Religionswissenschaftler dürfen religiös sein

Fox News scheint das bei Muslimen allerdings anders zu sehen

Religionswissenschaft als akademisches Fach ist in der Öffentlichkeit recht unbekannt und welch skurrilen Gesprächen man sich als Vertreter dieses Fachs ausgesetzt sehen kann, beweist ein Interview von Fox News mit dem Religionswissenschaftler Reza Aslan.

Als Religionswissenschaftler ist man es ja gewohnt, gefragt zu werden, was das denn genau sei, womit man sich den ganzen Tag beschäftige. Ob man denn jetzt Pfarrer würde oder man katholisch oder evangelisch sei. Mit der Zeit kommen die Antworten ganz automatisch: nein, ich werde kein Pfarrer. Nein, ich muss nicht glauben, um Religionswissenschaftler zu sein. Ja, ich kann glauben, wenn ich das will, bin aber in erster Linie Wissenschaftler und Akademiker. Nein, mein Studium ist kein großer „Welche-Religion-passt-zu-mir“-Test.

Die häufigste Reaktion auf diese Informationen ist ein gewisses Maß an Verwunderung, dass Religionswisschenschaft nicht identisch ist mit Theologie, gefolgt von Interesse und näherem Nachfragen. Meist vertieft sich das Thema dann noch etwas oder aber das Gespräch wendet sich ganz einfach anderen Themen zu. Zumindest ist das meine Erfahrung.

Dass es auch ganz anders geht, hat der Religionswissenschaftler Reza Aslan bei einem Fernsehinterview auf dem amerikanischen Sender Fox News erfahren müssen. Zu Beginn des Gesprächs gab die Moderatorin Lauren Green die – einzige! – Richtung der Fragen vor: Warum denn Aslan als gläubiger Muslim ein Buch über Jesus Christus schreibe. Aslan antwortet souverän, dass er Religionswissenschaftler und Akademiker mit vier PHD’s sei und sich bereits seit 20 Jahren mit Jesus beschäftige. Nun könnte man als Interviewer nachfragen, woher denn das Interesse stamme, was im Buch diskutiert wird oder zu welchem Ergebnis seine Forschungen gekommen sind.

Weit gefehlt: Die Moderatorin fragt immer wieder nach seinem Glauben, konfrontiert ihn mit gegensätzlichen Meinungen anderer Autoren und wirft ihm sogar vor, seinen Glauben verheimlichen zu wollen. Aslan, obwohl er kaum ausreden darf, bleibt bewundernswert sachlich und weist darauf hin, dass es auch Christen gibt, die über Muhammad schreiben, dass der wissenschaftliche Diskurs von gegensätzlichen Meinungen lebt und dass auf der zweiten Seite seines Buches sowie in jeder Erwähnung seiner Biographie stehe, dass er Muslim ist.

Die ganze Tortur dauert fast zehn Minuten. Für Fox News ist es wohl das peinlichste Interview des Jahres mit einer erschreckend schlecht vorbereiteten Moderatorin. Für Reza Aslan war es trotzdem eine gute Promotion für sein Buch, was er vor allem seinem ruhigen und professionellen Auftreten verdankt – auch wenn ihm dieses Interview das ein oder andere graue Haar beschert haben dürfte.

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