Japanische Neureligionen II: Tenrikyō

Zentrum der Tenrikyo in Tenri, Nara-Präfektur.

Zentrum der Tenrikyō in Tenri, Nara-Präfektur. (Quelle: Ultratomio via Wikimedia Commons)

Tenrikyō ist eine der bekanntesten Neureligionen Japans und ist ein hervorragendes Beispiel für die Verschmelzung shintoistischer, buddhistischer und christlicher Elemente in einer Gemeinschaft, die sich selbst als Weltreligion sieht. Nach eigenen Angaben hat Tenrikyō weltweit ungefähr vier Millionen Anhänger. Doch das Glück war Tenrikyō nicht immer hold.

Die Stifterin von Tenrikyō war Nakayama Miki. Sie wurde 1798 als Maegawa Miki  in der heutigen Nara-Präfektur geboren und entstammte einer wohlhabenden Bauernfamilie. Mit zwölf heiratete sie in die Nakayama-Familie ein, was als guter Fang galt, da die Nakayamas von lokaler Bedeutung waren. Nach allgemeiner Auffassung hätte Miki glücklich sein sollen. Doch ihr viel auf, dass viele Menschen, die ärmer als sie waren, trotzdem glücklicher wirkten. In der zutiefst buddhistischen Überzeugung, dass der Grund für ihr Leiden im Anhängen an weltlichen Besitz lag, nahm sie davon immer weiter Abstand. Nach einem Erweckungserlebnis, bei dem der „wahre Gott“ Moto no Kami (auch Jitsu no Kami) durch Miki sprach und verkündete, er habe in ihr Wohnung genommen, begann Nakayama Miki ihren Besitz gegen den Widerstand der Familie zu verschenken.

Nakayama Miki

Darstellung der Tenrikyō-Gründerin Nakayama Miki. (Quelle: public domain via Wikimedia Commons)

Zunächst hielten viele Menschen ihrer Umgebung Nakayama Miki schlicht für verrückt. Doch immer wieder half und unterstütze sie Kranke, besonders bei schwierigen Geburten wurde sie hinzugezogen. Sie erwarb sich den Ruf einer „Göttin des leichten Gebärens“ (anzan no kamisama) und viele der dankbaren, frischgebackenen Väter und Mütter wurden ihre ersten Anhänger.

Mit ihrem Ruf als Heilerin verbreitete sich auch ihre Überzeugung, dass mit Armut das wahre Glück beginnt. In der japanischen Edo-Zeit, in der extreme Unterschiede zwischen den sozialen Klassen klafften und Armut sowie Krankheiten weit verbreitet waren, fielen Mikis Überzeugungen auf fruchtbaren Boden.

Noch heute sind Nakayama Mikis Glaubensgrundsätze für Tenrikyō-Gläubige richtungsweisend. Sie glauben daran, dass Nakayama Miki das Gefäß für Tenri ō no mikoto (auch Kami, Tsukihi, Oya oder Oyagami genannt) ist. Er ist der Elterngott im Himmel, Nakayama erfüllt die gleiche Funktion auf Erden. Gemeinsam bilden sie Oyasama und der Glaube an sie ist der Anfang auf dem Weg zur Erlösung.

Die Lehre Tenrikyōs ist gekennzeichnet durch die Überzeugung, dass sich das in früheren Leben gesammelte Karma als eine Art Staub (hokori) auf dem Herzen jedes Menschen ablagert. Nur, wenn man sich von seiner Ich-Sucht reinigt, kann man ein wahrhaftiges Herz (makoto shinjitsu) bekommen und so ein „frohes Leben“ (yōkigurashi) führen. Damit könne ein Mensch 115 Jahre alt werden, verkündete Nakayama Miki. Sie selbst starb 1887 im Alter von 88 Jahren.

Religiöses Symbol der Tenrikyo.

Religiöses Symbol der Tenrikyō. (Quelle: public domain, via Wikimedia Commons)

Bereits 20 Jahre vor ihrem Tod war das erste Gotteshaus von Tenrikyō gebaut worden. Seitdem stand die Gemeinschaft jedoch auch unter Beobachtung buddhistischer sowie shintoistischer Organisationen und geriet ins Visier der Polizei. Tenrikyō war schließlich keine lizensierte Religionsgemeinschaft und gehörte offiziell weder dem Buddhismus noch dem Shintō an. Hinzu kam, dass Nakayama Miki die Regierung offen ablehnte, was ihr im Laufe ihres Lebens mehrere Gefängnisaufenthalte einbrachte.

Nach dem Tod von Miki bemühten sich ihr Sohn und ihr Enkel um eine Annäherung an den Staat und eine Legalisierung ihrer Gemeinschaft. Doch immer wieder geriet Tenrikyō in Kritik bei Politikern und Journalisten. Nichtsdestotrotz gelang es dieser Neureligion 1908 als Untergruppe in den Sektenshintō (kyōha shintō) aufgenommen zu werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Sektenshintō im Zuge der neuen Verfassung sowie der damit einhergehenden Trennung von Religion und Staat aufgelöst. 1970 trat Tenrikyō zudem aus der Vereinigung des Sektenshintō.

Seitdem tritt Tenrikyō in seinem Selbstverständnis als Weltreligion auf und betont seine Unabhängigkeit sowohl gegenüber dem Shintoismus als auch dem Buddhismus. Zentrum des Tenrikyō isst die Stadt Tenri in der Nara-Präfektur, wo das Hauptgotteshaus der Gemeinschaft steht. Nur dort darf der kanrodai-Gottesdienst durchgeführt werden und dort befindet sich nach Überzeugung der Gläubigen der „Erdpunkt“ jiba, welcher den Ort markiert, an dem die ersten Menschen von den shintoistischen Göttern Izanami und Izanagi, mit Unterstützung des Gottes Tenri versteht sich, geschaffen wurden.

Mit der Verbindung dieser shintoistischen Mythen mit buddhistischem Karmagedanken und einer ans Christentum angelehnten Gottvorstellung haben die Gläubigen von Tenrikyō eine außergewöhnliche und erfolgreiche Geschichte einer neuen Religion in Japan verfasst und schreiben diese immer noch fort.

 

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