Gülen-Bewegung – Ein Jahr nach dem Putschversuch in der Türkei

Ein Jahr ist der Putschversuch in der Türkei bereits her und noch immer sind viele Fragen zu den Hintergründen ungeklärt. Für die türkische Regierung stand der Drahtzieher jedoch bereits in der Nacht des Putsches fest: Fethullah Gülen. Was hat es mit dem Prediger auf sich, dass er der türkischen Regierung so gefährlich erscheint?

Fethullah Gülen 2016

Fethullah Gülen 2016. (Quelle: public domain via Wikimedia Commons)

Die Kindheit und Jugend Fethullah Gülens verlief denkbar unspektakulär. Geboren 1941 in der Provinz Erzurum im Nordwesten der Türkei, wurde er zunächst von seiner Mutter zu Hause unterrichtet, besuchte dann die Grundschule, gefolgt von einer religiös ausgerichteten Privatschule. Nach der Schule wurde Gülen zum Imam ausgebildet und war als staatlicher Angestellter der Diyanet (der türkischen Religionsbehörde) Prediger einer Moschee im westtürkischen Edirne. In den 1960er-Jahren wurde Gülen nach Izmir, rund 500 km südlich von Edirne, versetzt.

Bereits in jungen Jahren hatte Gülen sich der Nurculuk-Bewegung angeschlossen, deren Reformansatz ihn nachhaltig beeinflusste. Der Begründer der Nurculuk-Bewegung war Said Nursi, ein kurdischer Scheich, der die Bruderschaft 1923 einrichtete. Nursie lehnte die moderne türkische Republik Atatürks ab. Statt dem von Atatürk eingeführten Laizismus, der Religion im Allgemeinen und den Islam im Besonderen aus der Öffentlichkeit verbannte, vertrat Nursi die Ansicht, Vernunft und Offenbarung müssten miteinander versöhnt werden. Seine Theologie verfolgte einen Reformansatz, der Koran und moderne Wissenschaft in Balance bringen sollte. Fethullah Gülen wurde in seiner späteren Rolle als Begründer der Hizmet-Bewegung (wie sich die Gülen-Bewegung selbst bezeichnet, nach den religiös verdienstvollen Handlungen, die jeder Anhänger bestrebt sein sollte auszuführen) stark von den Lehren Said Nursis und des muslimischen Gelehrten und Theologen Jalal ad-Din Muhammad Rumi beeinflusst.

In Izmir begann Gülen, die Theologie Nursis auszubauen und praktisch umzusetzen. Er proklamierte die Vereinbarkeit von Demokratie, freier Marktwirtschaft und wissenschaftlicher Bildung einerseits mit islamischen Werten, Koran und Scharia andererseits. Diese Form eines modernen Reformislam wirkte besonders auf gebildete Türken anziehend, die durch Spenden das nötige Kapitel lieferten, um die erste Säule des späteren Gülen-Imperiums aufzubauen. Gülen richtete Nachhilfeschulen und Nachmittagsbetreuung für Schulkinder ein, später kamen Sommercamps und Studentenwohnheime hinzu. Ab den 1980er-Jahren gründete die Gülen-Bewegung Schulen und Universitäten. Die Schulen hatten oft einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt, doch es gab auch religiöse Unterweisungen, womit die Schulen zum praktischen Beispiel der Umsetzung von Gülens Versöhnung von Glauben und Vernunft wurden. Die Schüler und Studenten, die eine Gülen-Einrichtung absolviert hatten, wurden Teil des weitreichenden Netzwerkes von Gülen-Anhängern, die sich gegenseitig unterstützten.

Die Erfolge Gülens in den 80er-Jahren beruhten auch auf der guten Beziehung zur Regierung, die nach dem Putsch des Militärs 1980 an die Macht gekommen war. Im Gegensatz zu aktuellen Aussagen Gülens, begrüßte er den Putsch von 1980 (Gottschlich 2016), ermöglichte er doch wirtschaftliche Freiheiten und den Aufstieg von Gülen-Anhängern und -Sympathisanten in Staat, Justiz und Wirtschaft. Das gute Verhältnis war auch darauf zurückzuführen, dass Gülen keine eigene religiöse Partei gegründet hatte, die in Konkurrenz zur Regierung Özal gestanden hätte.

Neben der intensiven Bildungsförderung kristallisierten sich zwei weitere Säulen des Gülen-Imperiums heraus: Der Cemaat (türkisch für Gemeinschaft) gehören zahlreiche Medienunternehmen (z. B. Zeitungen, Nachrichtenagenturen) und Wirtschaftsunternehmen (darunter auch Banken). Einrichtungen und Anhängern gab es nicht mehr nur in der Türkei, sondern in den 1990er-Jahren breitete sich die Bewegung zunächst in Zentralasien und auf dem Balkan, später auch in Europa und Amerika, aus. Heute gibt es die Gülen-Bewegung in 160 Ländern, darunter auch Deutschland.

Die Bildungseinrichtungen sind nach wie vor der wichtigsten Bestandteil beim Aufbau von Netzwerken in neuen Ländern und beim Gewinn neuer Anhänger. Jedoch beschränken sich Konversionsbemühungen zumeist auf Muslime, die Schulen stehen jedoch jedem offen. Zudem ermöglicht das internationale Netzwerk insbesondere Jugendlichen Beziehungen in andere Länder aufzubauen und die Welt kennenzulernen.

Bereits Ende der 90er-Jahre wurde ein juristisches Verfahren gegen Gülen angestrebt wegen der Aufforderung an Anhänger Schlüsselpositionen im Staat anzustreben. Man befürchtete eine Unterwanderung des türkischen Staates. Bevor er festgenommen werden konnte, floh Gülen in die USA. Auch wenn er 2006 von den Vorwürfen freigesprochen wurde, lebt Fethullah Gülen seit 1999 im selbstgewählten Exil in den USA und zeigt sich selten öffentlich. Persönlichen Kontakt hält er zu einem engen Kreis von Anhängern; Predigerreisen wie zu Beginn seiner Karriere in der Türkei unternimmt er kaum noch. Umso mehr Bedeutung kommen den Videobotschaften zu, die u.a. über Youtube breite Ressonanz finden.

Seit der Gründung der türkischen Partei AKP (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) durch den derzeitigen türkischen Präsidenten Erdogan 2001 engagierte sich Gülen stärker in der Politik des Landes. Gemeinsam arbeiteten Erdogan und Gülen an der Beseitigung kemalistischer Bürokratie im Militär, was z. B. 2007 zu Säuberungsaktionen führte, bei denen sich Gülen-Anhänger in der Justiz hervortaten. Doch auf Dauer konnte ein Bündnis zweier Machtmenschen wie Erdogan und Gülen nicht bestehen. Es kam 2012 zum Zerwürfnis. Denn auch wenn sich Gülen gern als weisen, alten Mann darstellt, hält er die Fäden seines religiösen und wirtschaftlichen Imperiums doch fest in der Hand.

Das Zerwürfnis zwischen Erdogan und Gülen entzündete sich an den unterschiedlichen Herangehensweisen im Umgang mit der kurdischen PKK. Während Erdogan auf Gespräche setzte, optierte Gülen für einen Militärschlag. Darin kamen die konkurrierenden Machtansprüche zum Ausdruck. Nun saß Erdogan jedoch am sprichwörtlich längeren Hebel. Zudem lässt sich mit Jürgen Gottschlich argumentieren, dass Erdogan Gülens Netzwerke zur Sicherung seiner Macht nicht mehr brauchte, weil an den entscheidenden Machpositionen nun Erdogans Männer saßen. 2013 wurden Korruptionsfälle bekannt in die Gülen und Anhänger seiner Bewegung verstrickt waren. Die Mehrheit der Wirtschaftsunternehmen der Cemaat wurden verstaatlicht.

Noch in der Nacht des gescheiterten Militärputsches am 15. Juli 2016, als die Hintergründe noch im Dunkeln lagen, beschuldigte Erdogan bereits öffentlich Fethullah Gülen der Drahtzieher hinter dem Putsch zu sein. Seitdem hat es eine Säuberungswelle gegeben, die bekannten Gülen-Anhängern und -Sympathisanten den Job kostete oder Gefängnis einbrachte. Unternehmen und Medien, wie die Zeitung Zaman Gazatesi, die sich noch in Händen der Gülen-Gemeinschaft befanden, wurden geschlossen.

Für die Cemaat bedeutete das in der Türkei das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Abseits. Auf lange Sicht könnte sich daher das Zentrum der Gemeinschaft, das trotz des Exil Gülens noch immer in der Türkei lag, ins Ausland verlagern. Auf überzeugte Anhängern Gülens haben die anhaltenden Vorwürfe kaum Einfluss, doch Teile der Geldgeber, Beschäftigten und Profitierenden der Angebote von Gülen-Einrichtungen wenden sich nach dem Putschversuch von der Gemeinschaft ab.

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