Christentum I: Grundlagen

Bei Diskussionen über den Islam und die „Islamisierung des Abendlandes“ wird oft vergessen, dass der Westen bereits eine „Christianisierung“ durchlief, der den angeblich notwendigen Schutz einer „jüdisch-christlichen Kultur“ heute erst nötig macht. Ohne ihren Missionsanspruch wäre der Aufstieg des Christentums von einer kleinen jüdischen Sekte zur bis heute zahlenmäßig erfolgreichsten Religion weltweit nicht denkbar. 2,26 Milliarden Menschen richten sich nach christlichen Glaubensgrundsätzen. Doch welche sind das eigentlich?

Verbreitung des Christentums weltweit.

Verbreitung des Christentums weltweit: Katholisches Christentum (violett), Orthodoxes Christentum (rosa), Protestantisches Christentum (blau). (Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Das Christentum gilt neben dem Judentum und dem Islam als eine der großen monotheistischen Religionen, das heißt der Glaube an einen Gott steht im Zentrum dieser Religion. Darüber hinaus ist es eine Offenbarungsreligion, deren heilige Schrift die Bibel ist, welche aus dem Alten Testament (die fünf Bücher Mose wurden aus dem Judentum übernommen) und dem Neuen Testament (welches vom Leben Jesus Christus‘ berichtet) besteht.

Aufgrund seiner langen Geschichte und seiner weiten Verbreitung hat „das“ Christentum sehr viele Gesichter. Die verschiedenen Ausprägungen haben jedoch eines gemeinsam: Neben dem Glauben an einen Gott ist die Gestalt von Jesus Christus eine zentrale Gestalt. Er gilt als „der Gesalbte“, der Messias (lat. Christus). Der Glaube an einen Messias ist schon im Judentum, aus welchem das Christentum entstand, tief verwurzelt. Als Messias spielt Jesus in christlichen Endzeitvorstellungen eine wichtige Rolle, ebenso fungiert er – wie es der Religionswissenschaftler Peter Antes formulierte – als „Nahtstelle“ zwischen Gottheit und Menschheit.

Christusdarstellung

Christusdarstellung. (Quelle: Walter Hochauer via Wikimedia Commons)

Wer sich zu Jesus Christus bekennt, kann auf Erlösung hoffen. Im historischen Jesus von Nazareth sehen Christen die Menschwerdung, den „Sohn“, Gottes. Jesus Christus kümmerte sich um Bedürftige, Alte und Kranke und vermittelte damit das Bild eines Gottes, dem ein bußfertiger Sünder mehr bedeutete als 99 Gerechte (Lukas 15:7). Das machte auch Sündern und gesellschaftlich als niedrig angesehenen Menschen Hoffnung. Damit stieß Jesus jedoch auf Kritik beim religiösen und politischen Establishment. Er landete nicht nur im gesellschaftlichen Abseits, sondern ihm wurde der Prozess gemacht. Jesus von Nazareth starb am Kreuz, stieg jedoch nach christlicher Überlieferung nach drei Tagen aus seinem Grab auf und kehrte zu seinem Vater in den Himmel zurück.

Als „Sohn Gottes“ stellte sich in der frühen christlichen Gemeinschaft die Frage nach der menschlichen oder göttlichen Natur von Jesus Christus. Es gab bald Streit darüber, ob Jesus von Natur aus menschlich sei oder nur als Mensch erscheine. War er göttlicher Wille in menschlicher Form? Oder göttliche Natur, in welcher der Mensch Jesus gänzlich aufgegangen war? Auf mehreren Konzilen wurden diese und ähnliche Fragen diskutiert. Es setzte sich die Ansicht durch, dass Jesus Christus menschgewordener Gott sei.

Zur Entstehungszeit des Christentums war die Vorstellung menschlicher Götter und vergöttlichter Menschen nicht ungewöhnlich, doch im jüdischen Umfeld gefährdeten solche Vorstellungen den strengen Monotheismus. Christen wurden der Gotteslästerung verdächtigt. Um nicht auf eine monotheistische Glaubensvorstellung verzichten zu müssen, gleichzeitig aber sowohl das Gottsein Jesus‘ als auch den Unterschied zwischen Jesus und Gott zu betonen, entwickelten christliche Denker die Lehre vom dreifaltigen Gott (Trinitätslehre). Damit wurde das Dilemma auf einem hohen theologisch-philosophischen Niveau gelöst, für die Mehrzahl der Gläubigen spielt es jedoch nur eine untergeordnete Rolle; einige christliche Richtungen haben sich bereits früh vom Trinitätsgedanken abgewandt. In der Dreieinigkeit von Gott, Jesus Christus und heiligem Geist lag zudem für das Christentum die Möglichkeit, Einblick in das innergöttliche Erleben zu erlangen. Im Judentum und Islam hingegen bleibt dies ein Mysterium. (Mehr zur Trinitätslehre gibt es im nächsten Teil der Christentum-Serie!)

Die Verbindung von Mensch und Gott findet sogar im Kreuz, an dem Jesus Christus starb und das zum Symbol des Christentums wurde, seinen Ausdruck: Im Vertikalen deutet das Kreuz nach oben, zu Gott hin. Die Vertikale verweist jedoch auf die Mitmenschen und die Gemeinschaft. Diese spielte seit Beginn des Christentums eine wichtige Rolle. Bis heute ist der wöchentliche Gottesdienst in fast allen christlichen Denominationen von hoher Bedeutung. Feierlichkeiten zur Geburt eines Kindes oder der Aufnahme in die christliche Gemeinschaft (Taufe), Hochzeiten, aber auch Beerdigungen und Trauerfeiern werden in der Gemeinschaft begangen. Das Handeln von Jesus Christus soll Vorbild für jeden Christ sein. Er kümmerte sich um die Vernachlässigten der Gesellschaft und so ist die Nächstenliebe ein zentrales christliches Ideal. Zumeist direkt von Mensch zu Mensch praktiziert, gibt es jedoch auch neuere Bestrebungen, welche unter anderem in der Beseitigung struktureller Ursachen von Armut und Benachteiligung eine Form der Nächstenliebe sehen.

Auch für den christlichen Festkalender ist Jesus Christus richtungsweisend. Die wichtigsten Feste sind gebunden an Ereignisse im Leben von Jesus: der Weihnachtszyklus an die Geburt, der Osterzyklus an seinen Tod und die Auferstehung; Pfingsten an das Kommen des Heiligen Geistes, wie es Jesus seinen Jüngern angekündigt hatte.

Nach dieser kurzen Aufwärmung geht es beim  nächsten Mal detaillierter um das christliche Konzept der Dreifaltigkeit. Seid gespannt und lasst mich wissen, was ihr noch alles über das Christentum wissen wollt!

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