Religionen in China

Die sozialistische Volksrepublik China hat sich in seiner Verfassung dem Maoismus und Kommunismus verschrieben. Für Religion ist da üblicherweise kein Platz. Trotzdem lässt China – zugegebenermaßen in engen Grenzen – Religionsgemeinschaften und -ausübung zu. Davon profitieren die traditionell als „drei Lehren“ (sanjiao) bezeichneten buddhisitschen, konfuzianischen und daoistischen Überzeugungen. doch auch das protestantische Christentum, die katholische Kirche Chinas und der Islam erhalten dank ihrer offiziellen Anerkennung als Religionsgemeinschaft regen Zulauf.

Drei Männer symbolisieren Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus.

Drei Männer symbolisieren Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus. (Quelle: Wikimedia Commons, public domain)

 

Diesen Zulauf an Gläubigen zu erfassen, gestaltet sich jedoch schwierig. Einerseits werden von staatlichen Stellen herausgegebene Statistiken zum Teil beschönigt. Andererseits lassen sich Gläubige schlecht erfassen, da viele Chinesen ihren Glauben und ihre religiösen Praktiken nicht als „Religion“ verstehen. Der heute in China gebräuchliche Begriff zongjiao bezieht sich auf organisierte Lehren, die bestimmten Strukturen (Institutionen, heilige Texte, Priester u.ä.) unterliegen, und entstand erst nach Kontakten mit „westlichen“ Religionen. Auf Traditionen wie Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus lässt sich dieses Konstrukt jedoch nicht übertragen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Religionen Chinas keine Exklusivitätsanspruch an ihre Gläubigen stellen. Es lässt sich eine ähnliche „Arbeitsteilung“ wie in Japan beobachten – insbesondere zwischen den traditionellen „drei Lehren“. So werden Hochzeiten häufig nach daoistischen Riten durchgeführt, doch bei Beerdigungen wendet man sich eher an einen buddhistischen Tempel. Oft wird auch gesagt, man sei Konfuzianer solange es einem gut geht, Daoist, wenn das nicht mehr der Fall ist (was immer das für die Hochzeiten bedeuten mag) und Buddhist, wenn man mit dem Tod in Berührung kommt.

Darüber hinaus sind volksreligiöse Praktiken in China weit verbreitet. Hierzu zählen Ahnenverehrung, Seelenvorstellungen und Schamanismus. Die chinesische Volksreligion ist weder identisch mit den „drei Lehren“ noch ist sie fundamental verschieden. Vielmehr bereichern sich alle Traditionen gegenseitig, was es erschwert die Grenzen zwischen ihnen auszumachen. Um trotzdem einen Eindruck davon zu gewinnen, wie die einzelnen Religion in der Bevölkerung vertreten sind, hier eine Übersicht der bpb (Stand 2000/2005):

„Insgesamt 31,4% Gläubige (also hochgerechnet ca. 300-400 Mio.),
davon:

  • Volksreligion ca. 130 Mio. (32,6% der Gläubigen)
  • Buddhismus (ca. 150-200 Mio.)
  • Protestantisches Christentum (25-35 Mio.)
  • Islam (11-18 Mio.)
  • Katholische Kirche (8,5-13 Mio.)
  • Daoismus (5,5 Mio.)“

Quelle: bpb Dossier China – China heute 19 und 26 nach offiziellen Daten von 2000 und Untersuchungen von Prof. Liu Zhongyu und Prof. Tong Shijun von 2005.

 

Bis ins 20. Jahrhundert existierten die „drei Lehren“ und die chinesische Volksreligion unter der Herrschaft der Kaiser, die nicht wenige Elemente aus diesen Traditionen für ihre Herrschaftslegitimation nutzten, tendenziell harmonisch nebeneinander. Das Christentum konnte trotz Missionierungsbemühungen seit dem 7. Jahrhundert erst im 16. Jahrhundert durch die Mission der Jesuiten endgültig in China Fuß fassen. Christlicher Einfluss, ebenso wie der des Islam, blieb bis ins 19. Jahrhundert jedoch zeitlich und regional begrenzt.

Die religiöse Landschaft veränderte sich schlagartig mit dem Ende der Kaiserherrschaft: Während der folgenden Zeit der Republik und des Bürgerkrieges (1912-1949) wurden die traditionellen chinesischen Religionstraditionen als rückständig angesehen und abgelehnt. Mit der Errichtung der Volksrepublik China wurden die fünf anerkannten Religionsgemeinschaften (Buddhismus, Daoismus, Protestantismus, Katholizismus und Islam), ebenso wie andere gesellschaftliche Kräfte, dem Aufbau des neuen, sozialistischen Chinas untergeordnet. Damit ergaben sich nur kleine Aktionsräume für die Religionen.

Mit dem Ausbruch der Kultrurevolution 1965 verschwanden auch diese letzten Aktionsräume. Erst ab 1987 begannen sich im Zuge der Reform- und Öffnungspolitik Chinas auch wieder Freiräume für Religionen herauszubilden. Daraufhin erhielten Religionsgemeinschaften und religionsähnliche Gruppierungen enormen Zulauf. Es kam zu einem regelrechten „Religionsfieber“.

Obwohl die chinesische Verfassung von 1982 Religionsfreiheit gewährt, lässt sich kaum von ungestörter Religionsausübung sprechen. So knüpft bereits der Verfassungstext Bedingungen an den Schutz der Religion und untersagt „konterrevolutionäre Tätigkeiten“ sowie ausländische Beeinflussung. Diese Formulierungen eröffnen ein weites Feld für Interpretationen. Hinzu kommen Erlasse, die zwar offiziell keinen Gesetzescharakter haben und auch meist lokal begrenzt gelten, doch trotzdem enorme Macht entfalten.

Die Grenzen, in denen sich die fünf zugelassenen Religionen (Buddhismus, Daoismus, Protestantismus, Katholizismus und Islam) bewegen, sind auch deshalb eng gehalten um ihnen nicht die Möglichkeit zu gewähren, eine wirksame Opposition gegen die kommunistische Herrschaft aufzubauen. Zwar erhofft sich die Kommunistische Partei über des Vehikel Religion Menschen zu erreichen, die für die kommunistische Idee nicht empfänglich sind, gleichzeitig will der Staat jedoch stets die Kontrolle behalten. Das bedeutet auch, dass keine der Religionsgemeinschaften Einfluss auf den Gebieten der Erziehung und der Medien gewährt wird.

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts lässt sich trotzdem beobachten, dass Konfuzianische und volksreligiöse Traditionen zunehmend offiziell als kulturelles Erbe Chinas anerkannt werden. Zudem hat das konfuzianische Ideal einer „harmonischen Gesellschaft“ durch die ehemaligen Staatspräsidenten Hu Jintao und Wen Jiabao Einzug in die Politik der Kommunistischen Partei gehalten. Das wiederum erleichtert die sozialen und karitativen Tätigkeiten vieler Religionsgemeinschaften.

Im nächsten Beitrag wird der Konfuzianismus näher beleuchtet. Handelt es sich dabei um eine Philosophie? Oder doch um eine Religion? Vielleicht ist die Antwort einfacher als man denkt. Bleibt gespannt!

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