Sikhismus I: Entstehung und Geschichte

Sikh-Familie im indischen Agra.

Sikh-Familie im indischen Agra. Die älteren Männer tragen den Turban, die jüngeren den sogenannten „Patka“. (Thomas Schoch, CC-BY-SA 3.0)

Auf Indiens Straßen erkennt man einen orthodoxen Sikh recht einfach am ungeschnittenen Bart und dem farbenfrohen Turban. Doch auch in Europa ist dieser Anblick nicht mehr fremd, denn der Sikhismus hat sich schon längst über die Grenzen seines Entstehungslandes hinaus ausgebreitet. Der Sikhismus fasziniert mit der Synthese hinduistischer und islamischer Elemente, die sich in dieser recht jungen Religion zu einem ganz eigenen Mix verbunden haben.

Am Ursprung des Sikhismus steht die mystische Erfahrung eines Jungen. Er stammte aus einer Hindufamilie und wurde 1496 in der Nähe von Lahore im heutigen Pakistan geboren. In seiner Offenbarung sprach eine göttliche Stimme zu dem Hindujungen namens Nanak. Nach dieser Erfahrung war Nanak vom Glauben an einen Gott überzeugt, dem er sich mit Barmherzigkeit, in Andacht und Reinheit widmen wollte.

Doch seine Überzeugungen standen im Gegensatz zu den hinduistischen Glaubensvorstellungen seiner Familie. Wo Nanak an einen formlosen Gott glaubte, der nur innerlich erfahrbar war, standen im Hinduismus eine Vielzahl von Göttern, die nicht nur unterschiedliche äußere Erscheinungsformen, sondern auch Charaktere haben.

Guru Nanak trifft heilige Hindu-Männer.

Guru Nanak trifft heilige Hindu-Männer. (gemeinfrei)

Nanak verließ sein Elternhaus und unternahm weite Reisen. Sie führten ihn über den indischen Subkontinent und angeblich sogar bis Mekka und Medina. Er ließ sich von hinduistischen und muslimischen Heiligen inspirieren und verfasste Predigten in Form von Gedichten und Hymnen. Dabei halfen ihm zwei Jünger, ein muslimischer Lautenspieler und ein hinduistischer Bauer.

Die Konkurrenz und zeitweise Feindschaft zwischen Hindus und Muslimen – besonders in Nanaks Heimatregion Punjab – versuchte Nanak zu überbrücken und beide Religionen miteinander zu versöhnen. Aus seiner Sicht gab es keine Hindus oder Muslime, sondern nur Menschen, die auf der Suche nach Erlösung sind. Als Guru (Lehrer) lehnte Nanak eine institutionalisierte Gottesverehrung ab, äußere Rituale und Vorschriften würden einer tiefen, inneren Religiosität im Weg stehen. Seine zusätzliche Ablehnung von Praktiken, die auf Unterscheidung und Dualität beruhen (wie das verbreitete Kastenwesen in Indien), zog viele Schüler (Sikhs) an.

Als Guru Nanak 1539 starb, hinterließ er eine Gemeinschaft, die noch an ihren Anfängen stand. Dem von Nanak designierten Nachfolger Angad kam die Aufgabe zu, die Gemeinschaft zu festigen. Guru Angad sammelte alle bestehenden Hymnen und Gedichte. Unter seiner Führung wurde sogar eine eigene Schriftsprache entwickelt. Eine eigene Sprache stärkte die gemeinschaftliche Bindung und legte, gemeinsam mit der Hymnensammlung, den Grundstein für das heilige Buch der Sikhs, den Granth Sahib.

Bereits unter dem dritten Guru Amar Das wurde die Gemeinschaft zunehmend institutionalisiert: Pilgerzentren wurden eingerichtet, eigene Feiertage und Rituale eingeführt. Die Institutionalisierung war notwendig für die Festigung der Gemeinschaft, stand aber im Widerspruch zu den Lehren des ersten Gurus. Gerechtfertigt wurde dieser Schritt mit dem Guru Nanak selbst, der Guru Amar Das im Traum erschienen sei.

Der Goldene Tempel in Amritsar.

Der Goldene Tempel in Amritsar. (Vvk4u, CC-BY-SA 3.0)

Der Nachfolger Amar Das‘, der vierte Guru Ram Das, begründete das heute wichtigste Glaubenszentrum der Sikhs in Amritsar. Dort steht heute der Goldene Tempel, in dem der Granth Sahib aufbewahrt wird. Der Granth Sahib wurde in seiner heutigen Form erst unter dem fünften Guru, Arjun Dev, vollendet. Er beinhaltet die überlieferten Hymen sowie Schriften muslimischer und hinduistischer Heiliger. Zu diesem Zeitpunkt in der Sikh-Geschichte (16. Jahrhundert) grenzte sich die gefestigte religiöse Gemeinschaft zunehmend bewusst von anderen Religionen ab, besonders vom Hinduismus und Islam.

Der Tod des Guru Arjun Dev war ein Wendepunkt in der Sikh-Geschichte. Da zunehmend auch Muslime zum Sikhismus konvertierten, fürchteten die Autoritäten, allen voran der Moghul-Kaiser Jehangir, den Einfluss der Sikhs. 1606 wurde Arjun Dev gefangengenommen und zu Tode gefoltert. Das Martyrium des fünften Guru hat nicht nur das Ideal des Märtyrers tief ins Sikh-Bewusstsein gepflanzt, sondern führte auch zur Transformation einer pazifistischen Gemeinschaft zu einem Kriegerbund.

Unter dem sechsten Guru Hargobind, dem Sohn des Märtyrers Arjun Dev, rüsteten sich Sikhs mit Waffen aus und prägten das Image der Sikhs als wehrhafte und stolze Gemeinschaft. Doch erst unter dem zehnten Guru Gobind Singh war die Transformation zu einem Kriegerbund abgeschlossen. Gobind Singh führte neue Riten und Eide ein, welche die männlichen Sikhs zum Khalsa, zu einer Bruderschaft der Reinen zusammenschweißte. Sikhs sollten fortan an den fünf K’s erkennbar sein.

Drei der sogenannten fünf K's, Kamm, Armreif und Dolch.

Drei der sogenannten fünf K’s, Kamm, Armreif und Dolch. (Hari Singh, CC-BY-SA 2.5)

Kesh – ungeschorenes Bart- und Haupthaar

Kangha – das Haupthaar wird mit einem Kamm befestigt

Kara – Eisenarmreif am Handgelenk

Kirpan – ein Säbel, den man zur Selbstverteidigung immer bei sich tragen sollte (heute oft nur noch symbolisch)

Kuchha – Hose, die über den Knien endet (heute von normalen Hosen abgelöst)

Darüber hinaus wurde eine Namenskennzeichnung eingeführt: Alle männlichen Sikhs wurde der Nachname Singh (Löwe) gegeben, alle weiblichen Sikhs wurden Kaur (Prinzessin) genannt. Diese Form der Namensgebung wird bis heute beibehalten, auch wenn oftmals ein zweiter Nachname beigefügt wird, der die Herkunft des Trägers kennzeichnet.

Mit dem Tod des zehnten Gurus endete die Linie der menschlichen Gurus. Gobind Singh erhob des heilige Buch, den Granth Sahib, zum neuen Guru. Damit fand die religiöse Lehre im 18. Jahrhundert ihren Abschluss. Hiermit begannen jedoch auch politische Entwicklungen, die mit eigenem Staatsgebiet der Sikhs sowie einer Zusammenarbeit mit den Briten begannen und ihren blutigen Höhepunkt im Sikh-Terrorismus und der Erstürmung des Goldenen Tempels in Amritsar 1984 fanden. Doch dazu mehr im nächsten Teil.

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