Eine verhängnisvolle Liaison? Die Nation of Islam und die Dianetik-Lehren des L. Ron Hubbard

Führer der Nation of Islam, Louis Farrakhan (2016). (Quelle: Mohammad Ali Marizad, Tasnim News Agency, CC-BY-SA 4.0)

Ab etwa 2006 lässt sich in den USA eine ungewöhnliche Annäherung zwischen zwei sehr unterschiedlichen Religionsgemeinschaften beobachten. Die an muslimische Afroamerikaner gerichtete Organisation Nation of Islam ermutigt seine Mitglieder den Dianetik-Lehren von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard zu folgen. Das bringt beiden Gemeinschaften Vorteile.

Die 1930 von Wallace D. Fard Muhammad in Detroit gegründete Nation of Islam (NOI) hat sich die Verbesserung der spirituellen, sozialen und ökonomischen Lage der schwarzen Bevölkerung auf die Fahnen geschrieben. Nachdem der Gründer 1934 plötzlich verschwand, übernahm Elijah Muhammad die Führung der Gemeinschaft. Unter ihm wurden erste Orte der Verehrung errichtet; manchmal Moscheen, aber auch Tempel genannt. Erste religiöse Schulen wurden eingerichtet sowie Firmen und Geschäfte mit afroamerikanischen Inhabern seither finanziell unterstützt. Bestrebungen in den 70er- Jahren die Bewegung in den ‚Mainstream Islam‘ zu überführen, wurden von Louis Farrakhan vereitelt, der ab 1977 die Führung der Gemeinschaft übernahm und einen ganzen Katalog an politischen und religiösen Forderungen formulierte.1

Zu diesen Forderungen gehören Freiheit und Gleichberechtigung, gleiche Bezahlung am Arbeitsplatz und adäquate Wohnverhältnisse. Aber auch die Bestimmung, die ehemaligen Sklavenhalter („former slave masters“) müssten den Nachfahren der Sklaven ein eigenständiges Gebiet zur Verfügung stellen, auf dem ein eigener Staat aufgebaut werden kann. Dieser Staat müsste von den Weißen für die nächsten 20 bis 25 Jahre unterhalten werden, bis er selbständig überlebensfähig wäre. Bis die Errichtung eines eigenen Territoriums (welches nicht auf US-amerikanischem Boden liegen muss) gelungen sei, sollten Schwarze von Steuerzahlungen befreit und Inhaftierte aus den Gefängnissen entlassen werden. Des Weiteren fordert die Nation of Islam eine nach Geschlechtern getrennte Schulbildung und ein Verbot von Mischehen und „Rassenmischung“ („race mixing“), da ein friedliches Zusammenleben von Weißen und Schwarzen aufgrund der historischen Erfahrung der Sklaverei nicht möglich sei.2

In ihren religiösen Überzeugungen bekennen sich die Anhänger der NOI zu Allah als alleinigem Gott, zum Koran und den von Gott gesandten Propheten. Von der Mehrheit der Muslime heben sie sich ab, da sie in ihrem Gründer Fard Muhammad den erwarteten Mahdi (gemäß islamischer Traditionen) oder Messias (nach christlicher Überlieferung) sehen. Selbst in den religiösen Stellungnahmen finden sich mehrmals Verweise auf eine geforderte Trennung zwischen den Nachfahren der Sklaven und denen der Sklavenbesitzer. Im Licht von Forderungen nach „Rassentrennung“ erscheint die Annäherung an Scientology, eine von Weißen dominierte Organisation, deren Gründer für seinen Rassismus bekannt war, umso sonderbarer.

 

Für seine positive Einstellung zur Dianetik wurde Louis Farrakhan immer wieder kritisiert und so gibt es zahlreiche Reden, in denen er zu diesen Vorwürfen Stellung nimmt (s. Video oben, Farrakhan über Scientology). Zentrales Argument für die Rechtfertigung, Dianetik in der NOI zu nutzen, ist, dass jeder in seinem Leben das Wissen suche, welches für das Erreichen der eigenen Ziele am sinnvollsten sei. Wo auch immer man dieses Wissen finde, müsse man es sich aneignen. Dies erlaube es ja auch schwarzen Muslimen an Colleges von weißen Professoren unterrichtet zu werden, da mit dem Wissen nicht auch die Religion, Ethnie oder Überzeugungen des Lehrenden übernommen werden. Ebenso sei der Rassismus Hubbards mit ihm begraben worden und daher könne die Dianetik genutzt werden um die eigenen Dämonen zu exorzieren. Mit dieser Argumentation trennt Farrakhan die Lehre vom Verfasser und ermöglicht es ihm, seine rassistische und antisemitische Hetze fortzusetzen. Seine Feinde sieht Farrakhan nicht nur in den Reihen der US-amerikanischen Regierung, sondern auch unter „schwachen“ Schwarzen und Muslimen, besonders aber unter Juden. Als Rassist will er sich trotzdem nicht verstanden wissen (s. Video unten, Farrakhans Rede zum Saviours‘ Day 2018).

Scientology-Gründer Lafayette Ron Hubbard (1950). (Quelle: Los Angeles Daily News, gemeinfrei)

Die Lehre der Dianetik ist grundlegender Bestandteil von Scientology. Dabei kommt sie beim Prozess des Auditings zum Einsatz. Hierbei führt ein Auditor den Teilnehmer mit gezielten Fragen durch einen Aufarbeitungsprozess, der negative Erlebnisse aufgreift und analysiert.3 Heutzutage kommen beim Auditing die sogenannten E-Meter zum Einsatz. Dabei handelt es sich um Geräte, die mithilfe leichter elektrischer Impulse die Reaktion des Befragten messen und so dem Auditor Rückschlüsse für sein weiteres Vorgehen geben sollen. Wer den Auditingprozess durchläuft, kann sich selbst als Auditor zertifizieren lassen. Allerdings erlischt diese Zertifizierung nach einiger Zeit, es sei denn, man erwirbt das Gold Seal, welches die zeitliche Beschränkung aufhebt.4

2010 nahmen erstmals NOI-Anhänger an Dianetik-Seminaren in Rosemont im US-Bundesstaat Illinois teil.5  Bis 2013 wurden laut Angaben der NOI eigenen Zeitschrift Final Call 1.055 Auditoren zertifiziert und davon hätten wiederum 526 das sogenannte Gold Seal erworben. Nation of Islam gibt weiterhin an, dass sich 4.000 Mitglieder mit Aspekten von Scientology beschäftigen. Auch beim größten jährlichen Event der NOI – dem Saviours’ Day – wurde 2018 über die Positionierung der eigenen Organisation zu Scientology diskutiert. Hierbei scheint es inzwischen nicht mehr um die Frage zu gehen, ob Hubbards Dianetik genutzt werden darf; dieser Aspekt wurde hinreichend von Farrakhan gerechtfertigt (s.o.) und sein Wort hat in der Gemeinschaft großes Gewicht. Vielmehr drehte sich die Diskussion darum, wie die Dianetik im Umfeld der Nation of Islam angewendet und genutzt werden kann sowie um die Frage, wie man sich gleichzeitig von Scientology distanzieren kann. Dabei kamen Pläne von eigenen Auditorenzentren zur Sprache, die in Gebieten aufgebaut werden sollen, die nicht von Scientology betriebenen Zentren abgedeckt werden.6

 

 

Bleibt die Frage, warum Scientology diesen Vorstoß in die eigene Einflussspäre hinnimmt. Mehr noch; diesen sogar begrüßt. Laut New Republic verliert Scientology in den USA zunehmend Befürworter und Anhänger, wobei die Angaben von Mitgliederzahlen schon immer weit auseinander klafften, je nachdem ob die Zahlen von Scientology oder von Forschungsinstitutionen veröffentlicht wurden.7 Gemäß den Wünschen L. Ron Hubbards wird ein besonderer Wert auf die Gewinnung von Prominenten als Mitglieder gelegt, da diese der Gemeinschaft weitreichenden Einfluss und Publicity verschaffen. Wenden diese sich von der Gemeinschaft ab, entfaltet der Austritt eine ebenfalls weitreichende, in den meisten Fällen für Scientology negative, Publicity. Darüber hinaus entgeht Scientology ein großes Mitgliederpotential: Da die Organisation auf vermögende Mitglieder abzielt, gehen die Angebote an der Mehrheit der schwarzen US-Bevölkerung vorbei. Zwar versucht die Organisation bereits seit mehreren Jahren unter der schwarzen Bevölkerung der USA Fuß zu fassen, hofierte dafür schwarze Politiker und Promis. Doch war der Erfolg dieser Strategie begrenzt. Auch Louis Farrakhan gehörte zu den Hofierten, wurde ihm doch 2006 der Ebony Awakening Award verliehen. Es ist möglich, dass Farrakhan sich daraufhin stärker mit den Lehren Scientologys auseinandersetzte und Dianetik für sich entdeckte. Auch wenn dieser zeitliche Zusammenhang nahe liegt, lassen sich jedoch in der Literatur keine eindeutigen Hinweise auf diesen Ablauf der Ereignisse finden.

Scientology erhofft sich von den NOI-Teilnehmern neben den nicht geringen finanziellen Einnahmen auch eine zukünftige Auswirkung auf die Mitgliederzahlen unter schwarzen US-Bürgern. Aktuell hat es jedoch eher den Anschein als würde sich die Nation of Islam die Rosinen aus dem Scientology-Kuchen picken. Es scheint als würde die NOI ihre Eigenständigkeit bewahren und aus den Quellen lässt sich weder auf eine Abwanderung von NOI-Mitgliedern zu Scientology schließen noch auf einen Mitgliedergewinn für Scientology unter der schwarzen Bevölkerung.

  1. Louis Farrakhan. Southern Poverty Law Center. https://www.splcenter.org/fighting-hate/extremist-files/individual/louis-farrakhan (abgerufen 04.07.18).
  2. The Muslim Program, Homepage Nation of Islam https://www.noi.org/muslim-program/ (abgerufen am 04.07.18).
  3. Was ist Auditing. https://www.scientology.de/faq/scientology-and-dianetics-auditing/what-is-auditing.html (abgerufen am 04.07.18).
  4. An Auditor’s Value. http://training.scientology.org/wis1_14.htm (abgerufen am 04.07.18)
  5. Gray, Eliza: Thetans and Bowties. The New Republic, 5. Oktober 2012. https://newrepublic.com/article/108205/scientology-joins-forces-with-nation-of-islam (abgerufen am 04.07.18).
  6. Healing the Mind through self-analysis. Final Call News, 20. März 2018. https://www.finalcall.com/artman/publish/National_News_2/article_104075.shtml (abgerufen am 04.07.18)
  7. Gray, Eliza: Thetans and Bowties. The New Republic, 5. Oktober 2012. https://newrepublic.com/article/108205/scientology-joins-forces-with-nation-of-islam (abgerufen am 04.07.18).

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