Japanische Neureligionen I: Einführung

Hauptsitz der neuen Neureligion reiyukai in Tokyo.

Hauptsitz der neuen Neureligion Reiyūkai in Tokyo. (Quelle: Rs2141 via Wikimedia Commons, CC-BY-SA 3.0)

Japan ist für Religionswissenschaftler ein wahres Eldorado. Nicht nur die verbreiteten Religionen des Shintoismus und Buddhismus bieten sich als spannende Forschungsobjekte an, sondern auch die zahlreichen neuen religiösen Bewegungen. Es lassen sich zwei Wellen der Entstehung von Neureligionen ausmachen: Nach der Öffnung Japans im 19. Jahrhundert entstandene religiöse Bewegungen werden im Japanischen als Neureligionen shinshūkyō bezeichnet. Die sich nach dem Zweiten Weltkrieg herausgebildeten Neureligionen werden in Abgrenzung dazu als neue Neureligionen shinshinshūkyō betitelt.

Die Mehrheit der Neu- und neuen Neureligionen bildete sich um eine Stifterfigur heraus, die in den religiösen Überzeugungen eine zentrale Rolle einnimmt, da sie den ‚Draht‘ zu Gott oder den Göttern hat. Darin zeigt sich bereits ein weiteres Charakteristikum der shin(shin)shūkyō: Sie vereinen Merkmale aus anderen Religionen wie Shintoismus, Buddhismus und Christentum miteinander und verflechten sie mit eigenen Überzeugungen. Dadurch entstehen ganz neue religiöse Vorstellungen.

Nachdem sich Japan unter dem Tokugawa-Shogunat in den 1630er-Jahren gegenüber ausländischen Einflüssen abgeschottet hatte (sakoku, Landesabschließung) machte die erzwungene Öffnung durch die US Navy 1853 der japanischen Isolationspolitik ein Ende. Infolge der Öffnung kam es zu zahlreichen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen. Das Shogunat wurde durch die Herrschaft des Tenno abgelöst, was die innerjapanischen Machtverhältnisse verschob. Eine neue Verfassung wurde erlassen, die sich an westlichen Vorbildern orientierte. Ebenso wurde die Industrialisierung vorangetrieben, was Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig beeinflusste.

Die religiöse Landschaft blieb von den Veränderungen nicht unberührt. Mit der Machtetablierung des Tenno erfuhr der Shinto enorme Aufmerksamkeit, wohingegen buddhistische Strömungen an Macht einbüßten. Zudem konnten seit langem wieder christliche Missionare auf den japanischen Inseln agieren und einige der „versteckten Christen“ (kakure kirishitan) nahmen Kontakt zu den „neuen“ Christen auf.

Das Emblem der Neureligion Tenrikyo

Das Emblem der Neureligion Tenrikyō. (Quelle: public domain via Wikimedia Commons)

Die starken Veränderungen Japans führten bei vielen Menschen zu einer Hinwendung zur Religion. Wenn die etablierten Religionen dem Suchenden keine passende Antwort auf seine Bedürfnisse geben konnten, sahen sie sich nach Alternativen um. In dieser Umgebung entstanden verschiedene volksreligiöse Bewegungen. Die meisten wurden dem Shintoismus zugeordnet oder zählten sich selbst dazu, da die Zugehörigkeit zum Shinto staatlichen Schutz versprach. Oftmals wurden die Bewegungen jedoch zur Kooperation mit dem Staat gezwungen, um nach außen den Eindruck einer staatlich-religiösen Einheit zu erwecken.

Zu den shinshūkyō, die als „Sekten-Shinto“ bezeichnet wurden, gehörten 13 religiöse Bewegungen.

  • Kurozumikyō
  • Misogikyō
  • Fusōkyō
  • Ontakekyō
  • IzumoŌyashirokyō
  • Shintō Shuseiha
  • Shintō Taikyō
  • Jikkokyō
  • Shintō Taiseikyō
  • Shinrikyō
  • Shinshūkyō
  • Tenrikyō
  • Konkōkyō

Auch die zweite Welle der shinshinshūkyō stand im Zusammenhang mit politischen und sozialen Umwälzungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Macht des Tenno beschnitten und eine parlamentarische Demokratie errichtet. Damit einhergehend wurde 1947 eine neue Verfassung erlassen, die auch Folgen für die japanischen Religionsgemeinschaften hatte. Die Trennung von Religion und Staat führte dazu, dass der Shintoismus nicht mehr vom Staat gefördert wurde. Die dem Shinto zugeordneten Neureligionen konnten sich von diesem lösen und eigene Strukturen aufbauen.

Flagge der Sokagakkai.

Flagge der Sōkagakkai. (Quelle: Giwa via Wikimedia Commons, CC-BY-SA 3.0)

Unterstützt wurden sie durch die in der neuen Verfassung garantierte Religionsfreiheit und dem sogenannten Erlass über die Religionsgemeinschaften (shūkyō hōjin rei), der lediglich eine Registrierung als religiöse Organisation erforderte. Dies beförderte nicht nur die Loslösung der Neureligionen von Shintoismus oder Buddhismus, sondern beflügelte auch die Entstehung neuer Neureligionen. Bis 1951 ließen sich unglaubliche 720 religiöse Organisationen registrieren! Darunter befanden sich Neureligionen wie die buddhistisch geprägte Religionen Reiyūkai, Risshō Kōseikai oder Sōkagakkai, aber auch christlichem Gedankengut nahestehende Religionsgemeinschaften wie Tōitsu Kyōkai, Genshi Fukuin und Jesu no Mitama Kyōkai. Auch dem Shinto verbundene Religionen wie Tenrikyo und Omotokyo wurden registriert. Daneben nutzten auch die nach dem Krieg entstandenen Neuneureligionen wie Jiukyō und Sekai Kyūsei Kyō die Registrierung.

Stellvertretend für die Vielzahl der shin(shin)shūkyō werden in den nächsten Beiträgen einige der spannendsten religiösen Bewegungen vorgestellt. Seid also gespannt!

 

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