Boko Haram – Nährboden radikal-islamischer Ideen

Karte Nigerias, Quelle: CIA World Factbook, via Wikimedia Commons

Bereits Anfang dieses Jahres war Boko Haram für Anschläge auf christliche Einrichtungen und Polizeistationen in die Schlagzeilen geraten. Im August hat es erneut Tote bei Angriffen auf christliche Kirchen gegeben. Die Rechtfertigung für all diese Gräueltaten: eine tief verwurzelte Abneigung gegen alles ‘Westliche’ und das Ziel, in ganz Nigeria die Scharia einzuführen.

Nigeria ist ein Vielvölkerstaat im Westen Afrikas, der ethnisch und religiöse reich gemischt ist. Oft wird vom muslimischen Norden und christlichen Süden gesprochen, was jedoch eine klare Aufteilung suggeriert, die nicht vorhanden ist. Zwar sind die Gebiete muslimisch bzw. christlich geprägt, doch muss man im Hinterkopf behalten, dass dies nicht statisch ist, da Menschen umziehen und wandern. Denn ohne Binnenmigration hätten Boko Haram nicht den Nährboden, der ihnen heute zur Verfügung steht.

Die Ursprünge der Boko Haram

Bereits unter britischer Kolonialherrschaft wurden für den Bau der Eisenbahnlinie im Norden Arbeiter und Handwerker aus dem Süden angesiedelt. Hauptsächlich gehörten die Arbeiter der Ethnie der Igbo an, die dem Christentum angehören. Die im Norden dominante muslimische Kultur fühlte sich von dem christlichen Einfluss bedroht und fürchtete um ihr puristisches Religionsverständnis und das Andenken an Uthman dan Fodio, der die Haussa-Staaten unter muslimischer Vorherrschaft vereinigte und somit Sokoto-Kalifat (1809-1903) begründete.

Die Binnenmigration veränderte die gesellschaftlichen Bedingungen: Die traditionellen Bindungen wurden aufgebrochen, Identitäten mussten neu definiert werden und etablierte Gemeinschaften und Lebensformen haben sich verändert. Zudem wurde nach der Unabhängigkeit Nigerias 1960 Erdöl im Norden des Landes entdeckt. Doch die Militärherrschaft, die sich zumeist aus Muslimen zusammensetzte, schöpfte die Gewinne ab, ohne die Bevölkerung am Reichtum zu beteiligen. Dies wiederum unterstütze die Abwanderung in die Städte und damit verbunden den Schwund der Gemeinschaften von Bauern, die jahrzehntelang autonom gewirtschaftet hatten.

Der Boden für extremistische Richtungen ist bereitet

Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen förderten sowohl auf christlicher als auch muslimischer Seite extremistische Tendenzen. Die Christen fühlten sich von der von Muslimen dominierten Herrschaft benachteiligt, auf muslimischer Seite wurde die Verarmung als direkte Folge christlicher Zuwanderung empfunden. Nach dem Ende der Militärherrschaft 1999 stand die Frage im Raum, wie man in der Regierungsbildung keine der beiden Religionen benachteiligt: Man einigte sich darauf, dass abwechselnd ein Christ und ein Muslim zum Präsidenten gewählt werden sollte. Nun ist aber zum zweiten Mal in Folge ein Christ nigerianischer Präsident. Zündstoff für die vermutlich 2002 gegründete Boko Haram.

Boko Haram hat sich seit seiner Gründung gut organisiert und hervorragend ausgerüstet, die Organisationsführer bleiben im Hintergrund und sind für die Regierung schwer zu fassen. Mit Angriffen auf christliche Personen, Geschäfte und Kirchen versuchen sie, den verlorenen Machtstatus des Islam wieder aufzubauen. In einigen Teilstaaten ist es ihnen bereits gelungen, die Scharia wieder einzuführen und damit den Nationalstaat herauszufordern. Der Staat versucht, hart gegen Boko Haram vorzugehen, doch da Letztere vor allem aus dem Untergrund operieren, sind ihre Personal- und Organisationsstrukturen schwer zu fassen.

Quellen:

Engelhardt, Mark: Die radikale Saat der Boko Haram. Qantara vom 25.01.2012

Kilani, Abdul Razaq: Islam and Christian-Muslim Relations in Niger-Delta (Nigeria). Journal of Muslim Minority Affairs, Vol. 20, No. 1, 2000, S. 129-136.

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