Religiöse Gewalt in Birma

Die Spirale der Gewalt zwischen den muslimischen Rohingya und Buddhisten fordert immer mehr Opfer

Zunächst zur Auffrischung eventuell eingestaubter Geographiekenntnisse, hier eine Karte zur besseren Einordnung.

Die Lage Burmas in Südostasien (Quelle: von Kolomaznik (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons, Bearbeitung: R. R.-Orlovius)

In der deutschen Presse wird meist Birma als Landesname verwendet, aber auch Burma (übernommen aus dem englischsprachigen Raum) oder Myanmar sind möglich.

Ausnahmezustand im Nordosten Birmas

Dutzende Tote, Ausgangssperren und Ausnahmezustand im Bundesstaat Rakhaing (auch Rakhine oder Arakan). Das ist die Bilanz von knapp vier Wochen gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Buddhisten. Doch wie konnte es so weit kommen? Was war der Auslöser für die Wellen der Gewalt?

Am Anfang stand die Vergewaltigung und Tötung einer Buddhistin. Drei muslimische Männer wurden für diese Tat verhaftet und inzwischen auch verurteilt, wobei sich einer der drei bereits vor Beginn der Verhandlung das Leben nahm. Von buddhistischer Seite ließ eine Reaktion nicht lang auf sich warten: Ein vornehmlich mit Muslimen besetzter Bus wurde von Buddhisten überfallen und zehn Insassen wurden getötet. Aus Vergeltung griffen Muslime Teilnehmer einer buddhistischen Trauerzeremonie an, wobei sieben Menschen starben und weitere 17 verletzt wurden. Seitdem folgt Vergeltung auf Vergeltung und die Gewalttaten schrauben sich weiter in die Höhe.

Und doch sind die Ausschreitungen geographisch eingrenzbar: auf den Bundesstaat Rakhaing (Arakan) im Nordwesten Birmas, in dem der höchste Anteil von Muslimen lebt. Der Großteil der Muslime gehört zur ethnischen Minderheit der Rohingya. In Birma gibt es 135 Bevölkerungsgruppen, die nach dem Staatsbürgerschaftsgesetz von 1982 als ethnische Minderheiten anerkannt werden. Die Rohingya gehören nicht dazu und gelten daher als staatenlos. Ihre Rechte sind aus diesem Grund stark eingeschränkt. Vom birmanischen Staat  werden sie als Einwanderer aus Bangladesch betrachtet, während sie sich in ihrer Selbstwahrnehmung als seit Jahrhunderten in Rakhaing verwurzelt betrachten.

Demokratie – aber nicht für alle

Seit der Unabhängigkeit von Großbritannien 1948 sind zwischen 1 und 1,5 Millionen Rohingya ins Exil gegangen, um ihrer Rechtlosigkeit und Vertreibung zu entkommen. Die Militärjunta etablierte sich insbesondere durch ihren Bezug auf den Nationalismus und den Theravada-Buddhismus. Aus diesem Grund werden zur Wahrung staatlicher Interessen die muslimischen Rohingya systematisch vertrieben und ihre religiöse Infrastruktur zerstört, um die Stellung des Buddhismus zu stärken.

Auch wenn in den letzten Jahren demokratische Reformen auf den Weg gebracht worden sind und so der vorsichtige Übergang zur Demokratie eingeleitet wurde, hat sich an der Situation der Rohingya nichts geändert. Nach wie vor werden sie als illegale Einwanderer behandelt: Sie können kein Land besitzen, dürfen nur eingeschränkt reisen – selbst für eine Fahrt in die nächstgelegene Stadt benötigen sie eine Reiseerlaubnis – und wird ihnen eine Heirat gestattet, müssen sich die Ehepartner verpflichten, nicht mehr als zwei Kinder zu bekommen.

Flucht ins Exil – aber wohin?

Viele Rohingya suchen daher für sich und ihre Familien ihr Glück im Exil. Doch war es früher noch relativ einfach, über Bangladesch auszuwandern, ist dies mit der weltweiten Furcht vor islamistischen Anschlägen deutlich schwieriger geworden. Inzwischen wurde die Grenze nach Bangladesch aufgrund der anhaltenden Flüchtlingsströme geschlossen. Und so versuchen die Flüchtlinge auf Booten Malaysia oder Thailand zu erreichen. Doch selbst wenn ihnen dies gelingt, ist ihre Sicherheit nicht garantiert. Flüchtlingen wurde bereits das Anlanden verweigert und gezwungenermaßen mussten sie den Rückweg antreten.

Eine Verbesserung dieser Situation ist nicht in Sicht. Denn auf internationaler Ebene werden hauptsächlich die Bemühungen Birmas um freie Wahlen und Demokratisierung wahrgenommen. Die freigelassene und ins Parlament gewählte Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi wird in Europa für ihren Anteil an diesen Fortschritten gefeiert, doch auch sie hat sich bis jetzt nicht zur Situation der Rohingya geäußert.

Update April 2013: In einem Interview, das Aung San Suu Kyi in Japan gab, erörtet sie auch die Gewaltausbrüche zwischen Buddhisten und muslimischen Rohingya (Danke an die Shingetsu News Agency!).

Jetzt seid ihr gefragt: Wusstet ihr, wie es um die Rohingya steht? Oder sind sie, wie für mich, Neuland? Wie ist eure Meinung zu diesem Thema? Ich freue mich auf rege Anmerkungen.

 

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2 Antworten zu “Religiöse Gewalt in Birma

  1. Hallo,
    sehr schöner Artikel! Bisher wusste ich gar nichts über die Rohingya, nicht mal das es sie gibt…
    Ich hätte noch ein paar Fragen zu deinem Artikel:
    Wann genau ist die Anfangs erwähnte Buddhistin ermordet worden? Gab es vorher schon ähnliche Vorfälle?
    Wieviele Rohingya gab/gibt es in Burma? Und wieviele Muslime? Gehen die Anfeindungen gegen alle Muslime oder nur gegen die Rohingya? Bzw. andersrum: Sind die Muslime oder die Rohingya (aus staatlicher Sicht) die Unruhestifter?
    Danke und Liebe Grüße
    Becca

    • Danke für die vielen Fragen.
      Die Vergewaltigung und der Mord passierten am 28. Mai. Wenn dich der zeitliche Ablauf näher interessiert, gibt es in der englischen Wikipedia eine gute Chronik der Ereignisse. Es gibt immer mal wieder Ausschreitungen zwischen beiden Gruppen, aber die letzten waren seit langer Zeit die heftigsten.
      Mit den Zahlen wird es schon schwieriger: Die Regierung führt nur Statistiken über anerkannte Ethnien, die Rohingya tauchen darin nicht auf, weil sie ja offiziell ‚Illegale‘ sind. Was Muslime angeht, machen sie ca. 4% (ca. 2,2 Millionen) der Bevölkerung aus, es lässt sich aber schwer sagen, wieviele davon Rohingya sind.
      Prinzipiell kann man sagen, dass sowohl Muslime aber auch Christen aufgrund ihrer Religion benachteiligt werden. Das hängt vor allem mit der Förderung und engen Bindung des Buddhismus an die Militärjunta zusammen. Mein Eindruck war dann auch, dass die Auseinandersetzung als ‚Muslime gegen Buddhisten‘ dargestellt wird, da dies dem Interesse des Staates in seiner Unterstützung des Buddhismus entgegenkommt.
      Ich hoffe, dass dies deine Fragen beantwortet.

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