Japanische Neureligionen III: Aum Shinrikyō

Proteste gegen Aum Shinrikyo 2009.

Proteste gegen Aum Shinrikyo 2009. (Quelle: Abasaa via Wikimedia Commons)

1995 war für Japan kein Glücksjahr. Eingeläutet wurde das Jahr von der großen Erdbebenkatastrophe in Kobe (mit einem Ausschlag von 7 Shindō, was bis dahin in Japan noch nie erreicht wurde) mit 4.000 Toten, 15.000 Verletzen und 300.000 Menschen, die durch das Erdbeben und die folgenden Brände obdachlos geworden waren. 1995 war jedoch auch das Jahr, das Japan mit den Folgen eines Giftgasanschlages in der Tokyoter U-Bahn in Atem liegt, durchgeführt von Anhängern einer der neuen Neureligionen: Aum Shinrikyō.

Am 20. März 1995 zur morgendlichen Hauptverkehrszeit deponierten fünf Anhänger von Aum Shinrikyō elf Beutel mit flüssigem Sarin auf dem Bahnhof Kasumigaseki, wo sich drei U-Bahnlinien treffen und welcher morgens von Pendlern stark frequentiert wird. Bevor die fünf den Bahnhof verließen, stachen sie Löcher in die Sarinbeutel. Da Sarin leicht flüchtig ist, verteilte es sich im Bahnhof und gelangt über die U-Bahnen und deren Schächte auf 15 weitere Bahnhöfe. Das Giftgas wird besonders über die Haut, Augen und Atmungsorgane aufgenommen. Bereits in sehr kleinen Mengen kann Sarin tödlich sein, da es die Erregungsübertragung des Nervensystems gestört wird.

13 Menschen starben durch den Giftgasanschlag – einige erst Wochen nachdem sie dem Gas ausgesetzt waren –  und es gab nach Einschätzung der Polizei (Stand 2012) über 6.000 Geschädigte. Dass es nicht bedeutend mehr Tote gab, ist dem Umstand zu verdanken, dass Aum Shinrikyō des Sarin selbst herstellte und es daher von minderer Qualität war.  Zudem wurde das Gas durch die Beutel in Mülleimern nicht optimal verteilt. Ansonsten hätte es deutlich mehr Tote gegeben.

Wer steht hinter Aum Shinrikyō?

Aum Shinrikyō zählt zu den neuen Neureligionen ging 1987 aus einem Yogaverein hervor, den Chizuo Matsumoto 1984 begründet hatte. Matsumoto stammte aus ärmlichen Verhältnissen und war seit seiner Geburt stark sehbehindert. Bereits in der Schule war er durch die Drangsalierung von Mitschülern aufgefallen und später geriet er meist aufgrund von Prügeleien in Konflikt mit dem Gesetz. Er erwarb sich jedoch auch einen guten Ruf auf dem Gebiet der Akupunktur und chinesischer Medizin.

Matsumoto widmete sich verstärkt religiösen Themen und änderte seinen Namen in Shōkō Asahara. Nach einem Erweckungserlebnis, dass Asahara auf einer Reise nach Indien hatte, benannte er auch seinen Yogiverein um. Fortan hieß dieser Omu Shinrikyō (durch die englische Transkription auch in Deutschland meist als Aum geschrieben) und bekam eine religiöse Ausrichtung. Der Name bedeutet ungefähr „Om-Lehre der Wahrheit“ und bezieht sich auf die Silbe Om, die buddhistische und hinduistische Gruppierungen bei der Meditation nutzen.

Zur Erlösung will Asahara seine Anhänger führen, durch die Wiederbelebung eines „Ur-Buddhismus“. Dieser beinhaltete jedoch die Verehrung des hinduistischen Gottes Shiva, zu dem sich dann noch christliche Elemente gesellten. So bezeichnete Asahara sich selbst 1992 als „Christus“, der die Sünden der Welt auf sich nehme. Christliches Endzeitdenken beeinflusste die Lehre von Aum Shinrikyō ebenso als Asahara das Ende der Welt für 1997 vorhersagte. Ein dritter Weltkrieg würde dieses Ende herbeiführen und dadurch auch das Ende der Menschheit. Nur die Anhänger von Aum Shinrikyō würden überleben.

Um nicht von der äußeren Welt verleitet zu werden, zogen sich viele Anhänger von ihren Familien und Freunden, die nicht Teil der religiösen Gemeinschaft waren, zurück und organisierten sich in kleineren Gemeinschaften. Dadurch war vielen Mitgliedern der Neureligion nicht bekannt, dass ein Teil der Gemeinschaft mit der Herstellung von Sarin experimentierte. Trotz der Kritik von Familienangehören und Freunden von Aum-Anhängern wurde Aum Shinrikyō 1989 in Tokyo als Religionsgemeinschaft registriert und etablierte sich als kleinere Neureligion, die jedoch reiche Unterstützer für sich gewinnen konnte.

Bereits in den Jahren zwischen der Anerkennung und dem Anschlag auf die Tokyoter U-Bahn gingen mehrere Verbrechen auf das Konto der Aum Shinrikyō, deren Zusammenhang jedoch erst mit dem Anschlag 1995 aufgeklärt werden konnte. Das Verschwinden und der vermutete Mord an einem Rechtsanwalts, der u. a. Familienangehörige von Aum Shinrikyō vertrat, und seiner Familie konnte erst durch ein Geständnis eines im Zuge des Anschlags Verhafteten geklärt werden. 1994 hatte es darüberhinaus in Matsumoto einen Sarinanschlag gegeben, bei dem sieben Menschen gestorben waren und es 500 Verletzte gab. Während der Ermittlungen zu diesem Vorfall geriet Aum Shinrikyō ins Visier der Ermittler. Es wird vermutet, dass Asahara auch deshalb den Anschlag auf Tokyo befahl, um von den Ermittlungen in Matsumoto abzulenken.

Nach dem Giftgasanschlag wurden viele Mitglieder von der Polizei verhaftet. Zwölf von ihnen wurden inzwischen zum Tode verurteilt. Die Mehrheit der Anhänger von Aum Shinrikyō sagte sich von der Gemeinschaft los, was finanzielle Verluste nach sich zog, zumal der Staat alle Konten und allen Besitz konfisziert hatte. 1999 entschuldigte sich die neue Anführerin von Aum Shinrikyō offiziell für den Anschlag. Im darauffolgenden Jahr sagte sich die Gemeinschaft von Asahara los und benannte sich in „Aleph“ um. Bis heute steht die Gemeinschaft unter polizeilicher Überwachung. Es kam jedoch nie zu einem Verbot der Neureligion. Dabei dürfte auch eine Rolle spielen, dass Neureligionen eine hohe Wählermobilisierung aufweisen. Jeder Politiker, der sich für ein Verbot engagiert, riskiert seine Wiederwahl.

Und was wurde aus dem Gründer Asahara? Zwei Monate nach dem Anschlag wurde er festgenommen. Das Gerichtsverfahren zog sich lange hin und wurde erst 2004 abgeschlossen. Da mehrere Anträge auf Berufung und Neuverhandlung abgewiesen wurden, wartet Asahara in seiner Zelle auf sein Urteil: Tod durch Erhängen.

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