Konfuzianismus II – Im Wandel der Zeiten

Darstellung des Konfuzius.

Darstellung des Konfuzius. (Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Seitdem Konfuzius mit seinen Lehren durch die Lande zog, hat sich der Konfuzianismus in verschiedene Richtungen entwickelt und sich mehrmals geradezu neu erfunden. Der Neo-Konfuzianismus, die konfuzianische Kirche und der Neu-Konfuzianismus haben bereits vorhandene Elemente des Konfuzianismus neu gewichtet und neue Aspekte hinzugefügt.

Neo-Konfuzianismus
Neo-Konfuzianismus ist ein Sammelbegriff unter dem Lehren verstanden werden, welche sich ab dem 10. Jahrhundert in China herausbildeten. Im Chinesischen gibt es keine Bezeichnung für dieses Gedankengebäude, wie so oft in der konfuzianischen Geschichte ist der Begriff Neo-Konfuzianismus eine westliche Bezeichnung. Vielmehr werden die einzelnen neo-konfuzianischen Lehren nach ihrem Hauptfokus oder ihrer Entstehungszeit benannt; beispielsweise Lehre vom Weg, Lehre von Wesen und Prinzip oder Song-Lehre. Die Mehrheit neo-konfuzianischer Lehren eint die Übernahme buddhistischer und daoistischer Elemente, deren Eingliederung mit konfuzianischen Schriften begründet oder direkt Konfuzius zugeschrieben wurde. Bis heute wirken die vom Neo-Konfuzianismus beeinflussten Werte und Normen in der chinesischen Gesellschaft. Loyalität, Kindespietät, Keuschheit und pflichtbewusstes Handeln spielen in Verhaltensnormen und Rollenbildern nach wie vor eine große Rolle.

Konfuzianismus als Ursache der Rückständigkeit
Nach der jahrhundertelangen Verbindung von Konfuzianismus und staatlicher Macht wurde diese Beziehung erstmals im 19. Jahrhundert ernsthaft in Frage gestellt. In den Opium-Kriegen (1840-1842) war China der europäischen Macht Großbritannien militärisch und politisch unterlegen. Als Folge dieser Kriege wurden, zunächst mit Großbritannien, später mit anderen europäischen Staaten, Verträge abgeschlossen, die jedoch alle China benachteiligten und quasi zu einer ausländischen Übernahme führten. Auf der Suche nach Gründen für diese Rückständigkeit fanden chinesische Denker und Politiker zahlreiche ‚Verfehlungen’, die dem Einfluss des Konfuzianismus zugeschrieben wurden. Der Konfuzianismus sei in orthodoxen Lehren erstarrt, geradezu zum Fossil geworden. Der unbedingte Respekt gegenüber Eltern, Älteren und Höhergestellten begünstigte derartige Erstarrungsentwicklungen sowohl in Familien als auch in der Bürokratie. Darüber hinaus beförderte er die Benachteiligung von Frauen.

Daraus entstand ein scheinbarer Widerspruch zwischen dem Konfuzianismus und der westlichen Moderne. Dieser sollte folgendermaßen gelöst werden: Der Konfuzianismus sollte als Kern oder Substanz chinesischer Kultur erhalten werden, während westliche Errungenschaften auf dieser Grundlage angewendet wurden. Dies würde den Konfuzianismus mit der Moderne und auch mit der Demokratie vereinbar machen. Der Denker Kang Youwei konnte Kaiser Guanxu 1898 von diesem Konzept überzeugen und es wurden Reformen eingeleitet, die Substanz (Konfuzianismus) und Anwendung (Westen) in die Praxis umsetzen sollten. Die Reformen hatten gerade einmal 100 Tage Bestand und wurden dann wieder rückgängig gemacht.

Die konfuzianische Kirche

Reformer Kang Youwei.

Reformer Kang Youwei. (Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Der Denker Kang Youwei war es auch, der erstmals die Idee des Konfuzianismus als chinesische Staatsreligion aufbrachte. Sein Schüler Chen Huanzhang begründete 1912 die „konfuzianische Kirche” und bemühte sich wiederholt diese als Staatsreligion in China anerkennen zu lassen. In China selbst war der „konfuzianischen Kirche” nur wenig Erfolg vergönnt, in anderen Ländern Asiens entwickelte sich die Gemeinschaft erfolgreicher. Indonesien erkannte die konfuzianische Kirche als Religion an, nachdem die Lehren an islamische Vorstellungen angepasst wurden. Dies bedeutete Konfuzius wurde zum Gesandten des Himmelsgottes, konfuzianische Schriften wurden zu einem heiligen Kanon zusammengefasst und bedeutende konfuzianische Denker wurden zu Heiligen erklärt. In Südkorea wurde die konfuzianische Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg als religiöse Gemeinschaft anerkannt und ein Zweig der Kirche im damals noch britischen Hongkong begründete die bis heute existierende „Konfuzius-Akademie”. Von dieser Akademie gingen in den 2000er-Jahren Impulse einer Renaissance des Konfuzianismus aus. Durch die öffentlichkeitswirksame Inszenierung traditioneller Riten wurden konfuzianische Stätten wiederbelebt. Beispielsweise begingen 300 Schülerinnen und Schüler 2014 die Riten für den Übergang ins Erwachsenenalter in traditionellen Kostümen der Han-Zeit.

Die Achterbahn des Konfuzianismus im 20. Jahrhundert
1905 wurde das auf dem Konfuzianismus beruhende Prüfungssystem für Beamte abgeschafft, der Versuch einer Reform, welcher die enge Bindung des chinesischen Staates an den Konfuzianismus nach 2000 Jahren löste. Mit dem Ende der Qing-Dynastie 1911, welche auch das Ende der Monarchie bedeutete, verlor der Konfuzianismus seinen Status als Staatskult. Damit wurde im darauffolgenden Jahr auch das Opfer an den Himmel und Konfuzius eingestellt. Allerdings bereits 1914 wieder eingeführt.

“Bewegung des vierten Mai”: Proteste am 04. Mai 1919 in China. (Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Die kulturelle und nationale „Bewegung des vierten Mai” wandte sich gegen konfuzianische Tradition, da diese für das Versagen Chinas Verantwortlich seien. Der Konfuzianismus behalte abergläubische Zeremonien bei, die Betonung der Familie statt des Individuums begünstige blinde Loyalität und die Kindespietät mache Menschen unterwürfig. Die vierte-Mai-Bewegung befürwortete stattdessen die Übernahme westlicher Werte während China sich jedoch aus den kolonialen Strukturen ausländischer Mächte lösen sollte.

Erst unter Chiang Kai-shek erfuhren konfuzianische Ideen in den 1930er-Jahren eine erneute Aufwertung. Die „Bewegung Neues Leben” war eine anti-kommunistische Kampagne, die konfuzianische Werte wie Loyalität und Kindespietät wieder belebte, um so verantwortungsbewusste, patriotische und gehorsame Untertanen heranzuziehen. Diese Renaissance konfuzianischer Ideen war jedoch nur von kurzer Dauer. Mit der Machtübernahme der Kommunistischen Partei und Mao Zedong gewann die Kritik am Konfuzianismus wieder die Oberhand. Während der Kulturrevolution ab 1966 wurde gegen die „vier Relikte” – alte Kultur, altes Gedankengut, alte Gewohnheiten, alte Tradition – vorgegangen. Dies traf neben Buddhismus und Daoismus natürlich auch den Konfuzianismus.

Das ökonomische Wachstum asiatischer Länder wie Japan, Hongkong, Taiwan, Südkorea und Singapur ab den 50er-Jahren wurde oft darauf zurückgeführt, dass diesen Gesellschaften konfuzianische Werte zugrunde liegen. Dieser Gedankgengang führte in China dazu, dass neukonfuzianische Ideen wieder Fuß fassen konnten. Der Konfuzianismus sei es, der die chinesische Gesellschaft stabilisiere. Der Neu-Konfuzianismus betont den religiösen Aspekt des Konfuzianismus und sieht den unterschwellig vorhandenen Mystizismus als Beweis dafür, dass der Konfuzianismus eine Religion ist. Der Neu-Konfuzianismus wird dabei jedoch nicht als etwas neues wahrgenommen. Vielmehr sei es die „wahre” Gestalt des Konfuzianismus.

Die Renaissance des Konfuzianismus
Diese Unterscheidung des „Kern-Konfuzius” und vergangenen Konfuzius wird bis heute beibehalten. Nach der Kulturrevolution haben Religionen eine Renaissance erlebt, man kann sogar von einem „Religionsboom” sprechen. Rituelle Praktiken gehören wieder zum Alltag. Dabei ist die Suche nach Spiritualität oft vermischt mit Fragen der Identität und so wundert es nicht, dass in China – ähnlich wie in Japan – die Menschen oft nicht exklusiv einer Religion angehören sondern Glaubensüberzeugungen und Praktiken verschiedener Religionen folgen.

Seit den 1980er-Jahren hat der Konfuzianismus in China sogar wieder Eingang ins Bildungssystem erhalten. Es entstehen also wieder Verbindungen zum chinesischen Staat. In den Schulen sollen konfuzianische Lehren westlichen und negativen kapitalistischen Einflüssen entgegenwirken. Dabei ist der Konfuzianismus auf einzigartige Weise geeignet Kapitalismus sowohl zu fördern als auch bestimmte Folgeerscheinungen zu hemmen. Einerseits unterstützen konfuzianische Werte wie Selbstdisziplin, harte Arbeit, Bildungsstreben, Sinn für Gemeinschaft und Respekt für die Familie kapitalistische Vorstellungen. Eben diese Werte, die als besonders ‚asiatisch’ empfunden werden (”Asianness”), werden den als negativ empfundenen Folgen des Kapitalismus, wie Individualismus, Selbstsucht und Materialismus, entgegengesetzt.

Natürlich bleibt auch an neu-konfuzianischen Gedanken Kritik nicht aus. Der Neu-Konfuzianismus sei westlich beeinflusst und von sich aus keine Religion. Zudem wird die Betonung von Alter, Geschlecht und Machtverhältnissen kritisiert. Wo Kritiker eine erneute Rückständigkeit Chinas und die Ausbreitung autoritativer Strukturen befürchten, sehen sich neu-konfuzianische Denker als Bewahrer der chinesischen Kultur. So vielfältig neu-konfuzianisches Gedankengut ist, lassen sich zumindest einige Gemeinsamkeiten ausmachen: Neu-konfuzianische Denker sind fast ausschließlich Männer, die den Konfuzianismus als zentral für die chinesische Kultur und als Religion betrachten. Von der chinesischen Regierung wird der Konfuzianismus nach wie vor nicht als Religion anerkannt. Während Daoismus, Buddhismus, Katholizismus, Protestantismus und Islam von der Regierung streng kontrolliert werden und von Staatspräsident Xi Jinping aufgefordert wurden sich zu sinisieren, fällt der Konfuzianismus durch dieses Raster und hat als einzige Lehre die Möglichkeit, sich dem Staat wieder anzunähern.

Weiterführende Literatur: Zotz, Volker: Der Konfuzianismus. Marixwissen 2015.

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