Sexualität im Hinduismus

Die vielen Gesichter hinduistischer Sexualität

Die ersten Gedanken, die mir bei dieser Überschrift durch den Kopf gehen, sind die an Darstellungen von Tempeltänzerinnen und an das wohl berühmteste ‘Sexbuch’ überhaupt, das Kamasutra.

Doch wie so oft – insbesondere, wenn Indien im Spiel ist – spiegelt der erste Eindruck mehr die Klischees wider als die sehr viel komplexere Realität. So lässt sich Sexualität im Hinduismus genauso wenig auf das Kamasutra reduzieren, wie man überhaupt von ‘dem’ Hinduismus sprechen kann.

Der Begriff Hinduismus ist ein Kunstwort und wurde im 20. Jahrhundert von den Briten geprägt, die die verschiedenen religiösen Ausrichtungen in Indien für eine Volkszählung überschaubarer machen wollten. Die vielfältigen Traditionen lassen sich nur schwer in diesen einen Begriff pressen, doch will ich mich für heute damit begnügen.

Mann und Frau – Gegenseitige Ergänzung?

Im Allgemeinen wird Sexualität im Hinduismus eine große Bedeutung beigemessen. Es ist die heilige Kraft der Fortpflanzung, die Kontakt mit den Göttern herstellt und als Quelle spiritueller Energie gilt. Selbst ein Asket unterstreicht mit seinem Verzicht die Bedeutung des Sexuellen. Denn Askese und das Ausleben der Sexualität sind keine Gegensätze, da sie beide Sexualität auf ihre Weise ehren. Beides hat im Leben eines Mannes seine Zeit, denn im Idealfall durchläuft er drei Stadien:

  • Zunächst das Stadium des Lernenden, während derer der Mann seine religiöse Unterweisung erhält und aus diesem Grund sexuell enthaltsam leben sollte.

  • Ihr folgt die Lebensphase des Haushaltsvorstandes. Der Mann heiratet und gründet eine Familie. Zu diesem Zeitpunkt spielt Sexualität verständlicherweise eine große Rolle und für dieses Stadium wurde auch das Kamasutra verfasst: Um dem Familienvater Anleitungen über Sextechniken mit auf den Weg zu geben, um sich und seiner Frau Befriedigung zu verschaffen und damit zu einer harmonischen Ehe beizutragen. Zum einen enthält das Kamasutra diese praktischen Anweisungen, zum anderen beschäftigt es sich mit der Frage nach dem Wesen der Liebe und des Familienlebens.

  • Wenn die ersten Enkelkinder geboren sind und damit der Erhalt der Familie und die Nachfolge gesichert sind, ist der Man angehalten, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen und als Einsiedler zu leben. Seine Frau bleibt üblicherweise in der Familie ihres Sohnes zurück.

Mithilfe der drei Stadien sollen nach und nach auch die vier Existenzziele erreicht werden: die richtige Lebensführung (dharma); Wohlstand (artha); sexuelle, emotionale sowie künstlerische Bedürfnisse (kama) und die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten (moksha). Kama spielt in unserem Zusammenhang die größte Rolle und wird allgemein als die Liebe und das sexuelle Vergnügen zwischen Mann und Frau angesehen. Ohne Kama fehlen dem Menschen schöpferische Impulse und der Antrieb, nach Gewinn oder Wissen zu streben. Das personifizierte Kama ist der Gott der Liebe, Kamadeva. Für die Fruchtbarkeit und Potenz jedoch steht Shiva, dessen Symbol oftmals linga, ein Phallus, ist. Ergänzt wird er durch seine Frau Parvati, die durch eine Vulva (yoni) dargestellt werden kann. Diese Ergänzung wird als Vereinigung zweier Bruchstücke angesehen. Denn, ebenso wie bei Plato, gibt es im Hinduismus die Überzeugung, die Menschen wären einst aus der Teilung eines Urwesens in Mann und Frau entstanden. Und nur durch Sex sind sie für eine gewisse Zeit in der Lage, wieder zu einer Einheit zu verschmelzen. Dies ist der Ursprung für spirituelle Deutungen des Geschlechtsaktes und führte zu einer gleichwertigen Behandlung von Mann und Frau im Ritual. In tantrischen Traditionen wird die Frau im Ritual dem Mann übergeordnet und als Personifikation der Göttin verehrt.

Im Alltagsleben findet sich für die Überhöhung der Frau im Ritual keine Entsprechung. Die Frau ist zunächst abhängig von ihrem Vater, dann von ihrem Ehemann und später von ihren Söhnen. Sie darf keine Mantras studieren und nur eingeschränkt rezitieren. Ihre Pflichten sind ihre Religion, ihr Ehemann ist ihr Guru, die häuslichen Aufgaben sind ihre Rituale und die Hingabe an ihren Mann ist ihr höchstes Gebot. Die patriarchale Dominanz fand ihren extremsten Ausdruck in der Tötung neugeborener Mädchen und der Witwenverbrennung. Bis heute ist es für viele Hindufrauen eine schreckliche Vorstellung, ihren Ehemann zu überleben.

Eheschließung

War im alten Indien die Polygamie durchaus üblich, so hat sich die Monogamie im Laufe der Zeit durchgesetzt. Insbesondere für Frauen bedeutete dies, dass sie nur einen Mann im Leben haben sollten und beim Tod des Mannes sich auch ihr Lebenszweck erfüllt hatte. Dies bildete die Grundlage der Witwenverbrennung. Die Ehe bietet der Frau jedoch auch die Möglichkeit, als treue und loyale Ehefrau Erlösung (moksha) zu erfahren. Und trotz der Tradition des Asketentums ist auch für den Mann die Ehe der Normalfall.

Die Braut wird vom Vater des Bräutigams ausgewählt und verhandelt mit dem Vater der Braut über die Bedingungen der Heirat und die Mitgift. Der Hochzeitstermin wird in Absprache mit einem Astrologen bestimmt und mit den Feierlichkeiten übergibt der Vater seine Tochter in die Familie des Bräutigams. Die Familie der Braut zahlt für diese Aufnahme, kann dadurch aber positives Karma sammeln. Eine Auflösung der Ehe ist unter bestimmten Voraussetzungen (insbesondere fehlende Jungfräulichkeit auf Seiten der Frau oder Impotenz auf Seiten des Mannes) möglich. Besonders geformt wurden die Bedingungen des Heiratens durch die Reformen des Eherechts in den 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Hierbei wurde ein Mindestalter für Jungen (18 Jahre) und Mädchen (15 Jahre) festgelegt, um Kindesheiraten zu unterbinden. Die Heirat über Kastengrenzen hinaus wurde erlaubt und die monogame Ehe festgelegt. Die Heirat in eine andere Religionsgemeinschaft wurde erlaubt, ebenso wie die Wiederverheiratung einer Witwe und die Einführung eines Scheidungsgesetzes. Letzteres ist jedoch für einen traditionellen Hindu unannehmbar und steht symbolisch dafür, wie die Gesetzgebung der sozialen Realität vorauseilt.

Geburtenregelung

Der Staat ist es auch, der Empfängnisverhütung ausdrücklich unterstützt, insbesondere hinsichtlich der Bevölkerungsexplosion in Indien. Doch Empfängnisverhütung ist verpönt und gefährdet das Generationenprinzip, wonach die Eltern im Alter von ihren Kinder versorgt werden. Dies bedeutet nicht, dass Geburtenregelung früher unbekannt war. Es gab sowohl Verhütungsmittel als auch ‘nachgeburtliche Selektion’. Denn Mädchen waren als Nachwuchs bei weiten nicht so erwünscht, wie Jungen. Und so wurden viele weiblichen Neugebornen getötet. Auch wenn die Geburt von Jungen auch heute erwünschter ist, hat die Tötung weiblicher Babys abgenommen. Dies steht aber auch mit Indiens Vorreiterrolle in der Frühdiagnostik in Zusammenhang. Zu einem frühen Zeitpunkt der Schwangerschaft kann bereits das Geschlecht des Fötus bestimmt werden – und dann kann der Fötus auf Wunsch legal abgetrieben werden.

Prostitution und Homosexualität

In der Ehe ist die Frage der Empfängnisverhütung meist nicht so drängend wie beim Sex außerhalb der Ehe. Außerehelicher Verkehr wird in den Epen und klassischen Texten als selbstverständlich angesehen und Prostitution wird akzeptiert. Hierbei gibt es jedoch zwei Ebenen: die ‘gewöhnlichen’ Prostitutierten werden verachtet, doch die kultivierten Kurtisanen (ganikas, vergleichbar den japanischen Geishas) sind hochgebildet und werden entsprechend geachtet. Besonders in den Shiva geweihten Tempeln gibt es auch Tempeltänzerinnen (devadasi), die in sexuellen Techniken unterwiesen werden und für Geld dem Tempelbesucher zur Verfügung stehen – nicht immer freiwillig. Mit ihnen, wird gesagt, feiert man eine ‘heilige Hochzeit’, wie Shiva mit seiner Parvati.

Für Männer ist es jedoch nicht nur möglich, mit weiblichen Prostituierten zu verkehren. Es gibt in Indien die sogenannten Hijras, das dritte Geschlecht. Dies sind Männer, die sich weder als Frau noch als Mann betrachten. Sie tragen meist weibliche Namen, Frauenkleidung und können  Eunuchen sein. Sie bieten nicht nur Sex, sondern auch Gespräche, die ein Mann niemals mit einer Frau führen würde. Hijras, wie auch Prostituierte im Allgemeinen, leben am Rand der Gesellschaft und sind von ansteckenden Geschlechtskrankheiten besonders betroffen.

Die Hijras führen uns direkt zum nächsten Punkt: der Homosexualität. Sie wird im Hinduismus nicht offen ausgelebt und offiziell verurteilt, weil durch sie Sperma verschwendet wird und keine Kinder gezeugt werden. Die Strafe dafür konnte von einer Geldbuße bis zum Verlust der Kastenzugehörigkeit reichen, heute umfasst sie meist ein rituelles Bad.

Sexualität im Hinduismus hat also viele Gesichter, sie reicht von einer exzessiven Bejahung im Tantrismus bis hin zur völligen Entsagung eines Asketen. Dazwischen gibt es mannigfaltige Abstufungen, auch wenn der ‘Normalfall’ die Ehe und damit der Sex in der Ehe ist. Nach wie vor ist Sexualität mit all seinen Varianten ein Tabuthema, über das zu sprechen verpönt ist.

Hier ist es ganz und gar nicht verpönt, seine Meinung zu sagen. Also, lasst mich wissen, wie euch der Artikel gefallen hat! Ich freue mich auf Kommentare, Anregungen und über konstruktive Kritik.

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14 Antworten zu “Sexualität im Hinduismus

  1. hallo,

    ich mache gerade das diplom zum psychiatrischen sozialbetreuer und schreibe meine schriftliche arbeit in dem fach berufskunde über “transkulturelle pflege im hinduismus” . der artikel gefällt mir sehr gut und finde ich sehr interessant, jedoch sind jetzt einpaar unklarheiten bei mir aufgetreten im bezug auf die sexualität. ich habe in einem buch gelesen, dass das thema sexualität ein tabu thema ist und die frau als unrein gilt und sich aus dem alltag zurückziehen muss. könntest du mir das vl. per mail etwas genauer definieren oder etwas verständlicher erklären??
    ich freue mich auf eine antwort

    liebe grüsse nermina 😉

  2. Pingback: Weder Mann noch Frau: Die Hijras in Indien Bewertungen | INFOWEBLOG.NET

  3. Hallo,
    Ich schreibe immoment eine Seminararbeit zu diesem thema und wollte fragen ob ich ihren Text zitieren darf und unter welchem Namen ?

    Vielen dank im voraus,

    Wanda

    • Hallo Wanda,
      natürlich kannst du aus dem Text zitieren, ich freu mich drüber. :o) Das läuft dann unter dem Namen Sabine Liesche, wie im Impressum.
      LG
      Sabine

  4. Hey Sabine,

    ich halte am 21.11.13 ein Referat zum Hinduismus und wollte fragen, ob du weißt, wo man Sandelholzpaste GÜNSTIG bekommen kann??!

    Bitte um schnelle Antwort,
    Liebe Grüße,
    Madison 🙂

    • Hallo Madison,

      es tut mir leid, mit der Sandelholzpaste kann ich dir nicht weiterhelfen. Vielleicht hast du Glück im Asia-Markt oder du fragst einfach bei einer hinduistischen Gemeinschaft an, woher sie die Paste beziehen.

      Liebe Grüße
      Sabine

  5. Hallo Sabine,
    noch eine Bitte:

    Kannst du mir ein Bisschen über Gesetze im Hinduismus erzählen? Wenn möglich bis spätestens 20.11.13 um 20.00 h Abends!!!
    LG,
    Madison 🙂

    • Hallo Madison,

      da gäbe es sehr viel zu erzählen. Was genau willst du denn wissen?
      Für einen allgemeinen Überblick würde ich dir “Der Hinduismus” aus der Beck’schen Reihe empfehlen oder “Hinduismus für Dummies” schon allein wegen der Zeitknappheit. ;o)

      Liebe Grüße
      Sabine

  6. Hallo,
    ich würde auch gern daraus zitieren, allerdings ist der Text schon wieder etwas älter… Weißt du zufällig ob der Inhalt immernoch aktuell ist oder ob sich die Dinge teilweise schon wieder geändert haben? Sowas geht ja immer recht schnell. Vielen Dank im Vorraus und liebe Grüße,
    Nora

  7. Der Artikel hat mir sehr gefallen und ich habe sehr viele neue Infos daraus filtern können. Besonders gut finde ich, dass auf die verschiedenen Aspekte der Sexualität eingegangen wurde.Vielen Dank dafür 🙂

  8. Hallo Sabine,

    mich interessiert es eigentlich sehr, wie der Hinduismus zur Homosexualität steht also zwischen zwei Frauen ?
    Könntest du mir da behilflich sein?

    Schönen Gruß 🙂

    • Hallo,

      prinzipiell wird lesbische Liebe ebenso ungern gesehen wie schwule. Allerdings wird Homosexualität in Bezug auf Frauen viel weniger thematisiert, sodass es wenig konkrete Anhaltspunkte gibt.

      Liebe Grüße
      Sabine

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