Shintoismus III: Staats-Shinto und Trennung von Religion und Staat

Yasukuni Schrein

Immer wieder ein Streitpunkt im modernen Japan: der Yasukuni-Schrein. (Quelle: David Monniaux, CC-BY-SA 3.0)

Die Verbindung zwischen Staat und Religion fand in Japan im 19. und 20. Jahrhundert in der Etablierung des Staats-Shinto seinen Ausdruck. Die Auflösung dieser Verbindung nach dem Zweiten Weltkrieg und die Etablierung einer strikten Trennung von Religion und Staat führt bis heute zu Konflikten in Gesellschaft und Politik.

Die kaiserliche Herrschaft des Tenno reicht bis in die Frühzeit Japans zurück und ist eng verbunden mit shintoistischen Mythen. Die Sonnengöttin Amaterasu omikami hatte ihren Enkel Ninigi no mikoto auf die Erde herabgesandt, um über sie zu herrschen. Ninigis Urenkel, Jimmu, wurde der erste menschliche Herrscher und Tenno. Er begründete laut Überlieferung 660 v. u. Z. das erste japanische Reich.

Kaiserliches Siegel

Eine stilisierte Chrysanthemenblüte, kaiserliches Siegel Japans. (gemeinfrei)

Diese göttliche Legitimation der kaiserlichen Macht, die sich einerseits aus der direkten Nachkommenschaft Amaterasus und andererseits aus dem direkten göttlichen Auftrag der Herrschaft zusammensetzt, wird sogar noch durch zwei weitere Elemente verstärkt, die bis heute wirksam sind: Zum einen ist der Tenno der oberste Priester im Shintoismus. Damit obliegt es ihm, die wichtigsten, ganz Japan betreffenden Zeremonien durchzuführen. Dazu gehören sowohl eine Zeremonie zur Bitte um gute Ernten als auch die Danksagung an die Ahngöttin für eben jene Ernte. Zum anderen ist der Tenno der Inhaber der drei Throninsignien (sanshu no shinki), auch wenn sie nicht mehr alle im Kaiserpalast aufbewahrt werden. Dort befindet sich noch das (oder die? Die Anzahl ist unbekannt.) Krumjuwel(en). Der Spiegel wird im Ise-Schrein in der Mie-Präfektur, das Schwert im Atsuta-Schrein in Nagoya aufbewahrt.

Selbst als Japan zwischen dem 12. und 19. Jahrhundert über lange Zeiträume von der Militärregierung der Shogune beherrscht wurde, ließen diese sich ihre Herrschaft durch den Tenno legitimieren. Auch wenn der Kaiser lediglich eine symbolische Rolle in der Politik innehatte, wagte doch niemand das göttliche Amt abzuschaffen. Schließlich war das Bewusstsein, dass es sich beim Tenno um einen lebenden, gegenwärtigen Gott handelte, tief verwurzelt.

Meiji-Tenno

Wiedererrichtung kaiserlicher Macht unter dem Meiji-Tenno. (gemeinfrei)

Mit dem Sturz des Tokugawa-Shogunats 1868 wurde während der Meiji-Restauration auch die kaiserliche Direktherrschaft wieder errichtet. Da zu diesem Zeitpunkt der Tenno untrennbar mit shintoistischen Vorstellungen verbunden war, lag es nahe durch eine Stärkung des Shintoismus die Autorität des Tenno zu untermauern. Hierzu mussten jedoch die über Jahrhunderte gewachsenen Verbindungen zwischen Shinto und Buddhismus gelöst werden. Dabei ließ sich nicht immer einwandfrei unterscheiden, welche religiösen Formen buddhistischen und welche shintoistischen Ursprungs waren. Soweit möglich wurde der Shinto jedoch von buddhistischen Elementen befreit. Die Schattenseite dieses Vorgehens war ein gegen buddhistische Elemente gerichteter „Bildersturm“.

Der Aufbau des Shintoismus zur Staatsreligion äußerte sich unter anderem darin, dass er eine eigenen Behörde erhielt, das „Amt für Schreinwesen“, welches unabhängig von der weltlichen Regierung agierte. Zudem wurden Shinto-Schreine zu „Kultstätten des Staates“ erklärt, hierarchisch nach ihrer Größe und Bedeutung sortiert und in staatliche Abläufe integriert. Das bedeutete auch, dass der Privatbesitz für Schreine aufgehoben, die Finanzierung der Schreine vom Staat reguliert und das Zeremoniell vereinheitlicht wurde. Die Erblichkeit des Priesteramtes wurde aufgehoben und Priester wurden verbeamtet.

Damit wurde der Versuch unternommen Kult und Religion zu einer Einheit zu formen (seisei-itchi), um die Herausforderung zu meistern, welche der Aufbau eines neuzeitlichen Staates darstellte.

„Der Versuch schlug fehl. Der Shinto erwies sich als zu schwach, die ihm vom Staat zugewiesene Stellung auszufüllen und sich zu einer das geistige Leben des Landes prägenden, die Richtung der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung bestimmenden Kraft zu entfalten.“ (Lokowandt: Shinto, S. 51)

Daraufhin wurde der Shinto zu einer Art areligiösen Staatskult umgeformt, da er nach wie vor für die nationale Identität Japans förderlich war. Das Fehlen einer starken inhaltlichen Lehre und dem Vorhandensein eines ausgeprägten Zeremoniells – was bereits die Aufnahme buddhisitscher Elemente erleichtert hatte – unterstützte nun die Aufnahme westlicher Konzepte sowie technische und wirtschaftliche Neuerungen ohne dabei die nationale japanische Identität in Frage zu stellen.

Der angeblich areligiöse Charakter des Shinto kann jedoch nur als Fiktion bezeichnet werden. Den Preistern waren zwar jedwede Verbreitung religiöser Lehren und die Durchführung religiöser Handlungen verboten worden, doch wurde von staatlicher Seite bestimmt, das „bis auf weiteres“ alles wie gehabt ablaufen solle.

„Art. 28. Alle japanischen Untertanen genießen, soweit es nicht gegen Frieden und Ordnung verstößt, und nicht ihren Pflichten als Untertanen Abbruch tut, Freiheit des religiösen Bekenntnisses.“ (Meiji-Verfassung 1889, Artikel 28)

Die Meiji-Verfassung von 1889 garantiert in Artikel 28 Glaubensfreiheit unter der Auflage, dass die Untertanen ihre Pflichten als solche nicht verletzen. Tatsächlich bedeutete dies nicht nur Loyalität zum Staat sondern auch zum Kaiserhaus, da der Tenno das Oberhaupt des Staates ist. Und durch die Verbindung von Kaiser und Shinto verpflichtete sich der Untertan damit de facto auch zur Loyalität gegenüber dem Shintoismus. Staatsbürgerliche Pflichten waren somit untrennbar verwoben mit religiösen.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges blieb der Staats-Shinto die offizielle Ideologie Japans. Dass mithilfe des Tenno jede Form der Herrschaft legitimiert werden konnte, zeigte sich besonders deutlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sowohl in der Taisho-Demokratie (etwa 1905 bis 1932) mit liberalen, politischen und gesellschaftlichen Ideen als auch im Totalitarismus mit seinen starken chauvinistischen Zügen, der in der Vorkriegs- und Kriegszeit in Japan vorherrschte, diente der Tenno als Stütze der Ideologie der jeweils herrschenden Regierung.

Mit dem Ende des Zweiten Welktrieges war der Eroberungslust der Kolonialmacht Japan ein Ende gesetzt. Auch die Zeit des Staats-Shinto war vorüber. Im Dezember 1945 wurde auf Anordnung der amerikanischen Besatzungsmacht die sogenannte Shinto-Direktive verabschiedet, welche den Staats-Shinto offiziell verbot. In der neuen Verfassung von 1947 wurde zudem in Artikel 20 die Trennung von Religion und Staat festgeschrieben.

„Art. 20. (1) Religionsfreiheit wird allen garantiert. Keine religiöse Organisation erhält vom Staate irgendwelche Sonderrechte, noch darf sie irgendwelche politische Macht ausüben.

(2) Niemand darf gezwungen werden, an irgendwelchen religiösen Handlungen, Feiern, Riten oder Übungen teilzunehmen.

(3) Der Staat und seine Organe haben sich der religiösen Erziehung oder jedweder anderer religiösen Tätigkeit zu enthalten. (Japanische Verfassung von 1947, Artikel 20)

Artikel 89 der Verfassung legt darüber hinaus fest, dass der Staat keine offiziellen Mittel zur Unterstützung von Religionen einsetzen darf.

„Art. 89. Keine öffentlichen Mittel oder anderes Eigentum dürfen für den Gebrauch, zum Vorteil oder für die Erhaltung einer religiösen Einrichtung oder Vereinigung oder für mildtätige, die Erziehung und Ausbildung betreffende oder wohltätige Unternehmen, die nicht unter staatlicher Aufsicht stehen, aufgewendet oder bewilligt werden.“ (Japanische Verfassung von 1947, Artikel 20)

Zudem hatte der Tenno 1946 offiziell verkündet, dass er kein lebender Gott sei, sondern nur ein Mensch.

„Aber: Es gibt durchaus Stimmen, die unter Berufung auf die Glaubensfreiheit dem Kaiser das Recht verwehren, anderen zu verbieten, an seine Göttlichkeit zu glauben.“ (Lokowandt: Shinto. S. 46)

Naiku Ise-Schrein

Innerer Schrein (Naiku) des Ise-Schreins. (Douglas Perkins, CC-BY-SA 4.0)

Obwohl das staatsreligiöse System, das seit der Meiji-Zeit geherrscht hatte, aufgehoben war und der japanische Staat eine neue demokratische Basis erhalten hatte, lässt sich seitdem trotzdem eine langsame Wiederannäherung des Staates an den Shintoismus beobachten. So besucht seit 1964 trotz des Artikels 20 jeder amtierende Ministerpräsident zu Neujahr den Ise-Schrein. Offiziell besuchen sie den Schrein als Privatpersonen, doch da unter ihnen auch gläubige Christen waren, Dienstfahrzeuge genutzt wurden und mit Ämtertiteln im Besuchsbuch unterschrieben wurden, darf das bezweifelt werden. Da jedoch kein direkter Verstoß gegen die Verfassung vorliegt (Es wird argumentiert, dass Dienstfahrzeuge sicherer sind und Ämtertitel gehören für viele Japaner tatsächlich quasi zum Namen.), haben sich die Neujahrsbesuche als feste Termine jedes Ministerpräsidenten etabliert.

1966 wurde der Reichsgründungstag als staatlicher Feiertag wieder eingeführt. Dieser Tag basiert auf shintoistischer Mythologie und gedenkt dem Herabsenden Ninigis auf die Erde durch Amaterasu und die Gründung des japanischen Reiches durch dessen Enkel Jimmu.

Darüber hinaus wurde 1979 das sogenannte gengo-System gesetzlich fixiert. Es schreibt fest, dass mit der Thronbesteigung eines neuen Tenno unter einer Devise mit der Jahreszählung begonnen wird. Der jetztige Tenno Akihito bestieg 1989 den Thron mit der Devise heisei, in etwa „Frieden überall“. 2017 befinden wir uns im Jahr Heisei 29.

Neben den Besuchen des Ise-Schreins sorgen die „privaten Besuche“ von Ministern und Ministerpräsidenten am Yasukuni-Schrein immer wieder für Furore und diplomatische Spannungen mit China und Südkorea. Der Yasukuni-Schrein ist denen gewidmet, die sich seit der Meiji-Zeit für Kaiser und Staat geopfert haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden jedoch auch verurteilte japanische Hauptkriegsverbrecher in den Schrein aufgenommen. Der Besuch – insbesondere durch amtierende Ministerpräsidenten – und damit verbunden die Verehrung dieser Verbrecher erzürnt China und Südkorea, da es nicht nur an die Verbrechen der japanischen Armee in Asien erinnert, sondern sie auch zu glorifizieren scheint. Zum Eklat kam es 1975 als Ministerpräsident Nakasone Yasuhiro den Schrein in seiner Funktion als offizieller Repräsentant des Staates besuchte. Dies hatte heftige Proteste von Seiten Chinas und Südkoreas zur Folge. Zwar folgen die japanischen Ministerpräsidenten seither wieder dem Muster der privaten Besuche. Doch gibt es kaum mehr Proteste, wenn japanische Minister den Schrein in ihrer offiziellen Position besuchen.

Ebenfalls seit den 1970er-Jahren haben japanische Gerichte mit der Ziel/Wirkung-Theorie (mokutekit/koka-ron) einen praktikablen Weg gefunden mit der Trennung von Religion und Staat umzugehen. Anlass war die Durchführung einer shintoistischen Zeremonie beim Bau einer städtischen Sporthalle in Tsu. Als Verstoß gegen Artikel 20 und 89 der japanischen Verfassung wurde das Verfahren bis vor den Obersten Gerichtshof getragen. Dieser stellte fest, dass eine absolute Trennung zwischen Staat und Religion nicht möglich sei, dass jedoch entscheidend sei, ob die staatliche Handlung religiöse Ziele verfolgt oder ob Religionen besonders gefördert bzw. unterdrückt werden. Diese Einstellung wurde zur Ziel/Wirkungs-Theorie und dient in Japan auf vielen Gebieten als Richtschnur in Angelegenheiten zwischen Staat und den Religionen Japans, inbesondere jedoch dem Shintoismus.

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