Rezension: „Islam in der Krise“ von Michael Blume

Cover „Islam in der Krise“ (mit freundlicher Genehmigung des Patmos Verlags).

Meine Erwartungen an das Buch „Islam in der Krise“, erschienen im Verlag Patmos, waren ziemlich hoch. Auch weil der Religionswissenschaftler Michael Blume der Verfasser ist. Die Lektüre war ernüchternd.


Als ich Michael Blume das erste Mal traf, war das bei einem Kurs über Religionswissenschaft in der Öffentlichkeit, den er an der Universität Leipzig gab. Bis heute setzt er sich bewundernswert für die öffentliche Wirkung der Religionswissenschaft ein und für sein neuestes Buch „Islam in der Krise” hat er fleißig Werbung gemacht. Das kann man mögen oder nervig finden, aber es sorgt für Aufmerksamkeit für ein kleines Fach wie die Religionswissenschaft. Und das kann nie schaden. Auch mich hat die Publicity auf das Buch aufmerksam gemacht. Schon länger folge ich Blumes Arbeit – sowohl Bücher, Ebooks als auch Blogbeiträge. Es war klar, dass ich „Islam in der Krise” lesen musste.

Das Buch selbst ist ansprechend gestaltet und besteht aus sechs Kapiteln. Hinzu kommen Einführung, ein Glossar zum Nachschlagen unbekannter Begrifflichkeiten und eine sehr ausführliche Biografie des Autors. Ein Literaturverzeichnis sucht man leider vergebens. Wer weiterführende Literatur zum Thema will, muss sich durch die Endnoten arbeiten. Bereits in der Einführung merkt man am Schreibstil des Autors die Leidenschaft für religionswissenschaftliche Themen, fehlen darf natürlich nicht die fast schon obligatorische Abgrenzung zur Theologie. Die Einleitung greift außerdem den Buchtitel auf und macht fünf Punkte aus, die zur Ergründung der Krise und ihrer Überwindung wichtig erscheinen: der „stille Rückzug” der Muslime, das Verbot des Buchdrucks 1485, Ölverkauf, Verschwörungsglauben und Demografie. Diese Auswahl scheint willkürlich und dieser Eindruck wurde bei mir bis zum Ende des Buches leider nicht ausgeräumt. Das eine gesamte Religion mit all ihren vielfältigen Strömungen in einer Krise steckt, wird dabei nicht als These formuliert sondern als vorhanden festgestellt. Diese Feststellung allein ist schon ziemlich gewagt und der diffus formulierte Krisenstatus wird bis zum Ende des Buches nicht hinterfragt.

Im ersten Kapitel entwickelt Blume seine Theorie des stillen Rückzugs von Muslimen. Ausgehend von Statistiken zur Religionszugehörigkeit in Deutschland zeigt er auf, dass Menschen als Muslime gezählt werden aufgrund ihrer Abstammung, nicht weil sie zwangsläufig gläubig sind. Blume konstatiert, dass insbesondere in der jungen Generation der Islam als wichtiger „Identitätsmarker” (S. 29) dient, doch Glaubenspflichten nicht befolgt werden. Als Grund dafür wird die kritische Haltung zur Apostasie innerhalb des Islam gesehen: Wer muslimisch sozialisiert wurde, scheue sich davor seine Abkehr vom (islamischen) Glauben öffentlich zu machen. Und so vertraue man sich nur wenigen Menschen an oder behalte es für sich. Dies bezeichnet Blume als „stillen Rückzug”. Dabei wird meiner Meinung jedoch außer Acht gelassen, dass nicht automatisch unreligiös ist, wer Glaubensvorschriften nicht oder nur in bestimmten Kontexten folgt. In einigen sufischen Traditionen beispielsweise steht die Glaubenspraxis nicht im Vordergrund und so werden häufig Gebetsvorschriften nicht befolgt. Der Fokus liegt hier auf innerer religiöser Überzeugung. Ebenso ist es auch historisch so, dass nicht jeder, der zu einer Religion gehörte, automatisch gläubig war.

Der „stille Rückzug” ist auch in islamisch geprägten Gesellschaften zu sehen, so Blume. Dabei verdecken offizielle Statistiken den „massiven Glaubens- und vor allem religiösen Praxisverlust in der islamischen Welt” (S. 33). Es habe sich ein passives Islamverständnis entwickelt, das zu einer oft beschworenen Islamisierung im Widerspruch steht. Genau dieser Punkt hätte meiner Ansicht nach aufgrund der aktuellen Lage in Deutschland mehr Aufmerksamkeit verdient, um Populismus und AfD-Rhetorik mehr fundierte Argumente entgegenzusetzen. Das erste Kapitel allein würde vermutlich als Stoff für ein gesamtes Buch genügen, wenn es konsequent und tiefgründig erforscht würde. Doch in der Blumeschen Tour de force ist es erst der Anfang.

Das zweite Kapitel widmet sich den nach Blume verheerenden Folgen des Verbots des Buchdrucks 1485, denn der Autor stellt dieses Ereignis als das entscheidende Ereignis dar, welches die Erstarrung des Islam einleitete. Aus Bedenken, die arabischen Lettern zu profanisieren, verbot der osmanische Sultan Beyazid (Bayasid) II. 1485 den Buchdruck. Erst 1727 wurde das Verbot zunächst für nicht religiöse Bücher, später dann ganz, aufgehoben. Verweist der Autor zunächst noch darauf, dass aus Sicht der Araber der Mongoleneinfall im 13. Jahrhundert der Blütezeit des Islam ein Ende bereitete, führte es für Nicht-Araber lediglich zu einer Verschiebung der politischen und kulturellen Bedeutung in den nicht-arabischen Raum. Trotzdem hat Blume kein Problem damit, von einem Ereignis im Osmanischen Raum auf Auswirkungen zu schließen, die den Islam im arabischen wie nicht-arabischen Raum erfassen. „Für ein Verständnis der langen Blüte und dann ‚plötzlichen’ Krise der islamischen Zivilisation braucht es also keine überkomplexen […] Theorien.” (S. 72) Doch die Entwicklung des Islam auf ein Ereignis in einem Reich herunterzubrechen, übersimplifiziert die Sache. Zumal wenn die Einwirkung anderer Faktoren nicht einmal erwogen wird.

In den folgenden zwei Kapiteln geht Michael Blume auf zwei Gründe für die Krise des Islam ein: Ölverkauf und Verschwörungsglauben. Kapitel vier erläutert anhand der Rentierstaatstheorie, wie die Erdöl- und Erdgasförderung die Politik in islamischen Ländern prägt und weist auf, dass vielfältigere politische Entwicklungen möglich sind, wenn kein Öl im Spiel ist. Er nennt dafür Tunesien, Indonesien, Bangladesch und Pakistan, ohne jedoch deren Besonderheiten der politischen Entwicklung aufzuzeigen. Am Beispiel Saudi-Arabien, den „Rentierstaat par excellence“, zeigt er die Entwicklungen in erdölreichen Ländern auf: „Bisher radikalisieren und ‚vergiften’ unreflektierte, wahhabitische saudische Lehren auf dem Rücken von Öldollars weltweit islamische Strömungen von Bosnien bis Indonesien.” (S. 85) Das die Mehrheit der islamisch geprägten Länder, unabhängig von Erdöl- und Erdgasvorkommen, mit ihrer kolonialen Vergangenheit und neokolonialen Entwicklungen zu kämpfen haben, wird nur am Rande thematisiert, ist aber in den Ländern ein großes Thema und spielt auch für den Verschwörungsglauben eine Rolle, auf den der Autor im nächsten Kapitel zu sprechen kommt.

Viele Muslime würden sich als machtlos sehen und die Krise als von außen verursacht wahrnehmen. Es ist von einer „westlichen Superverschwörung” die Rede, welche Ereignisse und Niedergangserscheinungen westlichem Einfluss zuschreibt. Dabei werde kaum ein kritischer Blick auf die eigene Geschichte geworfen und es entsteht ein „Geschichtsbild voller Trauer um vergangene Größe und Hass auf heutige, westliche und vor allem jüdische ‚Verschwörer’” (S. 105). Auch in Schulbüchern werde dieses Geschichtsbild vermittelt. Schade, dass an dieser Stelle nicht die politische Umgebung Erwähnung findet, die dieses Narrativ nutzt und unterstützt, da eine kritische Auseinandersetzung die eigene Machtlegitimation in Frage stellt.

In den letzten Jahren konnte man immer wieder lesen, dass der Islam das Christentum in einigen Jahrzehnten als größte Weltreligion ablösen könnte. Im fünften Kapitel seines Buches „Islam in der Krise” zeigt Michael Blume, dass dies bei den abnehmenden Geburtenraten in islamisch geprägten Ländern unwahrscheinlich ist. Dabei betrachtet er Bevölkerungsentwicklung ausschließlich aus Religionssicht, ohne andere Faktoren zu erwähnen oder eine Mitwirkung einzuräumen. Er erweckt den Eindruck einer Monokausalität, die nicht besteht. Religionsdemografie wurde von Blume – ebenso wie Verschwörungsglaube und der „Fluch des Öls” – bereits in Einzelpublikationen behandelt und so vergehen Seiten, ohne dass vom Islam die Rede ist. Schwierig finde ich in diesem Kapitel bereits den im Titel verwendeten Begriff „Geburtendschihad”, der sich auch im Text findet. Weder der Begriff an sich noch sein Entstehungskontext werden erklärt.

„Islam in der Krise” schließt im sechsten Kapitel mit Forderungen an muslimische und nicht-muslimische Leser, den Öl- und Gasverbrauch zu reduzieren, Bildung zu fördern und sich zu engagieren. Besonders muslimische Leser werden aufgefordert, sich besser zu organiseren und gegen statistische Gleichmacherei zu wehren. Auch wenn diese Forderungen leidenschaftlich formuliert werden, wäre es meiner Meinung nach sinnvoller gewesen, dem eine Zusammenfassung der Ergebnisse des Buches voranzustellen. So bleiben die Kapitel für sich allein stehen und es fehlt ihnen ein zusammenführender Rahmen.

Insgesamt finde ich, dass „Islam in der Krise” großes Potential hat, welches leider nicht ausgeschöpft wird. Die Thesen des ersten Kapitels sind meiner Ansicht nach äußerst spannend und hätten mehr Aufmerksamkeit sowie eine tiefergehende, kritische Auseinandersetzung verdient. Begrifflichkeiten werden von Blume unpräzise verwendet (islamisch/muslimisch) und die Rede von „echter” Religionsfreiheit stößt mir persönlich als zu wertend auf. Immer wieder finden sich Exkurse in andere Religionen, Kulturen und Zeiten, die für sich genommen interessant und spannend sind, aber zu weit vom eigentlichen Thema wegführen oder das gemachte Argument nur bedingt unterstreichen. Alles in allem erscheint mir das Buch zu unrund und oberflächlich, um wirklich gut zu sein.

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