Judentum II: Jüdische Feste im Jahreslauf

Jüdischer Gemeindekalender von 1831.

Jüdischer Gemeindekalender von 1831. (Tomasz Sienicki, CC-BY-SA 5.0)

Auf den ersten Blick erscheint der jüdische Kalender verwirrend. Monate können mal 29, mal 30 Tage haben, das Jahr 12 aber auch 13 Monate und in 19 Jahren gibt es 7 Schaltjahre. Dafür wandert der Kalender harmonisch abgestimmt auf Jahreszeiten und Mondphasen durchs Jahr. Dadurch haben sich viele der wichtigen jüdischen Feste nicht nur ihren religiösen Kontext, sondern auch ihren landwirtschaftlichen Hintergrund bewahrt.


Dabei unterscheidet sich der jüdische Kalender deutlich vom christlichen und muslimischen Kalender. Während der christliche die Mondphasen gar nicht berücksichtigt, aber auf die Jahreszeiten abgestimmt ist, wandern die muslimischen Feiertage durchs ganze Jahr, weil dieser Kalender sich zwar mit den Mondphasen deckt, doch nicht mehr mit den Jahreszeiten. Da sich der jüdische Kalender sowohl mit Jahreszeiten als auch Mondphasen deckt, ergibt sich seine komplizierte Struktur mit extra Tagen, Monaten und Schaltjahren.

 

Jüdischer Monat Gregorianischer Kalender Feste
Nissan März-April Pessach
Ijar April-Mai  
Siwan Mai-Juni Shawout
Tammus Juni-Juli  
Aw Juli-August  
Elul August-September  
Tishri September-Oktober Rosh ha-Shana, Jom Kippur, Sukkot, Torahfreude-Fest
Cheshwan Oktober-November  
Kislew November-Dezember Channukka
Tewet Dezember-Januar  
Shwat Januar-Februar Neujahrsfest der Bäume
Adar Februar-März Purim
2. Adar im Schaltjahr  

 

Shabbat

In der Woche spielt der Shabbat eine wichtige Rolle. Er vergegenwärtigt den Abschluss der Schöpfung und ist daher ein besonderer Festtag. Zudem gilt er als Zeichen des Bundes zwischen Gott und dem Volk Israel, der einen Vorgeschmack gibt auf die erlöste Welt in messianischen Zeiten. Um dem feierlichen Charakter dieses Tages gerecht zu werden, gibt es detaillierte Vorschriften zu Arbeitsruhe und Bewegungsfreiheit.

Shabbat-Kerzen. (Olaf Herfurth, CC-BY-SA 3.0)

Shabbat-Kerzen. (Olaf Herfurth, CC-BY-SA 3.0)

Zusammenfassend sollte jegliche produktive Arbeit unterlassen werden. Die Mischna (siehe Einführung ins Judentum) listet 39 Arbeiten auf, die nicht verrichtet werden sollen. Daraus wurden weitere Verbote abgeleitet, z. B. das Verbot mit Gut und Geld zu handeln, eingeschränkte Transporttätigkeiten und das Verbot Feuer zu entzünden. Auch wenn diese Verbote in streng religiösen Haushalten beachtet werden, haben sich doch Möglichkeiten etabliert mit diesen Verboten umzugehen. Das Verbot des Feuer Entzündens – und damit im weiteren Sinne auch dem Einschalten von Elektrizität – begegnet man mit Zeitschaltuhren und Wärmeplatten. Im liberalen Judentum werden die Verbote meist nicht so streng ausgelegt. Doch auch da wird Arbeit soweit möglich vermieden und auf eine Abkehr von der wöchtenlichen Routine geachtet, wobei viel Wert auf die persönliche Gewissensentscheidung gelegt wird.

Der Shabbat beginnt – wie alle jüdischen Feiertage – am vorhergehenden Abend bei Sonnenuntergang. Um den Beginn des Shabbat zu kennzeichnen, werden Kerzen entzündet. Viele Familien besuchen gemeinsam die Synagoge und verbringen allgemein Zeit miteinander. Auch zum Ende des Shabbat wird eine Kerze entzündet um den Übergang zur Profanität der Arbeitswoche zu kennzeichnen.

Pilgerfeste: Pessach, Shawout, Sukkot

Drei wichtige Feste des jüdischen Kalenders waren ursprünglich Pilgerfeste, zu deren Feier man sich in den Tempel von Jerusalem begab. Auch wenn das mit der Zerstörung des Tempels nicht mehr möglich war, haben sich die Feste einen zentralen Platz im jüdischen Bewusstsein bewahrt. Alle drei sind sowohl mit bedeutenden Ereignissen der jüdischen Geschichte als auch mit agrarischen Bezügen verbunden.

Seder Tisch. (datafox, CC-BY-SA 3.0)

Seder Tisch. (datafox, CC-BY-SA 3.0)

Das Pessach-Fest wird vom 14. Bis 20. Nissan gefeiert, fällt also an den Beginn des Frühlings und dem Erblühen der Natur. An Pessach gedenken Juden dem Exodus aus Ägypten, wo sie als Sklaven dienten und von Moses aus der Knechtschaft befreit wurden. An diesen Tagen soll nichts Gesäuertes bzw. Gegärtees gegessen oder getrunken werden. Daher werden vor Pessach alle gesäuerten Lebensmittel entfernt und oft ist es Anlass für einen Frühlingsputz. Besondere Bedeutung kommt dem Vorabend des Pessach, dem Seder-Abend, zu. An diesem Abend gibt es ein Festessen und mit Gebeten sowie Rezitationen wird dem Auszug des Volkes Israel aus Ägypten gedacht.

Das zweite der drei Pilgerfeste ist Shawout, welches am 6. Siwan gefeiert wird. Im landwirtschaftlichen Jahreskreis steht Shawout für die Getreideernte und das Reifen der ersten Früchte. In religiöser Hinsicht feiern Juden an Shawout die Übergabe der 10 Gebote an Moses auf dem Berg Sinai und den Bund Gottes, den er mit dem Volk Israel eingegangen ist.

Nach jüdischer Überlieferung zog das jüdische Volk nach dem Exodus 40 Jahre lang durch die Wüste. Um sich das Leben in den leicht gebauten Hütten während der Wüstenwanderung zu vergegenwärtigen, wird im Spätsommer das Laubhüttenfest (Sukkot) gefeiert. Traditionell baut jede Familie eine Laubhütte, in der sie dann vom 15. Bis 21. Tishri wohnt. Zudem wird Sukkot als Fest des Erntedank begangen.

Feste der Ehrfurcht: Rosh ha-Shanah und Jom Kippur

Abgesehen von diesen Festen mit fröhlichem Hintergrund gibt es jedoch Feiertage, die mit mehr Ernst verbunden sind. Dazu gehört das Neujahrsfest (Rosh ha-Shanah), welches am 1. Tishri gefeiert wird. Dem Neujahr geht ein Monat der Sühne voraus, vergleichbar der christlichen Fastenzeit vor Ostern. Vierzig Tage umfasst die Sühnezeit, wobei die letzten zehn Tage als Jamim Norajim (Tage der Ehrfurcht) bezeichnet werden.

Eingeleitet werden die Jamim Norajim vom Neujahrsfest. Am Vorabend gibt es süße Speisen, welche den Überfluss symbolisieren: Brot, Honig und Äpfel. Zum Neujahr gibt es in der Synagoge meist einen langen Morgengottesdienst, zu welchem der Shofar (Horn eines Widders oder Steinbocks) geblasen und damit zur Buße aufgerufen wird. Ihren Abschluss finden die Tage der Ehrfurcht mit Jom Kippur am 10. Tishri.

Gebet mit Shofar in Jerusalem. (Mark Neyman, CC-BY-SA 3.0)

Gebet mit Shofar in Jerusalem. (Mark Neyman, CC-BY-SA 3.0)

Am „Versöhnungstag” finden viele Gläubige ihren Weg in die Synagoge, die sonst nicht am Gottesdienst teilnehmen. Eine besondere Rolle kommt dem Kol nidré zu, einem Gebet, dass an Jom Kippur meist abends gesprochen wird und mit dem alle Gelübde, die man versehentlich geleistet hat, für ungültig erklärt werden. Darüber hinaus ist Jom Kippur ein bedeutender Fastentag. Man sollte an diesem Tag weder essen noch trinken, sich nicht mit Ölen salben, keinen sexuellen Verkehr haben, sich nicht unnötig waschen und keine Lederschuhe tragen.

Kleinere Feste: Torahfreuden-Fest, Chanukka, Naujahrsfest der Bäume und Purim

Ein weiteres Fest im Monat Tishri ist das Torahfreude-Fest (Simhat Torah). Es beschließt die Torahlesung und bevor man wieder von vorne beginnt, wird die Torah feierlich durch die Synagoge getragen. An diesem Tag aus der Torah lesen zu dürfen, ist eine besondere Ehre.

Chanukkija der Grazer Synagoge. (Dnalor 01, CC-BY-SA 3.0)

Chanukkija der Grazer Synagoge. (Dnalor 01, CC-BY-SA 3.0)

Besonders bekannt – auch außerhalb der jüdischen Gemeinde – ist das sogenannte „Lichterfest”, Chanukka. Oft verglichen mit Weihnachten, hat es jedoch nicht mehr gemeinsam als Geschenke und den Monat der Feier, Dezember. Chanukka gedenkt an die Wiedereinweihung des Tempels 165 v.u.Z. sowie an das damit verbundene Ölwunder. Nachdem der Tempel von den Griechen zurückerobert war, reicht ein kleines Fläschchen geweihtes Öl statt nur einem Tag acht Tage. Um daran zu erinnern, entzünden Juden am 25. Kislev die erste Kerze am Chanukkaleuchter (Chanukkija) oder einer Menora. An den folgenden Tagen wird jeweils eine weitere Kerze angezündet bis alle acht oder neun Kerzen brennen.

Im jüdischen Kalender gibt es nicht nur Fasten- und Feiertage, sondern auch Halbfeiertage. Dazu gehört das Neujahrsfest der Bäume. Früher markierte es die Abgabe des Zehnten in Form von Früchten. Heute ist es in Israel ein schulfreier Tag an dem häufig Bäume gepflanzt werden.

Am 14./15. Adar wird Purim gefeiert. Dabei handelt es sich streng genommen nicht um einen Feiertag. Er ist der Rettung der Juden vor der Rache eines persischen Ministers durch den Einsatz der königlichen Gemahlin Hadassa (im christlichen Kontext Esther) gewidmet von dem im Buch Esther berichtet wird. Heutzutage ist Purim ein folkloristisches Fest, zu dem es viele unterschiedliche Bräucht gibt, denen jedoch oft eine ausgelassene Stimmung mit Karnevalsatmosphäre folgt.

Neugierig geworden? Mehr über jüdische Feste und ihre Bedeutung erfahrt ihr in diesem Buch: Basiswissen Judentum. Von Andreas Nachama, Walter Homolka und Hartmut Bomhoff 2015 im Herder Verlag veröffentlicht.
Basiswissen Judentum: Mit einem Vorwort von Rabbiner Henry Brandt

Seid gespannt auf die nächste Folge der Judentum-Serie! Wie immer freue ich mich auf Anmerkungen und Kommentare!

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