Shintoismus II: Von Göttern, Schreinen und Ritualen

Nusa

Nusa zur kultischen Reinigung. (public domain)

Der Shintoismus versammelt eine Vielzahl spiritueller Praktiken, von denen viele bis in die Frühzeit Japans zurückreichen. Einen Namen erhielten diese Praktiken erst mit dem Auftauchen des Buddhismus in Japan im 6. Jahrhundert unserer Zeit. Im Shintoismus mischt sich Natur- mit Ahnenkult, können Verstorbene ebenso zu Göttern (kami) aufsteigen wie Bäume oder Steine. Eine Myriade von Göttern – im Japanischen spricht man von 800 Myriaden (yaoyorozu) – bevölkern ca. 80.000 Schreine, die sich über ganz Japan verteilen.

Es gibt im Shintoismus keinen Pantheon mit verwandtschaftlichen Beziehungen der Götter untereinander. Für einen Teil der Götter – wie Amaterasu, Susanoo und Tsukiyomi – sind diese Familienbande vorhanden. Darüber hinaus gibt es jedoch auch Hindugötter, die mit dem Buddhismus nach Japan kamen und in den Shinto integriert wurden. Zudem ist die Grenze zwischen Göttern und Menschen fließend; so können Menschen mit besonderen Verdiensten, Kriegsopfer und Angehörige der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte ebenso zu Shintogöttern aufsteigen wie die historischen drei Reichseiniger und der Tenno (Die besondere Beziehung zwischen Staat und Shinto beleuchtet der nächste Teil der Shinto-Reihe.).

Üblicherweise ist ein Schrein einem Gott gewidmet, doch auf größeren Schreingeländen werden durchaus auch mehrere Götter verehrt. Der Japanologe Ernst Lokowandt berichtet vom Mitsumine Schrein in der Saitama-Präfektur, welcher dem Götterpaar Izanami und Izanagi gewidmet ist, dass es den Besuchern hauptsächlich um Amulette des „Berghundes“ (yama-inu) geht, der vor Dieben und Feuer schützen soll. Mitunter sind Götter auf einen Schrein beschränkt und tragen keinen spezifischeren Namen als „Gott von Schrein x“.

Torii Meijischrein

Torii am Eingang zum Meiji Schrein in Tokyo. (Fanghong unter CC-BY-SA 2.5)

Der Mittelpunkt des Shinto-Glaubens sind die Zeremonien und Rituale. Wichtigster Ort dafür sind die Schreine. Das Schreingelände betritt man meist durch ein torii, ein aus Holz – seltener aus Stein – gefertigtes Tor, welches die Grenze vom Profanen zum Sakralen kennzeichnet. Torii können schwarz, aber auch zinnoberrot sein, wobei letzteres eher bei Schreinen für die Fuchs-Gottheit Inari der Fall ist. Von Inari-Schreinen kennt man auch die Vielzahl von Toren hintereinander, die nahezu einen Tunnel bilden. Üblich sind ansonsten ein bis drei torii.

Plan Schreingelände

Beispielhafter Plan eines Schreingeländes mit Torii (1), Haiden (11), Honden (13) (public domain)

Auf dem Schreingelände gibt es mindestens zwei, drei Gebäude: Für den Gläubigen in erster Linie relevant ist die Gebetshalle (haiden), vor der sich der Opferkasten und ein Seil mit Schelle befindet. Der Gläubige läutet die Schelle, um die Gottheit auf sich aufmerksam zu machen, in den Kasten kommt nach dem Gebet das Opfer in Form von Münzen.

Nur von den Priestern zu betreten ist die Haupthalle (honden) des Schreins. Dies ist der Aufenthaltsort der Gottheit, symbolisiert durch den Gottesleib (shintai), der in sehr unterschiedlichen Objekten angesiedelt sein kann. Im berühmten Ise-Schrein ist dies beispielsweise der Spiegel der Sonnengöttin Amaterasu Omikami. In manchen Schreinen ist nur den zugelassenen Priestern (denn auch in der Priesterhierarchie erhält man erst ab einer bestimmten Position Zugang zur Haupthalle) bekannt, welches Objekt den Gottesleib beherbergt.

Zwischen diesen beiden Gebäuden gibt es meist ein drittes, verbindendes Element, die Halle für die Opfergaben (heiden). Wie der Name schon sagt, werden dort der Gottheit die Opfergaben gezeigt. Je größer und bedeutender ein Schrein ist, desto mehr zusätzliche Gebäude können sich auf dem Gelände befinden.

Ema am Itsukushima Schrein.

Ema am Itsukushima Schrein in der Präfektur Hiroshima. (public domain)

Da es in Japan keine Form von Kirchensteuer gibt (die Art der Trennung von Kirche und Staat verhindert dies), müssen sich die Schreine selbst finanzieren. Manchen nehmen Eintrittsgelder, wie es sich bereits in vielen buddhistischen Tempeln etabliert hat. Darüber hinaus bleiben die Einnahmen aus den Opferkästen, der Verkauf von ema (Holzplatten mit Wünschen oder Gebeten), Amuletten u. ä. sowie die Entlohnung der Priester für die Durchführung von Zeremonien. Hinzu kommen die Einnahmen aus weltlicheren Geschäften. Viele Schreine trennen einen Teil der umgebenden Grünfläche ab und vermieten sie für Anwohner als Parkplätze. Wer nach Shintoritus heiratet, kann inzwischen oftmals auch die folgenden Feierlichkeiten auf dem Schreingelände zelebrieren.

Die Zeremonien, die den shintoistischen Kernbereich bilden, werden in der Gebetshalle des Schreins durchgeführt und beinhalten folgende Elemente: kultische Reinigung, Speiseopfer (bei größeren Anlässen), Gebet und Opfer.

Kultische Reinheit ist im Shintoismus ein wichtiges Konzept; Berührungen mit Tod, Blut und Krankheit machen unrein. Wer unrein ist, darf für eine bestimmte Zeit den Schrein nicht betreten. Vor jeder „Begegnung“ mit den Göttern gilt es, sich zu reinigen. Dafür gibt es auf jedem Schreingelände Wasser, sodass man beim Betreten Hände und Mund reinigen kann. Bei größeren Schreinzeremonien kommt zudem Salz zum Einsatz, meist in Form von Salzwasser. Um Personen und Objekte zu reinigen wird auch ein nusa benutzt. Dies ist ein Stab mit vielen, gezackten Papierstreifen, der Ähnlichkeit mit einem Staubwedel hat und durch Schwenken auf ähnliche Weise Verunreinigung entfernt.

Nachdem die kultische Reinheit sichergestellt wurde, wird bei größeren Zeremonien ein Speiseopfer dargebracht. Dieses besteht meist aus ungekochtem Reis, Sake, Fisch, Gemüse, Obst, Salz und Wasser. Es wird auf dem hinteren Rand der Gebetshalle aufgetragen, wo es bis zum Abschluss der Zeremonie verbleibt. Nach der Zeremonie wird das Speiseopfer von den Auftraggebern des Rituals oder von den Priestern gegessen. Auf diese Weise wird eine Gemeinschaft geschaffen zwischen Menschen und Göttern.

Diesen Vorbereitungen folgt das eigentliche Gebet. Es enthält Lobpreisungen des Schreingottes, Wiedererzählungen relevanter Mythen und die Bitte, die den Kern der Zeremonie bildet. Das Gebet wird von einem Shinto-Prister in einer bestimmten Stimm-und Tonlage in altertümlichem Japanisch rezitiert, das vom ‚Durchschnittsjapaner‘ heute kaum verstanden wird. Den Abschluss jeder Zeremonie bildet ein Opfer, meist Geld. Entweder wird direkt Geld gespendet oder man erwirbt vom Priester ein tamagushi – ein Zweig des sakaki-Baumes (im Deutschen Sperrstrauch) mit mehreren gezackten Papierstreifen – der auf einem Tisch in der Gebetshalle abgelegt wird.

Auch jedes persönliche Gebet setzt sich aus diesen drei Elementen zusammen. Das Säubern von Mund und Händen zur kultischen Reinigung, gefolgt vom Schellen und Klatschen der Hände bevor der Gläubige seinem Gebet nachkommt, um dann zum Abschluss Münzen in den Opferkasten zu werfen.

Die bisher beschriebene Form des Shinto wird meist unter dem Begriff „Schrein-Shinto“ zusammengefasst. Daneben gibt es noch den Staats-Shinto, der in der japanischen Geschichte eine besondere Rolle spielt und dessen Konzepte und Verflechtungen bis heute nachwirken. Doch darüber erfahrt ihr mehr im nächsten Teil der Shinto-Serie. Bleibt neugierig!

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