde, sodass unter jüdischen Gelehrten zeitweise spekuliert wurde, ob es sich tatsächlich um einen oder möglicherweise um mehrere göttliche Mächte handelte. Sogar engelsverwandte Wesen wurden in die Diskussion eingebracht. Im Allgemeinen wird von den Bezeichnungen auf einen Gott geschlossen. Der heiligste Name ist das Tetragramm JHWH. Es auszusprechen ist Juden verboten. Je nach eingesetzten Vokalen –  wie im Arabischen besteht das Hebräische aus Konsonanten und erst später wurden diakritische Zeichen zur Kennzeichnung von Vokalen hinzugefügt – ergibt sich die Lesung jahwāh oder jahū (widergespiegelt beispielsweise in Namen wie Netanjahu). Das Tetragramm wird auch als Jehova gelesen, was auf eine falsche Interpunktion zurückzuführen ist: Die Vokalisierung eines anderen Gottesnamens wurde auf JHWH angewendet. Bei diesem Namen handelte es sich um Adonai, der hebräische Begriff für „Herr“. Eine weitere Gottesbezeichnung ist Ālohīm, der Plural von Āloh, was „Gott“ bedeutet.

Tetragramm in der Karlskirche in Wien, Österreich. (Quelle: Wikimedia Commons, public domain)

Tetragramm (mit beschriebener falscher Interpunktion) in der Karlskirche in Wien, Österreich.

Wer ist Jude?

Wer also an diesen Gott glaubt, ist automatisch Jude? Ganz so einfach sieht es das jüdische Recht nicht. Demnach gilt als Jude, wer

  • von einer jüdischen Mutter geboren wurde. In reformjüdischen Strömungen hat sich diese Ansicht gelockert und so gilt als Jude, wer ein jüdisches Elternteil hat.
  • ritualgerecht zum Judentum übergetreten ist. Für eine Konversion zum Judentum müssen verschiedene Bedingungen erfüllt werden: Die ernsthaften Absichten des Konvertiten werden geprüft und ein religiöses Gericht entscheidet dann über den Konvertiten. Eine rituelle Reinigung ist notwendig und wird durch Untertauchen im rituellen Bad (mikwe) absolviert. Da jüdische Männer im Kindesalter beschnitten werden, ist – je nach Strömung – eine tatsächliche oder zumindest symbolische Beschneidung notwendig. Letztere mitunter auch für Frauen. Im Reformjudentum wird statt der Formalien mehr Wert darauf gelegt, dass der Konvertit die jüdische Kultur und Religion studiert, sich in der Gemeinde engagiert und an Gottesdiensten teilnimmt.

Religiöse Grundlagen

Die Ritualpraxis nimmt im Judentum einen wichtigen Platz ein. Der direkte Zugang zu Gott erschließt sich im privaten und gemeinschaftlichen Rahmen über das Gebet. Es kann unterschiedlichste Formen annehmen – vom stillen, persönlichen Gebet bis zu den drei (am Schabbat vier) synagogalen Gottesdiensten am Tag.

  • Abendgottesdienst: Ma’ariw (Arawit)
  • Morgengottesdienst: Schacharit
  • am Schabbat oder an Feiertagen: Musaf
  • Nachmittagsgottesdienst: Mincha
  • am Versöhnungstag zusätzlicher fünfter Gottesdienst: Nei’la

Zwei Gebeten kommt im Gottesdienst die wichtigste Rolle zu: Schmah Jisrael („Höre, Israel“) und Amida („stehen“) beziehungsweise Schemone Esreh („achtzehn“). Das Schmah Jisrael wird allerdings nicht im Nachmittagsgottesdienst gesprochen.

Thora und Talmud

Darüberhinaus sind Thora-Lesungen ein wichtiger Bestandteil der Gottesdienste. Die Thora, der hebräische Text der fünf Bücher Mose (Pentateuch), wird in der Synagoge im Thora-Schrank aufbewahrt. Sie wird von speziall ausgebildeten Schreibern angefertigt und die Stäbe, auf welcher die Thora aufgerollt ist, sind oft kunstvoll verziert. Wird die Thora nicht benutzt, ist sie von Thorawickeln und einem Mantel geschützt. Wird während des Gottesdienstes aus ihr rezietiert, geschieht das von der Bima aus, einem erhöhten Platz, von dem aus jeder Anwesende die Rezitation hören kann. Da die Thora heilig ist, benutzt man während der Rezitation einen speziellen Stab (Jad), um den Worten nicht mit dem Finger zu folgen.

Jad, Zeigestab zur Thoralesung. (Quelle: Roy Lindemann via Wikimedia Commons, CC-BY-SA 4.0)

Jad, Zeigestab zur Thoralesung.

Im rabbinischen Judentum, welches das Fundament für alle jüdischen Strömungen ist, gibt es neben der schriftlich niedergelegten Thora auch eine mündliche Tradition, daher spricht man häufig von einer „doppelten Thora“. Die mündliche Thora wird im Talmud diskutiert und zeigt Möglichkeiten der Auslegung der Thora in Praxis und im Alltag. Grundlage des Talmud ist die Mischna, ein im 2. Jh. u. Z. unter Jehuda ha-Nasi geschaffener Kodex. In sechs Bänden versuchte er sich an der ersten Systematisierung des jüdischen Glaubens. Spätere Gelehrte diksutierten die Mischna und so entwickelte sich eine Art Kommentar, die Gemara. Wiederum auf dem Talmud beruht die Halacha, das jüdische Gesetz. Sie umfasst die unterschiedlichen rechtlichen Auffassungen von Gelehrten sowie rabbinische Gesetzgebungen und Responsen.

Strömungen

In der jüdischen Geschichte exisiterten immer verschiedene geistige Strömungen nebeneinander. Im 1. Jh. u. Z. waren das beispielsweise die Pharisäer (aus denen sich das rabbinische Judentum entwickelte), die Sadduzäer, die Essener und die Zeloten. Auch im heutigen Judentum hat sich eine vielfältige Auslegung der religiösen Vorstellungen erhalten. Die wichtigsten Strömungen sind das orthodoxe, das konservative und das Reformjudentum.

Als ‚orthodox‘ bezeichneten erstmals jüdische Reformer ihre traditionalistischen Gegenspieler. Da unter diese Bezeichnung sehr viele unterschiedliche Gruppierungen fallen, ist eine gemeinsame Charakterisierung kaum möglich. Versuche betonen die Verbindlichkeit des jüdischen Gesetzes (Halacha) oder den Glauben an die göttliche Offenbarung der Thora. Doch leider sind diese Merkmale nicht exklusiv orthodox. Einziger Wegweiser kann hier das inzwischen zur Selbstbezeichnung gewordene „orthodox“ oder „thoratreu“ sein.

Auch im konservativen Judentum spielt die Halacha eine zentrale Rolle. Allerdings sind konservative Juden – im Gegensatz zur Orthodoxie – eher bereit die jüdischen Vorgaben an moderne Verhältnisse anzupassen. Entstanden ist das konservative Judentum in Nordamerika und bis heute ist es dort stark vertreten: Ein Drittel der Juden bekennt sich zu dieser jüdischen Spielart.

Das Reformjudentum entwickelte sich im 19. Jh. in Deutschland. Im Zentrum stand das Bestreben, jüdische Ritualpraxis zu modernisieren. Das betraf die Einführung der Landessprache für Predigt und Gebete wie auch Musik im Gottesdienst. Doch bald traten immer deutlicher theologische Streitfragen in den Vordergrund. Der aufkommende Fortschrittsglaube führte im Reformjudentum zum Begriff der „fortschreitenden Offenbarung“, die sich überkommener Überzeugungen, wie des Messiasglaubens, entledigte. Die Überzeugungen der Reformer einer vollständigen Akkulturation im Heimat- bzw. Gastland wurde durch den Antisemitismus des 20. Jh. und den Holocaust (Schoah) zerrüttet. Die Erfahrungen der Schoah haben vielfach Eingang in die Liturgie gefunden, die im Reformjudentum einen wichtigen Rolle spielt.

Literaturempfehlungen:

  • Solomon, Norman: Das Judentum. Reclam, Stuttgart 2009.
  • Maier, Johann: Judentum. Studium Religionen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007.

 

Im nächsten Teil erwartet euch das jüdische Kalenderjahr mit all seinen faszinierenden Feiern. Hinterlasst mir eine Nachricht, welche jüdischen Themen euch interessieren! Ich freue mich auf nächste Woche.

 

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2 Antworten zu “Judentum I: Einführung

  1. Gereon Vogel-Sedlmayr

    Wichtig finde ich noch die enorme kulturelle Macht, die von oftmals säkularisierten Juden ausgegangen ist und auch noch in der Popkultur ausgeht. Für eine so kleine Religion ganz ungewöhnlich! Spontan fallen mir Freud und Marx, Lou Reed, Leonhard Cohen und Bob Dylan, die Comickünstler Will Eisner, Art Spiegelman und Joann Sfar ein… aber sicherlich fallen Anderen noch viel mehr ein!

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