Sikhismus II: Der Traum von Khalistan zwischen Machtpolitik und Terrorismus

Flagge der Khalistan-Bewegung.

Flagge der Khalistan-Bewegung. (public domain)

Das Entstehungs- und Heimatland der Sikhs, der Punjab, nimmt im kollektiven Bewusstsein einen bedeutenden Platz ein. Nachdem der Punjab ab dem 18. Jahrhundert unter Sikh-Herrschaft stand, belebte sich unter der Fremdherrschaft der Briten wieder der Traum von einem eigenen Sikh-Staat: Khalistan. Im 20. Jahrhundert, mit dem aufkommenden nationalistischen Bewusstsein der Sikhs, sollte Khalistan auf blutigem Weg verwirklicht werden.

Im 18. Jahrhundert hatten sich – auch durch den großen Einfluss des zehnten Gurus Gobind Singh (siehe Teil I über den Sikhismus) – in der Sikh-Gemeinschaft Stärke, Mut, Kampf- und Märtyrerbereitschaft als zentrale Werte herausgebildet. Dazu trug auch die Bedrohung von außen bei: Moghuln, Marathen und Perser griffen immer wieder an um die fruchtbaren Landstriche des Punjab einzunehmen. Um sich gegen die äußere Bedrohung zu wehren, entwickelten die Sikhs Guerilla-Taktiken. Dies führte nicht nur dazu, dass die Sikhs ihre Gebiete behielten, sondern sie gewannen sogar Land hinzu.

Das Sikh-Reich Ranjit Singhs

Die Milizen der einzelnen Fürstentümer brachte der Lokalführst Ranjit Singh unter seine Kontrolle und eroberte nicht nur umliegende Sikh-Gebiete sondern zusätzlich vertrieb er die Paschtunen aus dem West-Punjab und dehnte seinen Machtbereich auf indische sowie afghanische Gebiete aus. 1799 verzeichnete den Höhepunkt politischer Macht dieses Reichs. Druch die Modernisierung seiner Armee gelang es dem selbst ernannten Maharaja Ranjit Singh sogar, dem Druck der Briten standzuhalten und eine drohende Besatzung abzuwenden.

Erst nach dem Tod Ranjit Singhs und zwei Anglo-Sikh-Kriegen (1845/46 und 1848/49) kann die britische Herrschaft im Punjab konsolidiert werden. Pläne, nach denen die Sikh-Armee zerschlagen werden sollte, wurden rasch verworfen. Stattdessen wurden Sikhs für die Kolonialarmee angeworben, um deren militärisches Potential für sich nutzen zu können. Bis 1860 stellten Sikhs 15-20% der Armee. Aus den Erfahrungen der Sepoy-Aufstände lernend, gestand das britische Oberkommando den Sikhs einige Privilegien zu: Sie durften die fünf K’s als Teil der Uniform tragen und der Guru Granth Sahib wurde mit militärischen Ehren bedacht.

Unter britischer Herrschaft

Die Zusammenarbeit der Sikhs mit den Briten brachte ersteren zunächst zahlreiche Vorteile: Die Infrastruktur des Punjab wurde erweitert, neue landwirtschaftliche Nutzflächen wurden erschlossen, Bildung wurde leichter zugänglich. Die Bevorzugung von Sikhs (und Muslimen) gegenüber Hindus ging so weit, dass Hindus zum Sikhismus konvertierten um Aufstiegschancen zu haben. Mit der Zeit zeigte sich, dass der Ausbau der Infrastruktur nicht nur positive Folgen hatte. Die Preise für Land stiegen erheblich und wurden Ziel von Spekulanten. Es kam zu Landenteignungen und zusätzliche Steuersätze wie Wasserzinsen beförderten die Entstehung eines Agrarproletariats während sich immer mehr Land in den Händen weniger Großgrundbesitzer sammelte.

Trotzdem verloren die Briten erst nach dem 1. Weltkrieg die Loyalität der Sikhs. Viele von ihnen hatten auf Seiten der Briten gekämpft und erhofften sich nach Friedensschluss eine entsprechende Anerkennung ihrer militärischen Leistungen. Doch diese blieb aus. Endgültig desillusioniert wurden die Sikhs 1919 als sich in Amritsar friedliche Protester gegen die Rowlatt Bills versammelten. Um jede Form politischer Agitation zu unterbinden, war vorher jede Versammlung verboten worden. Als sich immer mehr Sikhs auf dem Jallianwala Bagh einfanden, wurde der Platz abgeriegelt. Dem folgenden Schießbefehl fielen 379 Menschen zum Opfer, über 2.000 wurden verletzt.

Die Verlierer der indischen und pakistanischen Unabhängigkeit

Teilung Indiens

Teilung Indiens mit Flüchtlingsbewegungen und Orten von Ausschreitungen. (Themightyquill, CC-BY-SA 3.0)

Die Mehrheit der Sikhs schlossen sich den Unabhängigkeits-bestrebungen von Hindus und Muslimen an. Doch diese Einheit währte nur bis zum Abzug der britischen Besatzungsmacht. Die Angst der Muslime vor einem Hindu-Reich befeuerte den Wunsch nach einem eigenen muslimischen Staat. Sie mündete in blutigen Auseinandersetzungen und schließlich in der Gründung des Staates Pakistan.

Mit der sogenannten Radcliffe-Linie wurde die Grenze beider Staaten so fair wie möglich für Hindus und Muslime gezogen. Nicht aber für Sikhs. Die Grenze führte direkt durch den Punjab und teilte ihn in einen indischen und einen pakistanischen Teil. Die Vision der Sikhs als Brückenbauer zwischen Muslimen und Hindus, wie sie sich der erste Guru Nanak erträumt hatte, war damit gescheitert. Die Unabhängigkeit Indiens und die Abgrenzung Pakistans haben dazu geführt, dass der Punjab im Selbstverständnis der Sikhs eine Schlüsselposition einnahm und der Ruf nach einem eigenen Staat laut wurde.

Der Wunsch nach Autonomie

Die Grenzen der indischen Bundesländer wurden meist gemäß sprachlicher Grenzen gezogen. Um ein gewisses Maß an Autonomie zu gewinnen, wollten die Sikhs dies auch für den Punjab, wo die Hauptsprache der Sikhs, Punjabi, von der Mehrheit der Bevölkerung gesprochen wurde. Die Forderung nach einem eigenen Bundesstaat wurde bis vor das oberste Gericht Indiens getragen. Dies entschied, dass – eben weil Punjabi hauptsächlich von Sikhs gesprochen werden – eine Teilung des Bundesstaates nicht nur nach sprachlichen sondern auch religiösen Gesichtspunkten erfolgen würde. Da dies gegen die in der indischen Verfassung festgeschriebene Teilung von Religion und Staat verstoße, wurde das Ansinnen der Sikhs abgewiesen. Das ein eigener Sikh-Bundesstaat direkt an pasistanisches Gebiet grenzen würde und damit eine Gefahr für die Einheit der indischen Union sein könnte, dürfte in den Überlegungen auch eine Rolle gespielt haben.

Der Streit über einen eigenen Sikh-Bundesstaat zog sich bis in die 1950er-Jahre. Je deutlicher wurde, dass Autonomie innerhalb der indischen Union außer Frage stand, desto größer wurden die Rufe nach „Khalistan“, einem eigenen Sikh-Staat, basierend auf den Grenzen wie sie unter Maharaja Ranjit Singh existierten.

Befeuert wurde dieses Ansinnen durch die nach mexikanischem Vorbild durchgeführte „Grüne Revolution“. Agrarneuerungen, wie effektive Schädlingsbekämpfung, Einsatz von Maschinen und Bewässerungssysteme, führten dazu, dass der Punjab der reichste Bundesstaat Indiens wurde, sein „Brotkorb“. Neben den technischen Errungenschaften schrieben sich die Sikhs den Erfolg des Punjab auf die Fahnen, denn sie sahen darin den Beweis für ihren Einsatz und Fleiß. Kritisiert wurde von den Sikhs allerdings, dass die indische Regierung die Gewinne nicht in die Region reinvestiere, sondern nur abschöpfe. Von Regierungsseite aus wurde auf die Nähe der pakistanischen Grenze verwiesen, die zu unsicher für Investitionen sei.

Bald zeigte sich, dass die „Grüne Revolution“ nur oberflächlich erfolgreich war. Sie führte dazu, den Reichtum der Großgrundbesitzer zu mehren, während große Teile der Bevölkerung von Armut bedroht wurden. Die Großgrundbesitzer, zu denen auch Sikhs gehörten, heuerten hinduistische Erntehelfer aus anderen Bundesstaaten an, die sich dann dauerhaft im Punjab niederließen. Damit erhielten sie auch das Wahlrecht im Punjab, was zur Folge hatte, dass Sikh-Parteien anteilig immer weniger Stimmen bekamen und sich Angst vor einer hinduistischen Übermacht ausbreitete. Auf diesem Boden von Furcht und Unsicherheit gedieh fundamentalistisches Gedankengut.

Aufstieg des Sikh-Extremismus

Verschärft wurde diese Entwicklung dadurch, dass zeitgleich gemäßigte Sikh-Politiker an Autorität einbüßten. Sie hatten sich immer wieder für Abmachungen mit der indischen Regierung stark gemacht, die den Sikhs im Punjab mehr Autonomie gewähren sollte. Zweimal in Folge wurden diese Verträge jedoch von der damaligen Ministerpräsidentin Indira Gandhi aufgekündigt um ihrer Stellung in der eigenen Partei nicht zu schaden.

Jarnail Singh Bhindranwale starb bei der Operation Bluestar.

Jarnail Singh Bhindranwale starb bei der Operation Bluestar. (Jaswinder Desi Saini, CC-BY-SA 4.0)

Hofiert von Indira Gandhis Kongresspartei und Sikh-Parteien wie Akali Dal stieg in den 1970er-Jahren die Hauptfigur des Sikh-Extremismus auf: Jarnail Singh Bhindranwale. Die politische Forderungen nach Autonomie der Akali Dal gepaart mit dem religiösen Fundamentalismus Bhindranwales mobilisierte die Massen der Sikhs. Der Traum von der Errichtung Khalistans, wie der Sikhstaat heißen sollte und bereits seit dem Widerstand gegen die Briten von vielen herbeigesehnt wurde, begeisterte die Mehrheit der Sikhs im In- und Ausland.

Die angespannte Lage im Punjab eskalierte 1982 nach einem Busunfall, bei dem 34 Sikh-Demonstranten getötet wurden. Gewalttätige Demonstrationen brachen im Punjab, aber auch außerhalb, aus. Das Verhalten der indischen Regierung schwankte zwischen Verhandlungen mit und Unterdrückung der Aufständischen. Diese Unbeständigkeit heizte die Lage weiter auf.

Belagerung und Erstürmung des Goldenen Tempels

Im Dezember 1982 verschanzte sich Bhindranwale mit ehemaligen Soldaten und Offizieren im Goldenen Tempel von Amritsar. Seinem, keineswegs ungeplanten, Aufruf folgen ungefähr 5.000 Kämpfer. Waffen sowie Lebensmittel wurdne bereits vorher auf dem Gelände gesammelt. Bhindranwale hatte sich auf eine lange Belagerung eingestellt.

Die indische Regierung hatte in dieser Lage zwei Optionen: entweder den separatistischen Forderungen Bhindranwales nachgeben oder den Tempel mit Gewalt einnehmen. Verhandlungen und Terroraktionen Bhindranwales gegen Hindus zur „ethnischen Säuberung“ zogen sich bis in den Juni 1983, ehe der Tempel in der „Operation Bluestar“ gestürmt wurde. Das hatte den Extremisten mehr als genug Zeit gegeben um sich auf dem Tempelgelände zu verschanzen. Darüber hinaus fiel der Zeitplan für die Erstürmung mit dem Fest des Martyriums von Gurur Arjun Dev zusammen, was zur Folge hatte, dass sich viele Zivilisten auf dem Tempelgelände aufhielten.

Auch Panzer kamen bei der Erstürmung des Tempels zum Einsatz.

Auch Panzer kamen bei der Erstürmung des Tempels zum Einsatz. (AshLin, CC-BY-SA 2.5)

Der Sturm auf den Goldenen Tempel von Amristar begann am 5. Juni 1983 und wurde von der indischen Armee unter Sikh-Führung durchgeführt. Allerdings kann der Tempel erst am darauffolgenden Tag eingenommen werden, nachdem schwere Waffen aufgefahren wurden. Laut einem White Paper der indischen Regierung starben bei der Erstürmung 493 Sikhs, 83 wurden verletzt. Für die kollektive Psyche der Sikhs war der Sturm auf den Tempel und seine teilweise Zerstörung ein schwerer Schlag.

Nachbeben: Rache und Verfolgung

Nach der Erstürmung des Tempels wurde der Punjab von der indischen Armee durchkämmt, um geflohene Terroristen aufzufinden. In den Augen vieler Sikhs war die Hauptverantwortliche Indira Gandhi, die ihren Erfolg über die Sikhs feierte. Am 31.10.1984 wandten sich ihre Sikh-Leibwächter gegen sie und ermordeten Gandhi.

Indira Gandhi.

Indira Gandhi. (Dutch National Archives, CC-BY-SA 3.0)

Dem Mord der Premierministerin folgten pogromartige Überfälle von Hindus auf Sikhs, befeuert von der Kongresspartei. Viele Sikhs flüchteten aus anderen indischen Bundesstaaten in den Punjab, nicht wenige legten aus Angst die äußerlichen Kennzeichen ihres Sikh-Glaubens ab. Es wurden drakonische Anti-Terror-Gesetze erlassen, die eine endlose Reihe von Verhalftungen nach sich zogen (von Sikhs wohlgemerkt, hinduistische Angreifer wurden kaum verfolgt). Die Unschuldigkeitsannahme wurde umgedreht: Wer nicht verurteilt werden wollte, muss seine Unschuld beweisen, denn von seiner Schuld wurde ausgegangen.

Kein Wunder also, dass 1988 Militante wieder versuchten, den Goldenen Tempel zu besetzen. Doch sie waren nicht gut vorbereitet, die indische Armee schon. Diese kannte das Tempelgebiet inzwischen sehr gut und mithilfe einer religiösen Führungspersönlichkeit gaben die Besatzer nach einer Woche auf. Um weiteren ähnlichen Aktionen vorzubeugen, wurde ein Korridor um den Tempel geräumt.

Gewalttätige Auseinandersetzungen zogen sich bis in die 1990er-Jahre. Doch verloren die Extremisten zunehmend den Rückhalt in der breiten Sikh-Bevölkerung. Heute haben separatistische Bestrebungen viel von ihrem Schwung verloren und werden nur noch von wenigen Sikhs unterstützt.

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