Das Reformationsjahr – eine Bilanz

Schlosskirche Wittenberg

Die 95 Thesen an der Schlosskirche in Wittenberg.

Das Jahr 2017 steht im Zeichen der Reformation und des Reformators Martin Luther. Die Themen sind breit gefächert, die Veranstaltungen zahllos. Nur die Beteiligung der Religionswissenschaft, die mit ihrer einzigartigen Persepktive einen wertvollen Beitrag leisten könnte, sucht man vergebens.

500 Jahre ist es her, dass Martin Luther laut Überlieferung seine 95 Thesen an die Wittenberger Schlosskriche schlug. Zielte Luther zu diesem Zeitpunkt noch auf ein innerkirchliches Umdenken, wuchs sich die Reformation bald zu einer weitreichenden und umwälzenden Bewegung aus. Dabei ist Martin Luther nicht der einzige Reformator, auch Philipp Melanchthon, Johannes Calvin, Huldrych Zwingli und andere übten Kritik an den Zuständen der lateinischen Kirche. Ihr Engagement führte zur Spaltung des lateinischen (oder: westlichen) Christentums und es folgten die blutigen Auseinandersetzungen des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648).

Langfristig gesehen veränderte die Reformation das Verhältnis von Staat und Religion. Insbesondere Martin Luther prägte mit seiner Forderung nach Zugänglichkeit zu „Gottes Wort“ nachfolgende Generationen. Dank seiner Bibelübersetzung, die von der vorher üblichen Wort-zu-Wort-Übersetzung abwich, wurde die Bibel für jedermann – unabhängig seines sozialen Standes – zugänglich. Bereits vor Luther war die Bibel ins Deutsche übertragen worden, doch erst die „Lutherbibel“ verbreitete sich weit in der Bevölkerung. Das verdankte sie einerseits dem Umstand, dass der freier übersetzte Text leichter lesbar und verständlicher war. Andererseits war die Verbreitung der Bibel durch den Buchdruck deutlich einfacher und schneller möglich.

Um dem Wirken von Martin Luther Rechnung zu tragen, hat die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) am 21. September 2008 die Luther-Dekade eröffnet. Seitdem gab es zahlreiche Veranstaltungen und Jubiläen (z. B. 450. Todestag Melanchthons, 500. Geburtstag Lucas Cranach d. J.), die auf den Höhepunkt, das 500. Jubiläum des Reformationsjahres, hinausliefen. Nächste Woche endet mit dem 31. Oktober, in diesem Jahr bundesweit ein Feiertag, offiziell das Reformationsjahr – Zeit für eine kurze Bilanz.

Die evangelische Kirche

Viel erhoffte sich die EKD von den zahlreichen Veranstaltungen der Luther-Dekade und insbesondere vom Reformationsjahr. Doch vielleicht sind zehn Jahre Feiern einfach zu viel: Trotz einem breiten Angebot von Veranstaltungsarten – von Open-Air-Gottesdiensten, Kirchentagen über Ausstellungen, Diskussionen bis hin zu Pop-Oratorien – blieben die Besucherzahlen oft hinter den Erwartungen zurück.

Innerhalb der evangelischen Kirche gibt es zudem Kritik am Reformationsjubiläum. Der frühere Pfarrer der Thomaskirche in Leipzig, Christian Wolff, bezeichnete das Reformationsjahr als „übergestülpt“. Statt einem Grund zum Feiern sieht Wolff die Kirche in der Krise und fordert gemeinsam mit dem Theologen Friedrich Schorlemmer eine ehrliche Auseinandersetzung mit der schwindenden Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft.

Martin Luther

Portrait von Martin Luther. Aus der Werkstatt Lucas Cranach d. Ä.

Statt kritischer Auseinandersetzung mit der Bedeutung oder den Folgen der Reformation für die Kirche heute, dreht sich die Mehrzahl der Themen in den zahlreichen Veranstaltungen um die Person Martin Luthers. Dabei setzt man sich jedoch nicht nur mit seinen positiven Eigenschaften und seiner reformatorischen Arbeit auseinander, sondern auch mit seinen Schattenseiten – beispielsweise seinen antisemitischen Ansichten.

Von Seiten der evangelischen Kirche zeigte man sich zufrieden mit den Feierlichkeiten, der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm bezeichnete das Jubiläum als „friedlich“, „weltoffen“ und ohne nationalistische oder anti-katholische Tendenzen. Diese „weichgespülte Ökumene“ stieß nicht überall auf Gegenliebe, wie Kardinal Gerhard Ludwig Müller, ehemaliger Chef der vatikanischen Glaubenskongregation, seine Kritik formulierte.

Der Tourismus

In der Bevölkerung hielt sich die Begeisterung für die Reformation in Grenzen. Trotzdem haben sich die rund 50 Millionen Euro, welche die Bundesregierung seit 2011 auch in die Sanierung der Reformationsstätten investiert hat, gelohnt.

Besonders Thüringen hat einen Zuwachs an Besuchern zu verzeichnen. Nicht nur die Anzahl der Übernachtungen habe zugenommen, sondern auch die der Tagesgäste. Besonders auffällig sei die Steigerung beim Anteil der ausländischen Gäste, welcher doppelt so hoch war wie im bundesdeutschen Durchschnitt, berichtete die Thüringer Allgemeine.

Offensichtlich geht es den Besuchern der thüringischen Wartburg und Eisenachs sowie dem sachsen-anhaltinischen Wittenberg nicht nur um Luther und die Reformation. Daneben wollen sie die hübschen Städtchen und die ansprechende Umgebung erkunden. Damit lässt sich die Diskrepanz zwischen den Besucherzahlen kirchlicher Veranstaltungen und touristischer Magnete in Mitteldeutschland erklären.

Die Religionswissenschaft

Eine Bilanz für die evangelische Kirche und den Tourismus zu ziehen, ist recht einfach. Schwieriger wird das für die Religionswissenschaft. Sie ist von Natur aus ein kleines Fach und in der aktuellen Forschung wurde das Reformationsjubiläum wenig thematisiert. Das lässt sich auch für die jährliche Tagung der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft (DVRW) feststellen.

Vielleicht illustriert es die innere Zerrissenheit der Religionswissenschaft. Nach wie vor muss sie sich deutlich von der Theologie abgrenzen. Kein Religionswissenschaftler, der nicht schon mal gefragt wurde, ob er Pfarrer oder Religionslehrer werde. Wer da zum Christentum forscht, hat es nochmal so schwer. Und oft erscheinen exotischere Religionen und Länder ja auch verlockender, nicht wahr? Das bedeutet jedoch auch, dass sich Religionswissenschaftler die Chance entgehen lassen, zu Anlässen wie dem Reformationsjubiläum aktiv zu werden und in der Öffentlichkeit stärker präsent zu sein. Denn auch das fehlt dem Fach nach wie vor, obwohl es Anstrengungen gibt, dies zu ändern.

Zu oft überlassen Religionswissenschaftler Forschern anderer Disziplinen das Feld – nicht nur beim Thema Christentum. Auch der Islam wird allzu oft an Arabisten oder Islamwissenschaftler abgetreten. Aus eigener Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass mich mein religionswissenschaftlicher Hintergrund bei meiner Arbeit schon so manches Mal gerettet hat. Besonders wenn es darum geht, Religionen vergleichend zu betrachten – wofür die Religionswissenschaft nun einmal prädestiniert ist, weil es keine andere Disziplin gibt, die so viele verschiedene Religionen im Blick hat.

Was also bleibt vom Reformationsjubiläum in der Religionswissenschaft? Nichts, wie es scheint. Es sei denn, es sind in diesem Jahr Forschungen angelaufen, deren Ergebnisse dann in einigen Jahren vorliegen. Abgesehen von dieser Möglichkeit hat das Reformationsjahr die Religionswissenschaft nicht beinflusst und die Religionswissenschaft hat es verpasst, das Jubiläum für sich zu nutzen oder es mitzugestalten.

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