Muslime in China – von Hui und Uiguren

Denkt man an die Religionen Chinas ist der Islam sicher nicht die erste, die einem in den Sinn kommt. Trotzdem sind muslimische Traditionen in einigen Regionen Chinas seit Jahrhunderten verwurzelt. Das hat in der Vergangenheit immer wieder zu Problemen mit staatlichen Autoritäten geführt und stellt auch heute Muslime in China vor viele Herausforderungen.

Die Qingjing Moschee in Quanzhou ist die älteste erhaltene Moschee in China. (Quelle: Vmenkov via Wikimedia Commons, unter Lizenz CC-BY-SA 3.0)

Handelskontakte zwischen China und dem Nahen und Mittleren Osten reichen bis vor die Entstehung des Islams im 7. Jahrhundert unserer Zeit. Die zu dieser Zeit herrschende Tang-Dynastie wird üblicherweise als “Goldene Epoche” in der chinesischen Geschichte gesehen, deren Erfolg unter anderem auf der Offenheit gegenüber fremden Einflüssen und Kulturen beruhte. Daher ist es wenig verwunderlich, dass ab dem 7. Jahrhundert Arabisch und Persisch sprechende Muslime nicht nur Handelsbeziehungen mit dem damaligen Tang-Reich unterhielten, sondern sich dort auch ansiedelten. Auch während der sich anschließenden Herrschaft der Song-Dynastie blühten muslimische Gemeinschaften. Beispielhaft dafür ist Quanzhou, eine Hafenstadt im Südosten des heutigen China, die durch den Handel mit der arabischen Welt florierte. Dort wurde 1009 die älteste heute noch erhaltene Moschee Chinas erbaut, die Qingjing Moschee.  Besonders in den quirligen Hafenstädten war ein solcher Bau nicht ungewöhnlich, oft war er von Vorbildern aus der arabischen Welt inspiriert.

Während der Zeit der mongolischen Eroberungen im 12. und 13. Jahrhundert wurden Bewohner aus mehrheitlich muslimischen Städten wie Samarkand und Buchara zur Zwangsarbeit beim Bau der damaligen mongolischen Haupstadt Karakorum und der Stadt Dau, dem heutigen Beijing, herangezogen. Viele von ihnen siedelten sich dort an, heirateten in chinesische Familien ein. Diese Muslime wurden ebenso ein Teil der Bevölkerung wie es zuvor die muslimischen Händler geworden waren. Während der Ming-Dynastie (14. bis 17. Jahrhundert) verlor sich das Wissen des Arabischen und Persischen unter den Muslimen und blieb nur in bestimmten Formeln und Begriffen erhalten. Muslimische Termini wurden häufig entweder sinisiert oder man griff für die Übersetzung auf konfuzianische Begriff zurück. Werke über den Islam wurden in chinesischen Sprachen verfasst. Bis ins 18. Jahrhundert wuchs die muslimische Bevölkerung und es bildete sich ein islamisch geprägstes Bildungssystem heraus, besonders in religiösen und intellektuellen Zentren wie beispielsweise Nanjing.

Der Bevölkerungszuwachs führte jedoch zu Spannungen mit den nicht-muslimischen Einwohnern insbesondere in isolierten Gebieten im Nordwesten des heutigen China. Die Konkurrenz um Ressourcen führte zu Konflikten entlang religiöser und ethnischer Linien. Die größten Auseinandersetzungen stellen wohl die Panthay-Rebellion (1855-1873) im Südwesten und die Dungan-Aufstände (1862-1877) im Nordwesten dar. Die Niederschlagung dieser Aufstände hatte den Islam in China fast ausgemerzt: Moscheen wurden zerstört, geschlossen oder zu buddhistischen Tempeln umfunktioniert. Sufi-Organisationen wurden verboten, Hui-Chinesen (ethnische Chinesen, die dem Islam angehören) zwangsumgesiedelt. Bis heute (wieder verstärkt durch die Medienberichterstattung der letzten Jahre) besteht in China das Klischee des gewalttätigen Muslim.

Auch im 20. Jahrhundert ist die Sichtbarkeit muslimischen Lebens abhängig vom politischen Klima. Bis in die frühen 1950er-Jahre war die Religionsausübung für Muslime prinziell möglich, allerdings gab es bereits erste Konflikt durch Landreformen in deren Zug teilweise Moscheegelände und Sufi-Gräber konfisziert wurden. Mit dem “Großen Sprung nach vorn” wollte Mao Zedong ab 1958 die Umwandlung der chinesischen Gesellschaft in eine sozialistische voranbringen. Dazu gehörte die Religionssystemreform (zongjiao zhidu gaige), welche die religiösen Aktivitäten (nicht nur) von Muslimen begrenzte, zu Moscheeschließungen und Landenteignungen führte. Verschärft wurde das Vorgehen gegen Religionen dann während der Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976. Die “Vier Alten” – alte Denkweise, alte Kulturen, alte Gewohnheiten, alte Sitten – sollten zerstört werden, darunter auch viele Moscheen, muslimische Gräber u. Ä. Es gab keine spezielle Minoritätenpolitik mehr, denn alle Einwohner sollten als Chinesen gelten und daher gleich behandelt werden. Ab den 1970er-Jahren war eine Beschäftigung mit dem Islam wieder ansatzweise möglich. Doch die bereits 1953 geschaffene Chinese Islamic Association, welche Teil des Religious Affairs Bureau war, stand unter staatlicher Kontrolle und genoss daher nach den Erfahrungen der Kulturrevolution kein besonders großes Vertrauen. Seit etwa 1979 lockerte sich die politische Haltung und muslimisches Gemeindeleben lebte wieder auf. Grund dafür waren u. a. wirtschaftliche Interessen Chinas in islamisch geprägten Ländern.

Heutzutage sind die chinesischen Autoritäten bestrebt nach außen ein positives Bild freier Religionsausübung zu vermitteln. Und sofern sich Menschen ausschließlich privat zum Islam bekennen oder religiöse Organisationen sich staatlichen Vorgaben unterwerfen, mag das zutreffen. Doch Präsident Jingping hat bereits öffentlich gefordert, dass sich die Religionen Chinas stärker sinisieren müssten. Er propagiert das konfuzianische Ideal einer “harmonischen Gesellschaft”. Für etwa die Hälfte der mindestens 20 Millionen Muslime in China dürfte das relativ unproblematisch sein. Die Hui sind chinesischsprachige Muslime, die sich von der Mehrheit der Han-Chinesen weitestgehend nur durch ihre Religion abheben. Schwieriger wird es bei den Muslimen, die einer nationalen Minderheit angehören.1

  Diese Muslime gehören anderen Ethnien an und sprechen ihre eigene Sprache. Zwar stehen ihnen theoretisch per Gesetz Minderheitenrechte zu und einige als Minderheiten anerkannte Nationalitäten haben sogar Autonomierechte, doch in der Praxis werden diese Rechte beschnitten oder untergraben. Keine der theoretisch gewährten Rechte ist vor Gericht einklagbar und allen Autonimiegremien ist stets die Kommunistische Partei Chinas übergeordnet.

Bevölkerungsverteilung in Xinjiang. Blau = Uiguren; Rot = Han-Chinesen; Gelb = Kasachen. (Quelle: QuartierLatin1968 via Wikimedia Commons unter Lizenz CC BY-SA 3.0)

Zudem ist es gängige Praxis in Minderheitengebieten Han-Chinesen anzusiedeln um so die ethnische Mehrheit einer Nationalität in einer Region Chinas umzuwandeln in eine Han-chinesische Mehrheit. Prominentes Beispiel dafür ist Tibet, doch auch die Provinz Xinjiang ist stark davon betroffen. Waren 1949 noch ca. 76% der Bevölkerung Uiguren – Angehörige eines islamisch geprägten Turkvolks – waren es 1994 nur noch knapp 50%. Offiziell ist Xinjiang autonomes Gebiet der Uiguren, doch Repressionen, Versammlungsverbote und die Überfremdung durch Han-Chinesen sind allgegenwärtig. Xinjiang stellt des Weiteren für die chinesische Innenpolitik ein weit größeres Problem dar als Tibet, doch haben die Uiguren keine charismatische Persönlichkeit wie den Dalai Lama, der sie repräsentiert.

Die Mehrheit der Nationalitäten Chinas resignieren und passen sich an die Han-Chinesen an. Doch bei einigen führt die Überfremdung zu einer Stärkung der eigenen ethnischen und religiösen Identität. So auch bei vielen Uiguren. Der Widerstand gegen chinesische Repressalien ist in Xinjiang besonders groß und schlägt sich auch in Gewaltakten wie Bombenanschlägen nieder. Natürlich werden sie dafür vom chinesischen Staat als Terroristen angesehen und entsprechend unterliegt die uigurische Bevölkerung zahlreichen Restriktionen. Beispielsweise darf nicht nach religiösem Brauch geheiratet werden, Namen von Kindern dürfen nicht ‘übermäßig’ religiös sein, ‘abnormale’ Bärte sowie Roben, die Körper und Kopf verhüllen, sind verboten. Dabei liegt die Auffassung, was ‘übermäßig’ und ‘abnormal’ ist, im Ermessungsspielraum der staatlichen Autorität.2 Darüber hinaus gibt es Sicherheitschecks durch die Polizei, Überwachungskameras und es kommen Scanner für Ausweise, aber auch für Augen, Gesicht und Körper zum Einsatz. Ebenso werden Onlineaktivitäten und über Smartphones benutzte Apps überwacht.3
Die Situation von Muslimen in China hängt also sehr stark davon ab, wie sichtbar die Religiosität nach außen ist, in welchem Teil Chinas man lebt und welcher Ethnie man angehört. Und auch wenn der Islam eine anerkannte Religionsgemeinschaft in China ist, sind die Grenzen der Religionsfreiheit vom Staat sehr eng gezogen. Welche Folgen das für Muslime im Besonderen und die religiöse Landschaft im Allgemeinen haben wird, bleibt abzuwarten.

  1. Senz, Anja-Désirée: Zwischen kultureller Anpassung und Autonomie: Nationale Minderheiten in China. APUZ 39/2010
  2. China Uighurs: Ban on long beards, veils in Xinjiang. (Zugriff 18.04.18)
  3. Twelve Days in Xinjiang: How China’s Surveillance State Overwhelms Daily Life. (Zugriff 18.04.18)

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